29. Jahrgang | Nummer 6 | 23. März 2026

Atomendlager

von Stephan Wohanka

Es war nur eine Notiz am Rande: Aus der Bundesregierung war zu hören, dass man von einem konkreten Datum für die Errichtung eines Atomendlagers absehe. Vorher war schon durchgedrungen, dass die Endlagersuche wahrscheinlich bis in die 70er Jahre andauern werde. Dass damit die Kosten sowohl der Suche als auch des Baus sowie der Einlagerung des Mülls wesentlich steigen werden, steht außer Frage. Grund genug, sich einen Überblick über die Kosten der Energieproduktion zu verschaffen, namentlich die rund um die „saubere“ und „billige“ Atomenergie.

Der ambitionierte Plan der Bundesregierung sah vor, dass die Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE) bis 2031 einen Platz für Deutschlands hochradioaktiven Strahlenschrott findet. Nach Abschluss der Bauarbeiten hätte ab 2050 mit der Einlagerung begonnen werden sollen. Im November 2025 teilte Umweltminister Carsten Schneider mit, die Arbeiten der BGE kämen gut voran. „Schrittweise werden nun die Regionen eingegrenzt bis auf wenige konkrete Regionen, die in der zweiten Phase der Endlagersuche näher untersucht werden sollen. Diesen Vorschlag wird die BGE Ende 2027 vorlegen“. Alles Makulatur.

Es geht um die Endlagerung von 27.000 Kubikmetern hochradioaktiver Abfälle. Die wichtigsten Wirtsgesteine wären Salz, Ton und kristallines Gestein (Granit), jedes mit unterschiedlichen Sicherheitsmechanismen und abhängig von geeigneten geologischen Bedingungen.

Schon die Auswahl dieser Gesteine ist eher ein politisches denn geologisches Problem, denn damit wird die Region, der Ort des Endlagers quasi festgelegt. Und klar ist: Es wird ein Hauen und Stechen einsetzen, damit der Kelch – das Endlager „beherbergen“ zu müssen – an „meinem“ Land respektive Gemeinde oder Landstrich vorbei gehe.

Der eigentliche Skandal begann jedoch wesentlich früher: 2017, unter Kanzlerin und Physikerin Angela Merkel. Nach deutschem Atomgesetz waren die Kernkraftwerksbetreiber verpflichtet, während der Betriebszeit Rückstellungen zur Deckung aller Kosten für Stilllegung, Rückbau, für Verpackung und Ablieferung der radioaktiven Abfälle zu bilden. Ende 2021 beliefen sich diese Rückstellungen auf rund 20 Milliarden Euro. Ursprünglich lag die Verantwortung für die Entsorgung – bis zur Endlagerung – also bei den Unternehmen.

Mit dem „Gesetz zur Neuordnung der Verantwortung in der kerntechnischen Entsorgung“ (2017) wurden die Betreiber aus ihrer Verantwortung entlassen; sie zahlten einmalig rund 17,4 Milliarden Euro (andere Quellen sprechen von rund 24 Milliarden) an einen staatlichen Fonds und waren aus dem Schneider: Der Bund übernahm die Verantwortung für die Zwischen- und Endlagerung des Atommülls, einschließlich aller künftigen Kosten und Risiken. Die Betreiber sind seither nur noch für Stilllegung, Rückbau und Verpackung zuständig, alles Weitere liegt beim Staat. Oder besser – beim Steuerzahler, bei uns allen.  Dabei stehen – je nach sehr vagen Schätzungen – Beträge von 70 bis 400 Milliarden Euro in Rede.

Schon 2012 traf eine Merkel-Regierung eine energiepolitisch fatale Entscheidung. Mit massiven plötzlichen Einschnitten in die Förderung der deutschen Solarindustrie verursachte die schwarz-gelbe Koalition einen Einbruch der Inlandsnachfrage um 80 Prozent. Unternehmen hätten Umsatzeinbußen zwischen 80 und 90 Prozent hinnehmen müssen. Nicht erst aus heutiger Sicht war das industriepolitisch-strategisch desaströs, denn mit dem „Solar Valley“ in Bitterfeld-Wolfen verfügte Deutschland über ein global relevantes Produktionscluster. Unternehmen wie Q-Cells gehörten zeitweise zu den Weltmarktführern. Parallel dazu subventionierte China massiv seine Solarindustrie und die hiesigen Förderkürzungen trafen die heimische Produktion in einer Phase globaler Preiskriege. Deutschland verlor große Teile seiner Wertschöpfungskette (Zellen- und Modulproduktion). Die Solarbranche verlor nach Angaben des Branchenverbands rund 100.000 ihrer 130.000 Arbeitsplätze. Deutschland büßte seine Rolle als Vorreiter der Solarindustrie ein.

Nach Meinung von Fachleuten ist Deutschland bei entsprechenden Forschungen weiter führend, das Solar Valley biete immer noch Entwicklungsmöglichkeiten. Innovative Unternehmen aus dessen Umkreis seien international gefragte Technologiepartner. Sie benötigten allerdings klare Perspektiven. „Grundsätzlich besteht weiterhin die Möglichkeit für eine Renaissance der Solarindustrie in Deutschland und in Europa“. Momentan kostet der Strom aus Fotovoltaikanlagen vier bis sieben Cent, der aus Windparks zwischen vier und zehn Cent pro Kilowattstunde.

Man konnte schon immer geteilter Meinung darüber sein, ob Deutschland seine letzten Atomkraftwerke zu früh stillgelegt hat. Die Debatte wurde gerade wieder angefacht: Ursula von der Leyen bekannte, dass der Ausstieg aus der Kernkraft ein „strategischer Fehler“ gewesen sei, und stellte ein Programm zur Einführung sogenannter Small Modular Reactors (SMRs) vor. Die Internationale Atomenergiebehörde versteht darunter Kernreaktoren von weniger als 300 Megawatt elektrischer Leistung – weniger als ein Drittel herkömmlicher Atomkraftwerke. (siehe auch Blättchen 3/2020) Kanzler Merz erteilte diesem Ansinnen eine Absage – zumindest was Deutschland angehe.

Wieder ein „deutscher“ Fehler? Richtig ist: Um Dunkelflauten auszugleichen – wenn kaum Wind weht und die Sonne zu wenig scheint –, braucht es noch Kraftwerke mit regelbarer Leistung. Wirtschaftsministerin Katherina Reiche, durch ihre frühere Tätigkeit als Vorstandsvorsitzende des Energiekonzerns Westenergie wohl nicht ganz „unbefangen“, setzt auf neue Gaskraftwerke. Der Krieg im Nahen Osten und die wachsende Abhängigkeit von Flüssigerdgas aus den USA zeigen, wie riskant diese Strategie ist. Ergänzende Alternativen wären Batterie- und Pumpspeicher, Wasserstoffspeicher für lange Flauten sowie effiziente Energieverwaltung. Eine Studie des Forums Ökologisch-Soziale Marktwirtschaft weist auf die Kosten hin – demnach könnte Strom aus Erdgas künftig 67 Cent/kWh kosten.

Also doch besser auf die „kleine“ Atomkraft setzen? Die Hoffnung darauf ist bestenfalls vage – vor allem, was die Kosten betrifft. SMRs sollen zum Teil in Fabriken vorgefertigt werden, sodass sie an der Baustelle nur noch montiert werden müssten. Das ist die Theorie. In der Praxis erlitten Firmen mit ihren Plänen für Mini-Atomkraftwerke herbe Rückschläge. Das Unternehmen NuScale plante in den USA sechs kleine 77-Megawatt-Reaktoren. Das Energieministerium steckte Hunderte Millionen Dollar in Konzeptstudien und Genehmigungsverfahren. Ein Gutachten ergab dennoch, dass der Bau fast doppelt so teuer würde wie geplant; im November 2023 wurde das Projekt beerdigt. Gerade erhielt das Unternehmen TerraPower, gegründet von Bill Gates, eine Baugenehmigung für eine erste Anlage im Bundesstaat Wyoming. In Großbritannien und China laufen Genehmigungsverfahren, es wird massiv in diese Technik investiert.

Ungewiss ist indes weiterhin, wie teuer der Strom aus Kleinreaktoren wäre. Hersteller setzen auf Skalierung: Je mehr Anlagen, desto günstiger sollen sie werden. Solche Effekte würden aber erst erreicht, „wenn mehrere Tausend Anlagen eines Konzepts gebaut werden“, heißt es aus dem Bundesamt für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung hat errechnet, dass es je nach Konzept umgerechnet zwischen 18 und 50 Cent kosten könnte, eine Kilowattstunde Strom in Leichtwasserkleinreaktoren zu erzeugen – wesentlich teurer als Strom aus erneuerbaren Energien.

Selbst Energiekonzerne bezweifeln, dass kleine Atomkraftwerke auf absehbare Zeit wirtschaftlich sein können. „Ob und wann diese Technologie kommerziell ausgereift sein wird, kann heute noch niemand sagen“, heißt es aus Deutschlands größtem Stromerzeuger RWE. Es gebe weltweit keinen einzigen Zulieferer, der eine Bauzeit zusagen und fest vereinbarte Kosten anbieten würde. Angesichts solchen Risikos sei eine Investition für privatwirtschaftliche Unternehmen „nicht darstellbar“.

Für die Kleinreaktoren müssten in Europa wohl auch neue Anlagen zur Anreicherung von Uran errichtet werden. Bislang kommen in Kernkraftwerken meist Brennstäbe zum Einsatz, in denen Uran auf ungefähr fünf Prozent angereichert wurde. Manche SMR-Konzepte sind aber für deutlich höher angereichertes Uran ausgelegt. Laut World Nuclear Association verfügen nur Russland und China über Einrichtungen, um solches Uran im großen Stil zu produzieren. Zudem fällt auch bei Kleinreaktoren strahlender Müll an – vermutlich sogar mehr als bei herkömmlichen Kernkraftwerken. In kleinen Reaktoren könne der Brennstoff nicht so effizient abgebrannt werden, „pro Einheit erzeugter Energie entsteht daher mehr Abfall“. Und bei militärischen Angriffen oder Terroranschlägen wären die vielen SMRs wahrscheinlich robuster gegen Kühlungs- und Stromausfälle als herkömmliche Meiler, aber nicht grundsätzlich „angriffssicher“. Ein unterirdisches Design erhöhte zwar die Resilienz, aber auch die Kosten.

Von der von der Leyen angekündigten „weltweiten Renaissance der Kernenergie“ kann im Moment noch kaum die Rede sein. Und das Atomendlager-Problem wird größer und größer.