Ein Gerippe dominiert das Gemälde. Kein Gevatter Hein, sondern der Tod als Herrscherfigur im Purpurmantel mit Hermelinpelz. Mit der rechten Hand auf ein Schwert gestützt, stößt die Gestalt mit der Linken in einer autoritären Geste den prachtvollen Thron um. Auf dem Totenschädel prangt eine eiserne Zackenkrone, während ein mit Edelsteinen besetztes Insigne zu Boden fällt. Der rechte Fuß steht auf einer Erdkugel – der Tod erscheint hier als triumphierender Beherrscher der Welt.
Das gespenstisch-dramatische Gemälde, von seiner Malerin Hermione von Preuschen zur Berliner Akademie-Ausstellung 1887 eingesandt, sorgte für eine Sensation: „Mors Imperator“ (aus dem Lateinischen übersetzt: „Der Tod ist der Herrscher“), gemalt von der Künstlerin Hermione von Preuschen (1854 – 1918), Tochter von Freiherr Maximilian von Preuschen von und zu Liebenstein, hessischer Oberkonsistorialrat, sowie verheiratet mit und in ihrer Kunst gefördert vom Literaten Konrad Telmann. Der Dichter Theodor Storm war ihr väterlicher Freund, der ihr Selbstbewusstsein stärkte.
Ihr Gemälde galt sogleich als Majestätsbeleidigung: Kaiser Wilhelm I. war zum Zeitpunkt seiner Entstehung 90 Jahre alt (der Gebrechliche hatte nur noch ein Jahr zu leben). Obwohl der Greis nichts gegen das Vanitas-Motiv einzuwenden hatte, wurde es vorauseilend gehorsam von der Königlichen Akademie der Künste abgewiesen. Zudem beeilte sich die Jury beflissen, den Malstil zu verunglimpfen, obwohl man ihn zuvor noch gelobt hatte. Nun war die Rede vom „unkünstlerischen Ausdruck eines schiefen Gedankens“.
Daraufhin stellte die Malerin das umstrittene monumentale Gemälde auf eigene Faust in Berlin in einem Privatraum, Leipziger Straße 43, gegen Eintritt aus. Für die Obrigkeit dreist, ja skandalös, wurde diese Präsentation ein riesiger Publikumserfolg. Manche Leute hatten ihren Extraspaß, zumal das lateinische „Mors“ im Plattdeutschen „Arsch“ bedeutet. Zeitungen berichteten ausführlich, nicht wenige Kritiker stellten die Ablehnung der Akademie-Jury offen infrage. Die damals 33-jährige Malerin konnte ihren Triumph feiern: Der Skandal um „Mors Imperator“ wurde zum Stadtgespräch und machte sie schlagartig berühmt. Die Alte Nationalgalerie zeigt dieses lange als verschollen geglaubte Gemälde nun als Leihgabe des Schweizer Sammlers ab Sonntag erstmals und bis zum Herbst wieder öffentlich in einer Kabinettausstellung.
„Das Genie [ist] so frei, sich nicht ans Geschlecht zu kehren, es fliegt in die Seelen, wem und wie es will.“ Diese Worte äußerte die nach Emanzipation strebende Malerin, Dichterin und Weltreisende Hermione von Preuschen auf dem „Internationalen Frauenkongress“ in Berlin 1896. Sie hielt eine kühne Rede „Über das künstlerische Studium der Frau“, in der sie sich für die Emanzipation der Frauen einsetzte, denen damals die Ausbildung an den Akademien verwehrt war.
Die in Darmstadt geborene und aufgewachsene Künstlerin hatte, unterstützt von den Eltern, ab 1872 privaten Malunterricht bei Ferdinand Keller in Karlsruhe genommen. Dort entwickelte sie ihren dekorativen, pathetischen Stil. Mit „Mors Imperator“ startete sie eine ganze Mal-Reihe großformatiger symbolistischer (Historien-)Kompositionen.
Gleich nach dem Wirbel um „Mors Imperator“ kaufte ein Schweizer Geschäftsmann das Bild. Es war dann noch bis 1905 mehrfach auf Ausstellungen zu sehen. Danach aber liegt die Provenienz im Dunkeln. Die Alte Nationalgalerie plant nun weitere Forschungen. Über 100 Jahre lang galt das Bild als verschollen. Erst 2024 wurden aus der Alten Nationalgalerie heraus Forschungen betrieben, die zum heutigen Besitzer führten: ein Schweizer Privatsammler, der es freimütig nach Berlin lieh.
Im Kabinett der Alten Nationalgalerie sind zudem Publikationen, Briefe und Fotos zu sehen, die sowohl den Skandal um Hermione von Preuschens wohl bekanntestes Bild als auch ihr Wirken als Schriftstellerin, Weltreisende und Bauherrin des „Tempio Hermione“ in Lichtenrade bei Berlin erzählen. In diesem Refugium lebte sie nach dem Tod ihres Mannes bis zu ihrem Ableben im Revolutionsjahr 1918, als Wilhelm II., der wenig kunstsinnige Sohn des von ihr einst porträtierten alten Kaisers, abdanken musste.
„Mors Imperator“, Alte Nationalgalerie, Berlin, Museumsinsel, Bodestr. 1 bis 5, Kabinett; bis 15. November 2026, Dienstag bis Sonntag 10:00 bis 18.00 Uhr.
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