Der Welterbe-Status wirkte wie eine Keule

von Ingeborg Ruthe

Keine vier Jahre nach seiner Enthüllung wurde der Cranach-Triegel-Altar aus dem Naumburger Dom schon wieder verbannt. Die Vereinigten Domstifter zu Naumburg und Merseburg hatten Michael Triegel damit beauftragt. Der Vertreter der Leipziger Schule hatte schon den deutschen Papst Benedikt XVI. porträtiert. Stifter und Gemeinde wünschten sich die Wiederauferstehung des im Bildersturm von 1541 zerstörten Altars von Lucas Cranach d. Ä. Und ja: als mutige Collage aus altmeisterlicher und heutiger Malerei.

Triegel malte das zerstörte Mittelteil und die Predella in seinem virtuos renaissancehaften Stil neu: eine Marienszene und auf der Rückseite die Auferstehung, Christus als Salvator Mundi – Verkörperung der Heilsgeschichte im Neuen Testament. Für die Madonna saß Triegels Tochter Elisabeth Modell. In der Gruppe dahinter, als Metapher für die Naumburger Domgemeinde, ein Mädchen mit dem Lamm Gottes, der Heilige Petrus mit Basecap, ein Rabbiner und der Pfarrer und Antifaschist Dietrich Bonhoeffer mit Nickelbrille.

Seit dem Frühsommer 2022 war der Alt-Neu-Altar im Westchor des gotischen Naumburger Doms Pilgerziel. Die Besucherzahlen in der Welterbe-Stätte schnellten in die Höhe. Welche Begeisterung für diese Sacra Conversazione!

Doch sachsen-anhaltinische Vertreter von Icomos, dem Internationalen Rat für Denkmalpflege, monierten dann, dass der Altar die Sichtachse zur gotischen Stifterskulptur der Uta von Naumburg verstellt.

„Die schöne Uta“ thront neben ihrem markgräflichen Gemahl Ekkehard oben an der Säule, auf dem Sandsteinsims. In dieser Achse stand freilich dereinst schon Cranachs Werk. Aber Icomos bleibt beinhart: Der neue Altar verletze den Welterbe-Status des Doms, der Unesco-Geldfluss drohe zu versiegen.

Die Auftraggeber waren machtlos, der Protest der Domgemeinde half nichts. Bis Advent 2023 kam der Altar ins Exil in die Diözese Paderborn und dann ins österreichische Kloster Neuenburg.

Dann schien es fast so, als habe das Hohelied der Vernunft gewirkt: Der absurde Streit hatte so viel öffentlichen Wirbel verursacht, dass die von Icomos aufgestörte Pariser Unesco-Instanz ihre Forderung erst mal zurücknahm – bis Juli 2025. Schon hoffte man auf einen glücklichen Kompromiss. Dann knickte auch die Magdeburger Staatskanzlei ein: Der gefährdete Welterbe-Status wirkte wie eine Keule. Seit Spätherbst 2025 harrt der Altar erneut im Kirchenasyl aus, nun in Rom, für zwei Jahre in Santa Maria della Pieta, nahe dem Petersdom, auf dem Campo Santo Teutonico. Ein protestantisches Bildwerk im Exil im Vatikan!

Von alledem erzählt jetzt eine Berliner Ausstellung, mit Bildern und Zeichnungen zum Thema „Doxa“ – sinnliche Gotteserscheinung. Und ganz nahe kommt der Naumburg-Causa der gerade anlaufende Kinofilm „Triegel trifft Cranach. Malen im Widerstreit der Zeiten“ von Paul Smaczny.

Er sieht in dem Auftrag des Cranach-Triegel-Altars und in dem darüber ausgebrochenen Streit einen überaus spannenden Konflikt unserer Tage, der über schnöde Rechthaberei und Verlustängste wegen des Welterbe-Titels weit hinausgeht. Diesen Streit will er in seinem Film analysieren.

Denn immerhin gehe es um mehr als nur um Denkmalschutz, um orthodoxes Beharren und Ablehnung des Neuen und die Frage, was schützenswert ist. Es gehe auch darum: „Darf so ein Raum trotzdem noch weiter verändert werden? Darf er sich durch den Gebrauch auch verändern?“

Smaczny begleitete den Maler während der ganzen Arbeit. Erste Szene: Altarabbau, Oktober 2025. Die Tafeln an Spanngurten schweben an den gotischen Skulpturen von Uta und Ekkehard vorbei in die Transportkisten gen Rom. Dann ein zeitlicher Sprung in Triegels Atelier. Er malt an der Mitteltafel und der einst von den Calvinisten zerstörten Predella Cranachs. Der Regisseur sagt: „Als jemand, der aus dem katholischen Niederbayern kommt, war ich fasziniert, einem Künstler zu begegnen, der sich ohne religiöse Erziehung unglaublich gut in der ganzen Kirchengeschichte, in allen Details der sakralen Kunst auskannte. Ich fragte mich, wie das zusammengeht.“

Ausstellung wie Film bringen Triegels ausgefeilte, renaissancenahe Stilistik und Erzählweise nahe. Die in der Perspektive des Goldenen Schnitts komponierten Mitteltafeln vorn und hinten erinnern deutlich und feierlich an die sakrale Malerei des 16. Jahrhunderts. Klare Formen, farbenprächtig, auch metaphorisch verrätselt. Die Gestalten der Heiligen, in alter und in heutiger Kleidung, die Taube, die Lilien, die sakralen Gefäße, das Brot auf der Abendmahlstafel in der Predella, die Dornenkrone, die Vanitas-Symbole, das Lamm, die golddurchwirkten Brokatstoffe, Marias Locken oder der Schädel eines Schafes als Symbol für Vergänglichkeit.

Triegel, der beim Vorzeichnen wie beim Malen die Kamera, das Filmteam völlig zu vergessen scheint, widmet sich jedem Detail mit der gleichen Hingabe. Selbst den Stickereien auf den Tüchern, dem Lauteninstrument des Mädchens, das zu Marias Füßen spielt. Auch die wehenden Spruchbänder – alles ist aufgeladen mit biblischen wie weltlichen Bedeutungen, changierend zwischen Mittelalter und heutiger Zeit.

„Meine Bilder entstehen nicht erst im Atelier“, so Triegel. „Sie entstehen beim Träumen, bei Gesprächen, auf Spaziergängen, beim Lesen. Oder auf Reisen. Italien.“ Die Kamera folgt ihm 107 Filmminuten lang in ruhigen Einstellungen, bei den Studien im Naumburger Dom, auf die Insel Procida im Golf von Neapel, bei einer Karfreitagsprozession. Er zeichnet Gläubige in tiefster Religiosität, in höchster Verzückung wie in Meditation.

Später, im Atelier, werden diese Leute sein Bildpersonal. Und Triegels Leipziger Malerfreund Neo Rauch steht in einer Szene beinahe versunken davor.

 

„Triegel trifft Cranach – Malen im Widerstreit der Zeiten“. Deutschland 2025; Regie: Paul Smaczny, 107 Minuten.

 

Triegel-Ausstellung. Galerie Schwind, Große Hamburger Str. 1, bis 21. März, Di–Fr 12–18/Sa 10–14 Uhr.

 

Berliner Zeitung (Print), 05.02.2026. Übernahme mit freundlicher Genehmigung der Autorin und des Verlages.