Wie modern ist Shakespeares „König Lear“?

von Joachim Lange

Im Staatstheater Kassel hat Lars-Ole Walburg eine Antwort mit der Übersetzung von Thomas Melle versucht, das Ergebnis bleibt so zwiespältig wie davor schon der Versuch von Evgeny Titov in Düsseldorf.

Wenn es heutzutage Shakespeares unkaputtbares Endzeit- und Auflösungsstück, die Alte-weißer-Mann-Tragödie „König Lear“ auf den Spielplan schafft, dann rechnet niemand mehr mit dem, was lange Zeit als deutschsprachiges Original galt. Wobei das nicht so schmerzt wie im Falle von „Hamlet“ oder „Richard III.“ Immerhin ist die Entscheidung für eine Übersetzung unumgänglich, also legitim.

Bei der jüngsten Inszenierung von Lars-Ole Wallburg in Kassel erhielt Thomas Melle den Zuschlag. Diese Übersetzung hatte auch Evgeny Titov 2025 in Düsseldorf verwendet. Bei Karin Baier in Hamburg war es 2018 die von Rainer Iwersen. Christian Weise ging 2022 am Maxim Gorki Theater noch weiter und griff auf eine Fassung von Soeren Voima (dahinter steht der Dramaturg Christian Schirmer) zurück. Dem Label dieses Berliner Hauses entsprechend wurde aus dem King eine Queen Lear. In dieser Beziehung sind die jüngeren Inszenierungen am Schauspielhaus in Düsseldorf und jetzt in Kassel vergleichsweise werk- bzw. geschlechtertreu.

Dass in Kassel aus dem königstreuen, unglücklichen Vater von Edgar und Edmund eine Gloucesterin, also eine Mutter wird, nimmt man gerne hin, weil Annett Kruschke so die Gelegenheit bekommt, ein Muster an Sprechkultur und darstellersicher Akkuratesse beizusteuern. Und wenn Emilia Reichenbach ihren Edgar gegen den Edmund in Stellung bringt, der bei  Strahlemann Philipp Staschull zum skrupellosen Macho aufgeblasen wird, der alle Register des Populismus drauf hat, dann passt das als Kontrast sogar. In denkbar großem Kontrast zu Zazie Cayla als der verstoßenen Schwester Cornelia borgen sich Lisa Natalie Arnold und Annalena Haering für Goneril und Regan ihren Habitus bei diversen, hemmungslosen und sich chronisch selbst überschätzenden Influencerinnen. Das sind hübsch bösartige Scharmützel. Erst bei ihren maßlos übertriebenen Liebesbekundungen, dann, wenn sie die Maske fallen lassen, mal direkt ans Publikum adressiert und schließlich, wenn sie aufeinander losgehen. Diesmal erwachen die beiden am Ende sogar noch einmal von den Toten und bringen mit Edgar und Kent (dessen zweite Natur bei Clemens Dönicke der Narr war) auch noch die beiden Überlebenden um. Dazu kippen sie ihnen eine ordentliche Portion von gelber Farbe (die schon den ganzen Abend über metaphorisch das Blut vertrat) über den Kopf und stoßen martialische Schreie aus. Die klingen, als kämen sie direkt aus der Poptheater-Hölle. Da hatte Hagen Oechel seiner Lear-Stimme wohl auch die durchdringend schrille Rauheit verpasst, die von Beginn an gewöhnungsbedürftig irritierend wirkte. Dass der Wahnsinn bei ihm nicht zur Selbstbefreiung wird, sondern der Normalzustand ist, nimmt der Figur gerade die Fallhöhe, die gemeinhin zu berühren vermag. Und seine beiden gierigen Töchter sind ihm zu ähnlich, als dass sie nicht sofort zugreifen würden, als sich die Chance bietet, dem Alten die Macht zu nehmen.

Der schrill moderne Habitus der Figuren, aber auch mancher (Sprach-)Bilder sind erkennbar Methode, sollen die Verbindung zu Gegenwart und Publikum schlagen, verheddern sich aber – nicht nur bei Ausflügen in die Fäkalsprache – oft im eigenen Anspruch. So ist es wohl nicht ganz zu Ende gedacht, wenn aus dem Gefolge des Königs Follower werden, die die Töchter erst reduzieren und ihm dann ganz wegnehmen wollen. Dass die Bühne von Maria-Alice Bahra und die Kostüme von Maria Walter mit dekonstruierendem Furor auf Offenheit setzen, kommt zwar den Mimen zugute, wenn sie das exzessiv für ihre Rollenporträts nutzen. Im Ganzen freilich kommt einem der Theater-Hauptsatz in den Sinn, den Shakespeare Hamlets Mutter Gertrud sagen lässt: „Mehr Inhalt, weniger Kunst!“

In Düsseldorf hatte Etienne Pluss dem Stück und einem die Worte wägenden Großschauspieler wie Burghart Klaußner als Lear eine grandiose, düster gotische Burg auf den Leib geschneidert. Auch bei Evgeny Titov gibt es nach des Königs Amtsverzicht ein Duell weiblicher Schwesternbosheit – aber die Gloucesters fehlen. Schmerzlich. Übrig ist nur Valentin Stückl als Edmund mit vollem (sprich nacktem) Körpereinsatz auf einem Egotrip. Große Bilder um ein großes Loch ziemlich im Zentrum des Stückes.

Auch hier hatte Königin Gertrud wohl Recht …