Gustav Mahler, der in der damaligen Wiener Musikwelt eine unangefochtene Führungsstellung hatte, machte Alma bereits drei Wochen später einen Heiratsantrag, konvertierte davor auch noch zum Katholizismus, denn Mahler, der bis dato durchaus kein Kostverächter war und den Ruf hatte, mit Opernsängerinnen Affären zu haben, verliebte sich in das Mädchen. Sie währenddessen zögerte noch – Zemlinsky bedauernd –, wie ihren Aufzeichnungen zu entnehmen ist: „Ich weiß nicht, aber ich glaube, ich liebe ihn (Mahler!). Ich will aufrichtig sein. In letzter Zeit empfand ich nichts mehr für Alex […]. Ich habe keine Ahnung. Manchmal glaube ich direct – nein.“ Es störte sie Vieles an ihm – „sein Geruch, sein Vorsingen, einiges in seinem Sprechen“.
Mahler war, trotz der Taufe, im antisemitischen Klima Wiens stets als Jude betrachtet worden, hatte Schulden, seine Herkunft war ihr und der Familie nicht standesgemäß und er war kränklich. Aber das gerade zog sie an, seine Verwundbarkeit, weshalb sie Mitleid für ihn empfand und das Gefühl hatte, ihn „mit unendlicher Rührung“ zu lieben. Vor der Hochzeit diktierte Mahler ihr allerdings seine Bedingungen für die Ehe und seine Erwartungen an sie, wobei sie ihr Komponieren zu unterbinden hätte, um ein Rivalitätsverhältnis auszuschließen, für das Haus und seine Bedürfnisse zu sorgen: „Du hast von nun an nur einen Beruf: mich glücklich zu machen“. Sie entschloss sich mit 22 schließlich dazu, trotz allem und ungeachtet des Altersunterschieds, ihre Musik aufzugeben „um die Seine zu besitzen“.
Die Hochzeit fand im engen familiären Rahmen statt. Alma, die in ihrer Jugend schwulstige Liebes-Schundromane las, träumte früh von sexueller Erweckung. Den Männern, die sie erobern bzw. unterjochen wollte, suggerierte sie eine Unersättlichkeit, die sie begehrenswert für sie machte. Aber als die erste Liebesnacht mit Mahler mit seinem Versagen endete, hat sie dies „mit einer rücksichtslosen Offenheit (ge)schildert, die noch dem abgebrühten Leser von heute peinlich ist.“ Auch hielt Alma bis an ihr Lebensende von Mahlers Musik nicht viel, sie war ihr fremd, „ein herbes Zeug“, meinte sie nach ihrem Kennenlernen, da hatte er gerade seine 4. Sinfonie dirigiert.
Seine Freunde waren über seine Wahl nicht erbaut, fanden viel an ihr auszusetzen wie auch sie an ihnen. Sie fühlte sich durch ihren früheren Liebhaber Alexander Zemlinsky, den sie ja für Mahler verließ, besser verstanden und als Musikerin mehr geschätzt, während sie Mahler übelnahm, dass er sie am Komponieren hinderte und ihre Begabung gering- und unterschätzte. So stilisierte sie sich als Opfer von Männern, die sie an ihrer künstlerischen Karriere gehindert haben. Dabei sind nur 17 Liedkompositionen (manche nennen nur 14) von ihr überliefert, wovon fünf Lieder am bekanntesten sind. Diese stehen in der Tradition des 19. Jahrhunderts, an die Wagner’schen Wesendonck-Lieder zu den fünf Gedichten der Geliebten des Komponisten, Mathilde Wesendonck, erinnernd und wurden kurz vor Mahlers Tod auf seine Initiative hin gedruckt und sind so der Öffentlichkeit bekannt geblieben. Sie machte ihm das Leben schwer, von seinem Ruhm und seinem später verdienten Geld zehrte sie allerdings ohne Skrupel auch lange nach seinem Tod, in ihren späteren Ehen und bis an ihr Lebensende.
Die Ehe war für beide keine glückliche und sehr spannungsreich. Die Biographen sind sich einig, dass sie in Mahler den früh verstorbenen geliebten, verehrten Vater suchte, sich ihm einerseits unterwerfen, andererseits ihn ihr hörig machen wollte. Über ihr Leben schrieb Alma 1905 die aufschlussreichen Zeilen: „Ich copiere für ihn, ich spiele Clavier, um ihm zu imponieren – ich lerne. Lese, alles aus dem selben Grund“. Mahler, der sie vergötterte, hegte zärtliche Gefühle für sie und sorgte sich stets um sie. Er nannte sie „Meine liebste Amschi“, „geliebtes Almscher“, „mein Almschili“ usw. Mahler gab viele auswärtige Konzerte in Europa und reiste ausgiebig, ihr täglich schreibend, wobei die Briefe auch viel Banales enthalten. Sie aber war oft kränklich, weshalb sie ihn nicht begleitete und blieb lange allein.
Geschrieben hat sie ihm zwar, aber nicht in dem Maße, wie er es brauchte, und vor allem klagte er oft über ihren Stil, ihre unleserliche Schrift und darüber, dass sie kaum von den beiden Kindern berichtete, die ihm sehr fehlten. Sie zweifelte oft an ihrer Liebe zu ihm, die Auseinandersetzungen in der Ehe zwischen den so ungleichen Partnern waren häufig. Sie sagte ihm z. B., dass sie sich vor ihm „eckelt“, war eifersüchtig auf seine Sopranistinnen („diese Dirnen“), mit denen er nach einer Probe ein Glas zusammen trank, vor allem auf Anna von Mildenburg, mit der Mahler bis 1897 ein Verhältnis hatte und sie 1898 an die Wiener Hofoper holte,. Sie war aber dennoch ehrlich genug zuzugeben: „Nicht an ihm liegt es, wenn ich mich oft nicht glücklich fühle, nur an mir.“
Almas Schwangerschaften waren nicht unproblematisch und die Geburten schwächten sie. Die beiden Kinder – die ältere Tochter Maria, genannt Putzi, kam am 3. November 1902 zur Welt. Alma notierte: „Ich habe noch nicht die rechte Liebe dafür. Alles in mir gehört meinem Gustav. Ich liebe ihn so, dass alles tot ist neben ihm. Und ich kann es ihm nicht sagen.“ Am 15. Juni 1904 wurde die zweite Tochter Anna Justine, genannt Gucki, geboren. Zwar war Alma fortan von den beiden Kindern und Personal umgeben, traf Bekannte und Freunde, fühlte sich aber unausgefüllt. Ein Glück ohne Ruh‘, so nannten die Herausgeber die Briefe Mahlers an seine Frau, die er, trotz ihrer für ihn niederschmetternden Affäre mit Walter Gropius, immer noch hoffte, für sich behalten zu können und von ihr geliebt zu sein.
Goethes „Glück ohne Ruh‘“ zitierte der vor Liebe immer noch blinde Mahler in seinem letzten längeren Brief vom 5. September 1910 an Alma, nicht ahnend, dass sie gleichzeitig längst Pläne für ihr künftiges Leben mit Gropius schmiedete. Die Qualen, die er wegen ihres Verrats litt, sind in dem Particell seiner 10. Sinfonie, die unvollendet blieb, als dem Wahnsinn nahe sehr persönliche Notizen erhalten geblieben und von Alma später stolz als eine ihrer Trophäen herumgezeigt.
Nicht nur Alma gaukelte ihrem Mann etwas vor, auch Almas in die Romanze eingeweihte Mutter, der Mahler naiver Weise stets vertraute und sie verehrte, hatte inzwischen ihre Sympathien auf Gropius übertragen und ihm Hoffnung auf die Erfüllung von dessen Träumen gemacht. Mahler kränkelte schon lange, hatte einen Herzklappenfehler und eine damit zusammenhängende Immunschwäche, die ihm häufige Anginaanfälle bescherte. Sein rastloses Leben, die vielen Reisen und Auftritte, die Konflikte wie 1907 der Abgang von der Wiener Hofoper sowie der tragische Tod seiner Tochter Maria an Scharlach-Diphterie kamen hinzu. Der damals untersuchte Mahler, 47 Jahre alt, erfuhr von dem Arzt, dass sein Herz schwach war. Alma meinte, ihr Mann habe in jener Minute sein Todesurteil erfahren. „Und mit diesem Befund begann das Ende Mahlers.“, was nicht gerade zutraf, aber fortan wusste man, dass er mit einem Herzklappenfehler auf Abruf lebte.
Das anschließende Intermezzo an der Metropolitan Opera in New York und Mahlers Konflikt mit Arturo Toscanini hinterließen ebenfalls Spuren. Der Tod der Tochter war eine traumatische Zäsur und 1909 vertiefte sich die Entfremdung Almas ihrem Mann gegenüber. Sie litt öfter unter „Unpässlichkeiten“ und Stimmungsschwankungen, nicht zuletzt wegen der nun stärker werdenden Alkoholabhängigkeit. Alma hatte mehrere Fehlgeburten und Abtreibungen hinter sich. Im Sommer 1910 weilte die 30jährige unbefriedigte Ehefrau Mahlers zur Kur in Toblach und traf dort am 4. Juni den 27 Jahre alten, gutaussehenden deutschen Architekten Walter Gropius (1883-1969), mit dem Alma eine leidenschaftliche Liebesaffäre begann. Mahler war zunächst ahnungslos, doch dann wurde er unruhig und war durch einen an ihn adressierten, aber an Alma gerichteten Liebesbrief von Gropius endlich im Bilde.
Ab Februar 1911 ging es abwärts mit seiner Gesundheit. Mahler wollte aber unbedingt aus New York, wo er große Erfolge hatte, zurück nach Wien reisen. Das schaffte er allerdings nur noch mit Mühe und mehrfachen ärztlichen Interventionen auf der Reise, denn die Bakteriologen diagnostizierten bei ihm schon zwei Jahre zuvor eine bestehende und nun fortschreitende Streptokokkeninfektion (Endocarditis lenta), die damals ohne Antibiotika nicht zu therapieren war. Am 18. Mai 1911 starb er. Nach Mahlers Tod hat seine Witwe den Nachlass verwaltet, zahlreiche seiner Briefe an sie bewahrt, ihre Briefe an ihn vernichtete sie allerdings allesamt, weil sie offensichtlich für ihr strahlendes Selbstbild und Image nicht vorteilhaft waren.
Alma wollte zwar später ihre Erinnerungen an ihre Ehe mit dem international berühmten Mann veröffentlichen und sich in seinem Ruhm sonnen, was sie auch bis ins hohe Alter erfolgreich betrieb, aber dies erforderte große redaktionelle Eingriffe, denn sie enthielten ihre unverhüllten persönliche Angriffe auf noch lebende Menschen und Mahlers Familie. Sich selbst verklärte sie an vielen Stellen, um sich ein Denkmal zu setzen und ein Bild von sich als die Leidenschaft in Person, „von überbordender Sinnlichkeit“ zu vermitteln. Almas Biographin Astrid Seele relativierte das Bild auch dementsprechend: „[…] aber da gibt es auch eine ganz andere, ungleich kühlere Alma. Berechnend flirtet sie mit Verehrern, macht ihnen Hoffnung, nur um sie anschließend grausam zurückzuweisen.“ Aufgrund der vielfach narzisstischen Persönlichkeit Almas ist Hilmes der Meinung über die Ehe mit Mahler: „Zweifellos war die Beziehung schon nach wenigen Monaten in eine Sackgasse geraten, was sich die Eheleute allerdings nicht eingestanden.“
Treue war für Alma keine Kategorie, während aller Ehen ging sie mit anderen Männern fremd. Während dieser Ehe hatte sie z.B. kleinere Romanzen mit dem als Antisemiten bekannten Komponisten Hans Pfitzner (1869-1949) wie auch mit dessen Antipoden, dem russisch-amerikanischen Pianisten Ossip (Salomonowitsch) Gabrilowitsch (1878-1936), einem Juden, der1917 in München Opfer antisemitischer Ausschreitungen wurde. Er setzte sich 1929/30 für die Errichtung des neuen Opernhauses in Tel Aviv ein. Alma hatte in ihren Memoiren nur eine harmlose Koketterie mit ihm notiert, als er bei der Uraufführung von Mahlers 7. Symphonie in Prag war, die allerdings Mahler sehr irritierte.
Noch in Mahlers Todesjahr hatte sie eine Affäre mit dem verheirateten Zoologen und als „Halbjude“ von nationalistischen Kreisen angefeindeten Paul Kammerer (1880-1926), der Selbstmord beging, als seine berühmten Experimente mit Fröschen unter Fälschungsverdacht gerieten. Der aus Wien stammende jüdische Immigrant und Neurologe Dr. Joseph Fraenkel, Bekannter der Mahlers in New York, machte ihr einen Heiratsantrag, den sie aber ablehnte. Alma konnte es eben nicht lassen – die unterschiedlichen Avancen, die ihr Männer immer wieder machten, schmeichelten ihrer Eitelkeit und verdrängten für eine kurze Zeit ihre Minderwertigkeitskomplexe: Eine solcher außerehelichen Affären führte zu ihrer zweiten Ehe mit Walter Gropius, allerdings nicht sofort nach Mahlers Tod. Mit Fraenkel hatte sie eine bezeichnende Auseinandersetzung: Als er ihr gegenüber während des Ersten Weltkriegs gewagt hat, jüdische Errungenschaften zu verteidigen, schrieb sie ihm am 12. November 1914 einen etwas wirren, empörten Brief: „Was soll die Judenfrage jetzt? Sie haben in Europa mehr bekommen, als gegeben. Der Geist der Analytik, der Sozialdemokratismus, der Liberalismus, all dieser ‚Aufkläricht‘ (sic!) ist durch die Juden in die Welt gekommen. Heute bist Du ein Anderer. Ohne mich wärst Du nie Mensch geworden – und so Ihr alle!“ Ihre antijüdischen Ressentiments kamen immer wieder zum Vorschein, ob in ihren Verbindungen und Ehen mit Juden oder auch allgemein. Diese abstoßende Seite der „Walküre“ wird weiter unten noch behandelt werden. Allerdings spielte sie bis zu ihrem Tod gern die „grande veuve“, wie sie Thomas Mann 1948 bezeichnete.
Fortsetzung folgt.
Teil I im Blättchen, Heft 22/2025, Teil II in Heft 1/2026, Teil III in Heft 2/2026.
Schlagwörter: Alma Mahler-Werfel, Elvira Grözinger, Gustav Mahler, Walter Gropius

