Bald beginnt es wieder, das große Ostereiersuchen. Leider sind die Enkel schon zu groß dafür und uns Alten schenkt ja kaum keiner was. Ich verstehe das. Unser Geschmack ist zu speziell, wir haben zu viel gelesen, zu viel gesehen und zu viel erlebt. Was soll man uns schon schenken außer Schnaps und Schokolade. Ich mag Schnaps und Schokolade. Vor allem aber mag ich Bücher.
Die Deutschen, die sich sonst um nichts kümmern und ihrer kulturellen Tradition zunehmend fremd gegenüberstehen, also diese angeblichen Kulturmuffel schreiben und schreiben. Dazu kommen Autoren aus etwa 100 Nationen, deren Kulturleben hier stattfindet, Übersetzungen aus vielen dutzend Sprachen, Sachbücher, Ratgeber und dergleichen. Deshalb gibt es immer mehr Verlage und immer mehr Bücher. Beinahe achtzigtausend Neuerscheinungen gibt es in Deutschland jährlich, das sind unglaubliche zweihundert pro Tag. Wer soll das alles kaufen, wer soll das alles lesen? Diese Frage stellt sich und man fragt sich: Was davon interessiert mich wirklich? Wofür opfere ich meine immer geringer werdende Lebenszeit und meine immer mehr schmelzenden finanziellen Mittel? Da wird das Angebot auf einmal ganz schmal.
Der Geist weht, wo er will, sagt man so schön. Das stimmt natürlich. Früher war das einfach. Man sah die Spiegel-Bestsellerliste durch und fand meistens etwas Gutes. Heute – der Spiegel ist längst abbestellt – werden an manchen Tagen sechs von zehn Neuerscheinungen, die auf dieser Liste stehen, in der Sendung „Druckfrisch“ von Denis Scheck gleich in die Mülltonne der Literatur geworfen. Das war eine Zeitlang auch ganz hilfreich und schauerlich-lustig dazu, nur waren die angepriesenen neuen Bücher des Moderators des guten Buches zur späten Stunde zwar andere, aber sie waren nicht besser.
Selbst die Buchhändlerin meines Vertrauens, die vor Kurzem ihren zauberhaften Buchladen zu Wandlitz schließen musste, weil die Miete deutlich schneller stieg als die Umsätze aus Büchern, hat Orientierungsprobleme. Sie ist nach fast zehnjährigem Dauereinsatz an der literarischen Front nunmehr auf Erholungsreise durch Europa und liest weiter jede Menge Bücher, aber in ihren Nachrichten steht immer öfter: abgebrochen, zugeklappt, aufgehört.
Frauen lesen anders, ich weiß. Sie interessieren sich für die Beziehungen von Figuren, für das Zwischenmenschliche, für das Emotionale, für das Schicksal und seinen Verlauf. Aber ich interessiere mich überhaupt nicht für Bücher, die von Männern und Frauen, Eltern und Kindern, Flucht, Vertreibung, Krankheit, dem „Anders-sein“ und dergleichen handeln. Ich will nur noch wissen, was „die Welt im Innersten zusammenhält“, wie alles wurde, wie es jetzt ist und wo die Gefahren, die Schlupflöcher und die Hoffnungen sind oder sein könnten.
Ich für mich habe eine Quelle gefunden, aus der ich meine Lesestoff-Informationen beziehe. Es sind die wenigen verbliebenen Buchrezensionen im Rundfunk, speziell in Radio 3 und im Deutschlandfunk. Insbesondere der Sendung „Andruck“, dem Magazin für politische Bücher, verdanke ich manchen wertvollen. Tipp.
Während einer solchen Radiosendung wurde ich auf die Autorin Heike Geißler aufmerksam, die ein sonderbares Buch mit dem Titel „Die Woche“ geschrieben hatte. Die Geschichte geht ungefähr so, dass es immer wieder, viele Male hintereinander Montag ist und sich die arbeitende Bevölkerung ans Wochenwerk zu machen, zur Schule zu gehen oder Bittgesuche an die Ämter auszuführen hat. Währenddessen verändert die Stadt ihr Gesicht; das Viertel wird gentrifiziert, der Wohnraum wird erst teuer, dann knapp, später droht die Kündigung. Die Bewohner versuchen derweil, sich mit den freundlichen oder unfreundlichen Riesen (Abrissarbeiter, Faschos, Neureiche) irgendwie zu arrangieren, und immer wieder ist es Montag und die Zerstörung schreitet fort. Nach Protesten der Bevölkerung wird es für einen halben Tag Donnerstag, aber ab Mittag ist wieder Montag angeordnet. Die Geschichte ist beklemmend gegenwärtig und ich schreibe den Satz hierher, dass ich so ein Buch mit so einem Stoff und so einer Qualität des Erzählens seit Jahrzehnten nicht mehr gelesen habe.
Fortan las ich alles von der Autorin, auch das neue Buch, den Essay „Verzweiflungen“, der alles bedenkt, bespiegelt, abwägt und anzweifelt, was sich in dieser irren Gegenwart am Rande etwaiger großer oder größerer oder ganz großer Kriege, Teuerungen, Irrungen und Wirrungen so in einem Menschenkopf abspielt. Ich kann nicht anders, als hier eine Passage einzufügen, denn besser als Heike Geißler kann man es kaum formulieren:
„Aber wie schauen eigentlich plötzlich alle meine Kinder an? Wie schauen plötzlich die Politiker*innen in den Nachrichten und in den sozialen Medien meine Kinder an?
Die schauen doch alle meine Kinder an!
Gerade noch erkannten sie meine Kinder als Jungs und verboten ihnen Stöcke und Rangeleien, weil sie darin nur potentielle und tatsächliche Gewalt entdecken wollten. Aber jetzt schauen alle – die Zeitungen und die Politiker*innen und die Wehrpflichtbefürworterinnen und die Rüstungsindustrie – sie wie künftige Soldaten an, als würden sie die beiden am liebsten gleich in den Krieg schicken, einziehen wenigstens, um sie schon einmal vor Ort in einer Kaserne zu haben.
So dass ich in aller Deutlichkeit sage: Mustert doch eure Kinder, meine Kinder lasst ausgemustert! Ich mustere meine Kinder aus dem Blickradius der militarisierten Gesellschaft aus. […]
Ich liebe. Wer liebt, ist vertausendfacht gefährdet, ist vertausendfacht geschützt.
Und ich denke an all die Moosgummischwerter, die im Kindergarten plötzlich verboten waren, und formuliere diesen Satz: Da man mich stets dazu aufgefordert hat, meine Kinder zu waffenkritischen Menschen zu erziehen, und da man sie stets davon abhielt, Waffenartiges zu suchen, Waffen zu basteln, Waffen für eine Lösung zu halten […] – ist es vollkommen unmöglich, unlogisch, ausgeschlossen, diesen Kindern nun eine künftige Musterung oder gar den Wehrdienst und Kriegseinsätze zuzumuten. […]
Ich schaue auf den Globus, wohin ich die Kinder tragen könnte (meine Güte, sie sind schwerer als ich, aber ich schaffe das, spekuliere da auf Notfallkraft, denn es gibt sie). Ich trage sie in ein anderes Land oder in eine andere Gegend oder in eine Zone anderer Geistesverfassung; ganz so, wie ein Storch, eine Störchin angeblich den Nachwuchs bringt, trage ich den Nachwuchs weg.“
Was ist das für ein guter Text, aber was sind das für schlimme Zeiten! Meine Mutter benutzte jeden Kaffeefilter zweimal, sie zählte die Bohnen ab und sie hatte Lebensmittel und Geld für drei Wochen in den Schränken. Sie wog am Ende 37 Kilo. Sie hatte eine Inflation überstanden, sie hatte im Krieg Bruder und Mann verloren, sie war nach dem Krieg den Russen entkommen. Sie weinte, als der Einberufungsbefehl für die NVA kam. Sie konnte mich nicht wegtragen. Ich war zu schwer.
Mein Enkel ist Mitte zwanzig und von Beruf IT-Techniker. Das ist eigentlich ein begehrter Beruf. Trotzdem ist er zum zweiten Mal arbeitslos. Den größten und leicht zu kontaktierenden Arbeitgeber, die Bundeswehr, verschmäht er noch. Hoffentlich behält er diese Haltung bei, wenn die Zeiten härter werden. Und sie werden härter werden. Die soziale Marktwirtschaft verwandelt sich gerade zurück in den altbekannten Kapitalismus. Eine Friedensdividende wird es nicht geben, aber sicher bald ein neues Sondervermögen. Bald ist nun Himmelfahrt und zu diesem gruseligen Wort folgt hier ein letztes Zitat von Heike Geißler:“ Die neue Realität wirft ja nicht die alten Vorstellungen über Bord, sondern sie zieht sie zielstrebig an Land, päppelt sie auf. Ich sehe und höre Wiedergänger, die ältesten und unheimlichsten Akteure der Welt. […] Es hört einfach nicht auf.“
Heike Geißler: Die Woche. Suhrkamp Verlag, Berlin 2022, 316 Seiten, 24 Euro.
Heike Geißler: Verzweiflungen. Eine literarische Intervention. Suhrkamp Verlag, Berlin 2025, 221 Seiten, 18 Euro.
Schlagwörter: Heike Geißler, Kinder, Waffen, Walter Thomas Heyn, Wehrpflicht




