Der aus großbürgerlichem Hause stammende und 2006 verstorbene Schweizer Schriftsteller Jean Villain (bürgerlich: Marcel Bruno Brun) hatte sich ab 1949 längere Zeit in einem israelischen Kibbuz aufgehalten. Er arbeitete seinerzeit für die Tageszeitung Al Hamishmar in Tel Aviv. Ebenfalls 1949 erfolgten erste Publikationen in der Weltbühne, zu deren ständigem Mitarbeiter Villain wurde. 1961 siedelte er in die DDR über, wo er auch für die NBI (Neue Berliner Illustrierte) arbeitete und etliche Bücher publizierte.
1991 beleuchtete Villain in einem zweiteiligen Beitrag die Geschichte und den damaligen Zustand des israelisch-palästinensischen Konfliktes, den wir nachfolgend dokumentieren.
Die Schreibweise der Originaltexte wurde beibehalten.
Israel: Am Anfang ein Verhängnis
Rekapitulieren wir: 1907 beschloß der Achte Zionistenkongreß in Den Haag die Gründung eines „Palästina-Amtes“ mit Sitz in Jaffa. Sein Daseinszweck: Zwischen Mittelmeer und Jordan, einer Gegend also, die damals zum Osmanischen Reich, der heutigen Türkei, gehörte, so rasch wie möglich möglichst viele Juden anzusiedeln.
Zehn Jahre später, 1917, versprach Englands Außenminister Balfour dem führenden britischen Zionisten und Bankier Lord Lionel W. Rothschild in einem Brief Großbritanniens Hilfe bei der Schaffung einer „nationalen Heimstatt der Juden“, die in Palästina liegen solle. Zu wahren seien dabei allerdings die Rechte der bereits dort lebenden anderen Völkerschaften. Das Dokument ging als die „Balfour-Deklaration“ in die Geschichte ein.
1937 war im ebenfalls in London konzipierten Peel-Plan erstmals von einer Spaltung Palästinas in ein jüdisches und ein arabisches Gebiet die Rede. Und am 29. November 1947 schließlich gab die UNO-Vollversammlung der Teilung Palästinas in zwei souveräne Staaten ihren Segen. Die UdSSR, die sich ursprünglich für einen jüdisch-arabischen Föderativstaat und damit gegen die Spaltung Palästinas ausgesprochen hatte, erklärte sich im letzten Augenblick ebenfalls für den Mehrheitsantrag. Die rund 1,8 Millionen Palästinenser fragte man gar nicht erst; die wenigen arabischen Staaten, die damals bereits Sitz und Stimme in der UNO hatten und gegen diese Lösung stimmten, blieben isoliert.
Die Zionisten wiederum begrüßten zwar die Resolution zunächst, traten sie indes sehr bald mit Füßen. Was primär dem historischen Verhängnis zuzuschreiben ist, welches die Gründung eines Staates Israel überhaupt erst denkbar, dann möglich und schließlich unabwendbar dringlich werden ließ.
Seinen Anfang nahm dieses Verhängnis im letzten Drittel des vergangenen Jahrhunderts im von Palästina weit entfernten russischen Zarenreich. Dort hatte es eine verrottende feudale Oberschicht immer wieder verstanden, bedrohliche soziale Spannungen und Widersprüche von sich weg und auf die in den Städten und Dörfern des Landes lebenden jüdischen Minderheiten abzulenken. Mit dem Ergebnis, daß es in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts immer häutiger zu entsetzlichen Progromen kam, denen Abertausende zum Opfer fielen. Ebendiese traumatische Kollektiverfahrung russischer Juden war es, die den in Odessa lebenden jüdischen Arzt und Publizisten Leo Pinsker um 1880 zu der These inspirierte, Ruhe, Sicherheit und Frieden würden die Juden letztlich nur in einem eigenen Staate finden. Die Hoffnung, die „Judenfrage“ ließe sich durch „Assimilation“ der israelitischen Minderheiten, durch deren Aufgehen in den Völkern, mit denen sie zusammenlebten, lösen, habe sich als Illusion erwiesen. Theodor Herzl, ein brillanter Wiener Journalist, nahm Pinskers Grundgedanken auf und baute ihn zu jener Ideologie aus, die bald schon als „Zionismus“ Weltgeschichte machen sollte und deren erklärtes Ziel von Anfang an die Kolonisierung Palästinas durch die Juden war.
Der Begriff „Kolonisierung“ wird hier ohne jede polemische Absicht benützt, da er das, was nun geschah, überaus präzise definiert. Ging es doch von nun an wirklich um die etappenweise Okkupation und Unterwerfung eines von Menschen anderer Sprache, anderer Kultur und Religion bereits bewohnten Landes. Auch bestand von Anfang an die erklärte Absicht, die palästinensischen „Eingeborenen“ – in der Mehrzahl Fellachen – vom Boden, den sie kultivierten, zu entfernen. Wenn Chaim Weizmann, damals Vorsitzender der zionistischen Weltorganisation, schon 1922 vor der Pariser Friedenskonferenz verkündete, die Zionisten planten einen Staat, der „so jüdisch werden soll, wie England englisch“ (Fischer Weltgeschichte), dann wußte er durchaus, wovon er sprach!
Wie sehr der Zionismus sowohl in seiner Theorie als auch in seiner Praxis tatsächlich ein Produkt bürgerlicher Denkmodelle des Kolonialzeitalters war, mag seine Siedlungspolitik bezeugen. Da gab und gibt es heute noch den bereits zur britischen Mandatszeit gegründeten Keren Hayesoth Leisrael, einen Bodenfonds, dessen Hauptaufgabe darin bestand, mit vorwiegend von wohlhabenden nordamerikanischen und westeuropäischen Zionisten gespendeten Mitteln in Palästina große Ländereien aufzukaufen und in „Nationaleigentum“ zu überführen. Dafür, daß sie zu solchem wurden, sorgt das Statut des Fonds. Es legt fest, daß einmal erworbene Flächen nur von Juden genutzt und nie wieder an Nichtjuden verkauft werden dürfen. Bis zum Zeitpunkt der Staagründung brachte der Bodenfonds immerhin 6,6 Prozent der Gesamtfläche Palästinas unter seine Kontrolle.
Einen rasanten weiteren Aufschwung erfuhr die Landnahme im und nach dem Kriege von 1948/49. Jetzt gesellte sich zu den bisherigen Kaufverfahren der offene, unverhohlene Raub von Land, und wenn Chaim Weizmann, nunmehr erster Präsident des Staates Israel, dem Botschafter der USA, McDonald, damals erklärte, die Flucht von mehr als einer Million arabischer Palästinenser im Frühling 1948 sei „eine wundersame Erleichterung der Ziele Israels“ gewesen, dann meinte er damit vor allem die vielen tausend Hektar zusätzlichen Bodens, die durch besagte „Flucht“ (die in Wahrheit eine wohlvorbereitete Vertreibung insbesondere von Bauern war) „frei“ wurden. Nunmehr machten die von den Zionisten kontrollierten Flächen bereits zwei Drittel des gesamten Staatsgebietes aus!
Aber selbst damit war der Landhunger des jungen Staatswesens nicht gestillt. Bis zum Vorabend des Juni-Krieges von 1967 steigerte es die zionistisch kontrollierten Landflächen – teils durch weitere Käufe, immer öfter aber auch durch Sequestrierung – auf volle 92 Prozent des Territoriums. Der damals immerhin noch 17 Prozent der Bevölkerung Israels umfassenden arabischen Minderheit blieben nur noch 8 Prozent …
Ihre letzte Steigerung erfuhr diese Politik der Landnahme nach 1967. Nun kamen das Nutzland der soeben militärisch unterworfenen „Westbank“ und des Gazastreifens an die Reihe. Zwar beteuerten anfänglich sowohl die linken Zionisten der Arbeiterpartei als auch die rechten des Likud mit Nachdruck, nichts läge ihnen ferner als eine Annexion eroberter Gebiete. Indes, noch während sie beteuerten, kolonisierten sie bereits ein weiteres Mal drauflos, und zwar nach wohldurchdachten Plänen. Als erstes sicherten sie die strategisch wichtige Jordansenke durch neue Kibbuzim und Moschavim. Weitere Siedlungsgürtel entstanden rund um die Araberstädte Jenin, Nablus, Ramallah, Bethlehem und die Altstadt von Jerusalem. Beides zielte offensichtlich darauf ab, die Palästinenser der Westbank demographisch von den Nachbarländern abzuschneiden.
Ihre ideologisch-moralische Rechtfertigung suchte und fand diese eindeutig konfrontative Generallinie der israelischen Araber-Politik im Basis-Axiom der zionistischen Staatsdoktrin. Es postuliert, daß Israel nicht nur die Heimat aller Israelis, sondern vielmehr die aller Juden überhaupt sein solle, gleichgültig wo sie derzeit lebten, und daß demzufolge Israel auch Raum für sie zu schaffen habe. „Legitimiert“ wird dieser Anspruch insbesondere von Nationalisten wie Schamir mittels einer fundamentalistisch-mystischen Deutung des Alten Testaments und anderer Heiliger Schriften, aus denen sich angeblich das einem jeden Juden von Gott gegebene „Recht“ auf Rückkehr in „sein“ Land ableiten lasse. Will sagen: in Land, aus welchem seine Ahnen vor mittlerweile gut 2000 Jahren durch römische Kohorten vertrieben worden sind …
Befragt von einem Israeli, was denn aus den vertriebenen Arabern und aus ihrem schon 1947 von der UNO beschlossenen Palästinenserstaat werden solle, antwortete Menachem Begin, Schamirs Vorgänger im Ministerpräsidentenamt, schon 1969 in einer öffentlichen Diskussion, abgehalten im Kibbuz Ein Hakhoresh: „Passen Sie auf, mein Freund: Wenn Sie Palästina anerkennen, zerstören Sie Ihr Recht, in Ein Hakhoresh zu leben. Wenn hier Palästina ist und nicht Erez Israel, dann sind Sie Eroberer nicht Bebauer des Landes. Sie sind Eindringlinge. Wenn hier Palästina ist, dann gehört das Land dem Volk, das hier lebte, bevor Sie gekommen sind. Nur wenn hier Erez Israel ist, haben Sie das Recht, in Ein Hakhoresh und Degania zu leben. Wenn es nicht Ihr Land ist, das Land Ihrer Vorväter und Ihrer Söhne – was machen Sie denn dann hier? Sie sind in das Land eines anderen Volkes gekommen, wie die es ja auch behaupten. Sie haben es vertrieben und ihm sein Land genommen …“
Die vertane Chance
Aber ist Israel denn nur ein Kolonialstaat, der ein anderes Volk verdrängt hat?
Selbstverständlich nicht! Schon deshalb nicht, weil seine geistigen Väter – wenn auch mit den zweifelhaften Mitteln ihrer Epoche – primär wirklich das anstrebten, was Palästina/Israel ja dann auch wurde: eine nationale Heimstatt für Verfolgte.
Was es freilich schneller und vor allem auf ganz andere Weise wurde, als den ersten Zionisten lieb und recht gewesen wäre. Daß im aufgeklärten 20. Jahrhundert mitten in Europa, in einem wirtschaftlich und kulturell so hoch entwickelten Staate wie dem deutschen eine Handvoll politischer Abenteurer, Ausgeburten eines ins Schleudern geratenen Spätkapitalismus, zur Ablenkung von dessen Schwierigkeiten allen Ernstes den größten Pogrom aller Zeiten veranstalten würden, einen Genozidversuch, der sechs Millionen Menschen, mehr als ein Drittel der damaligen jüdischen Weltbevölkerung, auslöschte, das hatten Pinsker und Herzl selbst in ihren schlimmsten Alpträumen nicht geahnt!
Die von den Nazis programmierte und ab 1933 mit zunehmender Wucht über das europäische Judentum hereinbrechende Katastrophe war es, welche die bis dahin nur von einer kleinen, eher marginalen Schar überzeugter Zionisten propagierte und selbst von diesen in eine generationenferne Zukunft projizierte Vision des Judenstaates jäh zum kategorischen Imperativ, für Ungezählte gar zur letzten Hoffnung werden ließ. Nur diese jähe Dringlichkeit der Staatsgründung zwecks Rettung möglichst vieler „heiligte“ dann auch bestimmte Mittel militärischer und anderer Art, deren exzessiver Einsatz in der Folge freilich dazu führte, daß die ersehnte „nationale Heimstatt“ für die „Heimgeführten“ alles andere wurde als ein Hort des Friedens und der Ruhe! Von den Strategen der Verdrängung der palästinensischen Fellachen abgesehen, begann die Serie der Sündenfälle nicht zuletzt auch damit, daß sich die Zionisten in ihrem Drang, im Nahen Osten Fuß zu fassen, schon früh in ziemlich schmutzige politische Geschäfte verwickeln ließen.
Bereits die Balfour-Deklaration-hatte ihren hohen Preis gehabt. Wenn sich Großbritannien bereit erklärte, die massenhafte Immigration von Juden in sein künftiges Mandatsgebiet in Vorderasien nicht nur zu dulden, sondern ursprünglich sogar zu unterstützen, dann vor allem deshalb, weil sich dies wunderbar in sein globalpolitisches Konzept einfügte. Wurde doch auf diese Weise die „europäische“ Präsenz im Vorderen Orient verstärkt, insbesondere die an der strategisch wichtigen, von aufkommenden arabischen Nationalismen, aber ebenso von kolonialen Konkurrenten zunehmend bedrohten Ostflanke des Suezkanals. Zudem lenkten die jüdische Landnahme in Palästina und die sich daraus für die Palästinenser ergebenden schlimmen ökonomischen Konsequenzen die antikolonialen Kräfte der ganzen Region vorerst von der kolonialen Vormacht ab.
Auf die Chance einer eigenständigen, keinerlei fremden Interessen dienstbaren Außenpolitik schienen sich die Zionisten, genauer, deren linker Flügel, erst nach 1945 ernsthaft zu besinnen. Vor allem in der sozialistischen Mapam war damals viel von Blockfreiheit die Rede, und in den ersten Zeiten nach der Staatsgründung plädierten starke Kräfte in der Tat für einen nationalen Kurs in der strikten „Nichtidentifikation“ – hauptsächlich mit der Politik der USA. Hätte sich dieses Konzept durchsetzen können, sähe es im Nahen Osten heute wohl weniger trostlos aus.
Über die Gründe dafür, daß es anders kam, Chaim Yahiel, ehemaliger Direktor des Außenministeriums zu Tel Aviv: „… Die Wendung von der Nichtidentifikation zur Ausrichtung auf die Vereinigten Staaten im Jahre 1950 (war) primär von der Furcht bestimmt …, daß die Hilfeleistungen ernsthaft beschränkt werden würden, und zwar jene der US-Regierung wie auch der amerikanischen Juden, die Neutralismus nicht liebten …“
Über die bitteren Konsequenzen dieser frühen Total-Anlehnung des Staates Israel an Nordamerika aber schrieb der Herausgeber der wichtigsten Tel-Aviver Tageszeitung „Ha’Arez“, Gershon Schoken, schon 1951: „In diesem Sinn ist Israel die Rolle eines Wachhundes übertragen. Es ist nicht zu befürchten, daß es einen aggressiven Kurs gegen die arabischen Staaten einschlägt. Sollten die westlichen Mächte jedoch aus dem einen oder anderen Grund ein Auge zudrücken, so können sie sich darauf verlassen, daß Israel jene Nachbarschaften bestraft, deren mangelnder Respekt dem Westen gegenüber die zumutbare Grenze überschritten hat.“
Auf Israel war alsbald in der Tat Verlaß. Die Linie seiner stetig eskalierenden „Bestrafungsexpeditionen“ und anderen Aktionen gegen „unbotmäßige Nachbarschaften“ führt vom Suez-Feldzug 1956, der den Engländern den von Nasser nationalisierten Kanal hätte zurückbringen und den Franzosen den Zusammenbruch des algerischen Aufstandes frei Haus hätte liefern sollen, über den „Fünftage-Krieg“ von 1967 bis hin zum Dauerkonflikt in Libanon. Wo sie enden wird, ist derzeit noch nicht abzusehen.
Was aber, wenn sich Israels heutige Schutzmacht, Nordamerika, eines Tages aus dem einen oder andern Grund mit den Arabern arrangieren, sein martialisches Gehabe ihnen gegenüber fallenlassen wird? Was, wenn der Stern der USA in jener Region dereinst verblassen sollte, so wie der Frankreichs und der Großbritanniens verblaßte? Um derlei vorauszusehen, braucht man kein Prophet zu sein. Es reicht das Wissen um die jähen weltpolitischen Wechselfälle der letzten dreißig, vierzig Jahre, das Wissen um die historische Kurzlebigkeit jeder bisherigen kolonialen oder neokolonialen Machtstruktur.
Was also dann?
Die nach dem Nahost-Krieg, dem sechsten seit 1948(!), vielleicht letzte Chance Israels – und nicht nur Israels, auch seiner arabischen Nachbarn –, der nächsten, dann vermutlich nuklearen und somit wohl finalen Katastrophe zu entgehen, läge heute darin, daß die Zionisten Erez Israel endlich als das begreifen lernen, was es, soll es überleben, erst noch werden muß: Als ein ganz normales Land mit klaren, festgeschriebenen und garantierten Grenzen und ohne mystisch-fundamentalistischen Alleinvertretungsanspruch auf jüdische Bevölkerungen außerhalb derselben. Als ein Land, das somit auch verzichten kann auf weitere territoriale Expansion und die von dieser untrennbaren militärischen Abenteuer.
Und nicht zuletzt als ein Land, das den aus ihm vertriebenen Palästinensern endlich gleiches Recht auf eine „nationale Heimstatt“ zuerkennt. Was die Grundvoraussetzung zur Anerkennung Israels durch alle seine Nachbarn und natürlich durch die Palästinenser und damit eines friedlichen Zusammenlebens wäre.
Mit anderen Worten: Israels Zukunft hängt davon ab, ob es seine Staatsdoktrin, den Zionismus, als historisch obsolet erkennt und überwindet und durch eine zeitgemäßere ersetzen kann!
Leider ist es der Redaktion nicht gelungen, mögliche Rechteinhaber an den Publikationen Jean Villains ausfindig zu machen. Wir bitten daher darum, sich gegebenenfalls mit uns in Verbindung zu setzen.
Schlagwörter: Balfour-Deklaration, Israel, Jean Villain, Kolonisierung, Landnahme, Palästina




