Unter diesem Titel läuft derzeit im Rheinischen Landestheater Neuss ein Projekt nach Stefan Zweigs Erinnerungsbuch „Die Welt von Gestern“ – formal sehr interessant und inhaltlich beeindruckend.
Das Projekt bewegt sich zwischen Schauspiel, Performance, Hörspiel und Ausstellung. Es gibt keine feste, vom Zuschauerraum getrennte Bühne und keine festen Plätze: Die Schauspieler bewegen sich im Foyer auf einer Ebene zwischen verschiedenen, durch wenige Kulissen miteinander verbundenen Räumen; die Zuschauer folgen ihnen oder bleiben an ihrem Platz, stehen oder sitzen, wie sie gerade mögen. Die Schauspieler – vier Männer, eine Frau – sind gleich gekleidet; mal sprechen sie chorisch, mal einzeln; die Rolle Stefan Zweigs wechselt. Eine der Kulissen zeigt den Eingang zur Wiener Hofburg; in einer Ecke findet sich eine kleine Ausstellung mit Fotos von Zweig und mit Erinnerungsstücken. Der Wechsel zwischen den Räumen – hören kann man überall – markiert die Lebensstationen Zweigs; in einem der Räume zeigt ein großer Bildschirm mit Hilfe von zeitgenössischem Filmmaterial, wo man sich gerade befindet.
Stefan Zweigs „Die Welt von Gestern“ ist eines der großen Erinnerungsbücher des Zwanzigsten Jahrhunderts. Entstanden im brasilianischen Exil und erst 1942 nach dem Tode des Verfassers veröffentlicht, schildert es die bürgerliche Welt Europas um die Jahrhundertwende, ihren Untergang im Ersten Weltkrieg und das Aufkommen des radikalen Nationalismus bis hin zur Diktatur Hitlers – alles aus der Perspektive eines vom europäischen Humanismus geprägten, zutiefst pazifistischen Kosmopoliten, der sich seine Welt – die Welt des Geistes – nicht nehmen lassen will und der schließlich daran zerbricht, dass sie ihm genommen wird.
Die Texte der Schauspieler stammen ganz überwiegend aus dem genannten Buch; gelegentlich treten Auszüge aus Briefwechseln und anderen Äußerungen des Schriftstellers hinzu. So wird man auf Zweigs Lebensreise mitgenommen: Am Anfang steht die „Welt der Sicherheit“ des Wiener Bürgertums, steht ein Österreich, dessen kulturelle Bedeutung die politische weit überragt. In Paris dann lernt der junge Zweig die Leichtigkeit des Lebens kennen. In Belgien scheint noch 1914 der Krieg weit weg; im Berlin des Jahres 1922 taucht der behütete Wiener Bürger in den Taumel der Inflationszeit ein, lernt Homosexuelle und Morphinisten kennen, raffgierige Vermieterinnen und Proletarier. In Moskau spürt der angesehene Schriftsteller eine völlig andere Welt, die nach Aufbruch und nach einem neuen Menschen schmeckt. In London erlebt er das Außenseiterdasein des geduldeten Juden; in Rio de Janeiro findet er eine von Nationalismen freie und lebensfrohe neue Welt. Salzburg ist bis 1934 sein fester Lebensmittelpunkt, den er mit seiner Frau Friderike von Winternitz teilt; sie freut sich zunächst über seine neue Sekretärin, Lotte Altmann, die schließlich zu Zweigs Lebensgefährtin und nach dessen Scheidung zu seiner Ehefrau wird. Sie geht 1942 in Brasilien mit ihm in den Tod.
Das Projekt von Alexander Marusch (für die Ausstattung zeichnet Alexander Grüner verantwortlich, für die Musik Stefan Leibold), stand vor zwei Schwierigkeiten: Zum einen ist Zweigs Buch keine detailgetreue Autobiographie, sondern schildert eine ganze Epoche aus der Perspektive eines Individuums, das an ihr Anteil hat. Nicht jedes Detail aus Zweigs Leben ist wichtig; was vergessen war, wird nicht durch Recherchen zum Leben erweckt. Insofern sind die Passagen aus den ergänzenden Texten unbedingt nötig. Zum zweiten wirkte eine solche Collage langweilig, bezöge sie sich nicht auf die Gegenwart. So wird Zweigs Geschichte durch die Linse unserer Zeit betrachtet, wird immer wieder durch Stimmen und Perspektiven von heute unterbrochen. Es entsteht ein beeindruckend dichtes Geflecht, das nicht nur eine Zeit widerspiegelt, sondern das auch die ergreifende Geschichte eines Menschen erzählt, der am Ende keinen Ausweg mehr sieht – ein Geflecht schließlich, in dem sich auch unsere eigene Gegenwart wiederfinden lässt. Zweigs Kritik am Zionismus, sein über jeden Nationalismus erhabenes Weltbürgertum, sein Festhalten an einem prinzipiellen Pazifismus: Wer wollte behaupten, dass das nicht unsere Themen sind?
„Zweigs Garten“. Nach Stefan Zweigs „Die Welt von Gestern“, Projekt von Alexander Marusch und Shay David, Rheinisches Landestheater Neuss; weitere Vorstellungen am 12. April um 18.00 Uhr und am 23. April um 19.30 Uhr.
Schlagwörter: Hermann-Peter Eberlein, Rheinisches Landestheater Neuss, Stefan Zweig




