29. Jahrgang | Nummer 4 | 23. Februar 2026

Ein bewegtes Leben: Annette Kolb

von Mathias Iven

Am 3. Februar 2025 wurde im Literaturhaus München die Annette Kolb-Gesellschaft gegründet. Laut Satzung will sich die Gesellschaft „für eine verstärkte Rezeption und Beschäftigung mit dem Werk“ einsetzen. Annette Kolbs in der Monacensia aufbewahrter Nachlass umfasst mehr als 150 Manuskripte, 1800 Briefe und zahlreiche Fotografien. Die 1870 in München geborene Kolb zählt ohne Zweifel zu den bedeutenden deutschen Autorinnen des 20. Jahrhunderts. In der anlässlich ihres Todes vor Mitgliedern des Ordens Pour le Mérite gehaltenen Gedenkrede betonte Carl Jacob Burckhardt: „Ihr ganzes Leben gehört dem heroischen Versuch, den Einklang des Menschenpaares, dem sie ihr Dasein verdankte, auf die Beziehungen zwischen ihrem Vaterland: Deutschland, und ihrer zweiten Heimat: Frankreich, zu übertragen.“

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Bereits 2019 erschien ein erster Band mit Kolbs Briefen an Schriftstellerinnen und Schriftsteller (Blättchen 3/2020). Jetzt legt Cornelia Michél, die Großnichte von Annette Kolb, einen weiteren Auswahlband vor. Umfassend kommentiert und mit einer Zeittafel versehen werden fast 200, teils unveröffentlichte Briefe von und an Kolb aus den Jahren 1902 bis 1967 präsentiert.

Am Anfang stehen mehrere Schreiben von John Ford. Der englische Diplomat verkehrte nicht nur im Salon von Kolbs Mutter Sophie und begleitete deren Tochter zu verschiedenen Anlässen, er wurde auch zum Protagonisten in Annette Kolbs einzigem Liebesroman „Das Exemplar“. Fast wortwörtlich finden sich darin einige seiner an sie gerichteten Briefe. Als das Buch 1913 mit dem Fontane-Preis ausgezeichnet wurde, schrieb ihr Hugo von Hofmannsthal: „Sie haben Dinge hingestellt, die für die meisten Menschen garnicht existieren, die wirklich zu fixieren eigentlich kein deutscher Autor auch nur versucht hat.“

In der Zeit des Ersten Weltkriegs hatte Annette Kolb es schwer, mit ihren pazifistischen Ansichten Gehör zu finden. Immer wieder musste sie sich, wie es der ihr lebenslang verbundene deutsche Diplomat Richard von Kühlmann formulierte, „mit allerlei Unverstand Ihrer Zeitgenossen“ herumschlagen. Die Atmosphäre allgemeiner Kriegsbegeisterung übertönte Kolbs Stimme der Vernunft. Noch während des Krieges emigrierte sie in die Schweiz. Anfang der Zwanzigerjahre kehrte Kolb zurück nach Deutschland. Im baden-württembergischen Badenweiler fand sie für fast ein Jahrzehnt ein neues Zuhause. Während dieser Jahre veröffentlichte sie neben zahlreichen Artikeln für Zeitungen und Zeitschriften auch sechs Bücher. Eines davon war der Gesellschaftsroman „Daphne Herbst“, den Hofmannsthal mit den Worten lobte: „[…] da ist etwas so ungewöhnliches erreicht, […] da ist ein Roman in deutscher Sprache geschaffen, dessen gleichen es vordem nie gegeben hat“. Literarisch stand Annette Kolb in diesen Jahren auf dem Höhepunkt ihres Ruhms, wurde sie doch in einem Atemzug mit Thomas Mann, Hermann Hesse und Stefan Zweig genannt.

Bereits vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten veränderte sich die politische Ausrichtung einiger Zeitschriften. So beobachtete Kolb mit Besorgnis die zunehmende Einflussnahme des gegenüber der NSDAP unkritischen Karikaturisten und Grafikers Olaf Gulbransson auf die Münchner Satirezeitschrift Simplicissimus. Am 9. Oktober 1931 wandte sie sich daraufhin an Kurt Tucholsky, den Mitherausgeber der Weltbühne. „Aber bringt doch“, bat sie ihn, „eine ,flammende‘ Notiz über die unerhörte bodenlose Schwenkung, die der Simplicissimus mit einem Mal vollzieht! […] Dieser plötzliche Franzosenhass dies plötzlich zu einem Saublatt herab gestiegenen Simpels gehört doch an die grosse Glocke!“ Tucholsky, der sich durchaus nicht als „Aufsichtswart deutscher Zeitschriften“ verstand, versuchte dennoch auf den Simplicissimus-Chefredakteur Franz Schoenberner einzuwirken. Im Februar 1932 informierte er Kolb darüber: „Aber hier hast Du das deutsche Bürgertum: ahnungslos, genau wieder so ins Unglück taumelnd … der Mann da in München wäre höchsterstaunt, wenn man ihm sagte, dass er mithilft, den nächsten Krieg vorzubereiten.“

Am 5. Februar 1933 sprach Kolb in einer Sendung des Westdeutschen Rundfunks in Köln. Der Schriftsteller Manfred Hausmann sandte ihr daraufhin einen „Warnbrief“, in dem es unter anderem hieß: „Sie haben sich dort sehr freimütig, wie es so Ihre Art ist, über den Zerfall Deutschlands geäußert, der durch die Harlekinaden des slowakischen Parteibuchdeutschen – gegenwärtig Reichskanzler [Adolf Hitler – M.I.] – ja tatsächlich in ziemliche Nähe gerückt ist. […] Ich habe immer so das Gefühl, als wanderten Sie zwar sehr beschwingt aber doch ein wenig ahnungslos durch diese Zeit politischen Irrsinns. Ich bin gewiss, dass Sie diesen Brief genau so aufnehmen, wie er gemeint ist, als ein Zeichen der Anhänglichkeit.“ – Wie ernst die Lage war, zeigte sich bereits einen Tag nach dem Vortrag, als die Berliner Polizei auf offener Straße eine Frau verhaftete, die man irrtümlich für Annette Kolb hielt. „Ihrer kollegialen Tat“, schrieb sie fast auf den Tag genau fünfzehn Jahre später an Hausmann, „verdanke ich meine Rettung.“

Die Jahre des Exils, die wechselnden Aufenthaltsorte – Schweiz, Luxemburg, Frankreich, Irland, schließlich ab 1941 die USA – wurden zu einer harten Belastungsprobe. „Im übrigen fühle ich mich von ganz Europa verlassen und vergessen, Niemand schreibt mir ein Sterbenswort“, beklagte sie sich  bei ihrer langjährigen Freundin Theodora von der Mühll, Schwester des Schweizer Diplomaten und Historikers Carl Jacob Burckhardt. Und für alle, die ihr Schicksal teilten, fand sie die Formel: „Wir zu Nomaden gewordenen.“

Im Herbst 1945 kehrte Annette Kolb nach Europa zurück. Noch immer reiste sie viel, wobei Paris ihr Lebensmittelpunkt war. „Allmählich“, so Cornelia Michél, „erinnerten sich auch die Münchner ihrer genialischen Schriftstellerin.“ 1950 wurde Kolb Mitglied der Bayerischen Akademie der Schönen Künste, im Jahr darauf erhielt sie den Kunstpreis für Literatur der Stadt München. Ein letztes Mal zog sie im Mai 1961 um. Freunde hatten ihr eine Wohnung in ihrer Geburtsstadt angemietet, wo sie 1967, fast hundertjährig, starb und ihre letzte Ruhe auf dem Bogenhausener Friedhof fand.

Bleibt die Frage: Was hält Kolbs Nachlass noch bereit?

 

Annette Kolb: Zwischen uns. Briefe der Freundschaft (hrsg. von Cornelia Michél), Allitera Verlag, München 2026, 295 Seiten, 24,90 Euro.

 

Informationen zur Annette Kolb-Gesellschaft können bei dieser per E-Mail (AnnetteKolbGesellschaft@lrz.uni-muenchen.de) angefordert werden.