„Nur noch weg“? Manchmal will man. Und weiß nicht wohin …

von Klaus Hammer

Das Coverbild von Natascha Wolting auf dem Erzählungsband „Nur noch weg“ zeigt ratlos wartende Figuren auf einem totenstillen Bahnhof. Wohin wollen sie, wie wird ihr Fortkommen gelingen? Was hat es auf sich mit dieser merkwürdig ziehenden Sehnsucht nach einem anderen Ort? Wie empfinden wir diesen Schwebezustand zwischen Wegwollen und Hier-Bleiben-Müssen? Und weiter gefragt: Blickt man zurück auf eine zerbrochene Beziehung, wird man mit ihr nicht fertig, wagt man einen Neuanfang, einen Lebensumbruch oder hindert einen die eigene Vergangenheit daran, fehlt einem der Mut dazu?

Der Radius der zwölf Erzählungen von Stephan Wolting führt weit über das Motiv des Titelblatts hinaus. Ein Hauch des Rätselhaften, Geheimnisvollen, Unerwarteten, ja Unvorhersehbaren liegt über ihnen. Das lässt uns jede seiner Geschichten, so unspektakulär sie zunächst auch erscheinen mögen, mit erneuter Spannung lesen. Es gibt für den Erzähler keine Gewissheiten, sondern er stellt Fragen, bezieht den Leser ein in seine Überlegungen und Gedankenspiele und lässt ihn sie gerade dort fortführen, wo sie abrupt abbrechen.

Zunächst einmal: Der Untertitel „Zwischen Wendezeit und Zeitenwende“ soll nicht auf die deutsche Wiedervereinigung und die sich daraus ergebenden Probleme verweisen, sondern auf die Gedanken-Räume, in denen sich die Geschichten bewegen – sie wirken wie Selbstporträts, einsam, verschlossen, melancholisch. Woltings Anspruch, Unbewusstes und damit eigentlich Unsichtbares zu zeigen, tiefere Bewusstseinsschichten im Leser anzurühren, ist genauso wichtig wie das, was er über die „Unergründlichkeit“ der Natur sagt, die als Mittel dient, „innere Welten“ aufzuschließen. Die Freiheit ist im Innenleben und in der Mühe, die sich die jeweiligen Protagonisten geben, sich ihrer Lebenssituation bewusst zu werden, auch wenn ihnen nicht in jedem Fall ein „Nur noch weg“ gelingt.

Die Doppeldeutigkeit der Sprache, die jeden Augenblick vom Praktischen ins Geistige wechseln kann, die umkippt, ohne ihren Halt auf dem Boden der Realität zu verlieren, ist Stephan Wolting, der sich hier erstmals als Erzähler vorstellt – eigentlich ist er ja ordentlicher Professor und Lehrstuhlleiter für lnterkulturelle Kommunikation an der Universität Poznan –, wohl vertraut. Er erzählt von dieser Suche nach einer neuen Identität, der erneuten Selbstfindung – aber auch von der Weigerung vor einem veränderten und sich wandelnden Leben – nicht im Sinne einer psychoanalytischen, auch nicht einer existenzphilosophischen Deutung, wir haben es in der problematischen Spannung zwischen Selbstfindung und Selbstannahme des eigenen Ich vielmehr mit der Schwierigkeit einer Existenz im „Zeitalter der Reproduktion“ (Max Frisch) – wir würden heute eher „digitales Zeitalter“ sagen – zu tun: „Wiederholung“ ist das gefürchtete Wort und „Flucht“ dessen Komplementärbegriff. Flucht vor allem aus einer entfremdeten Welt, die das eigene Leben nicht wiedergibt, in der es beliebig reproduzierbar ist. In diesem Spannungsfeld von Selbstannahme und Fremdwahrnehmung versuchen die Protagonisten neu zu beginnen. Und sie scheitern, weil sie nur neue Geschichten erfinden, die doch wieder nur austauschbar und eben nicht originär sind.

Nach einer endlos erscheinenden Reise steht Jösch, der gastweise in einer polnischen Stadt ein Fremdsprachenkolleg zu halten hat, todmüde vor seiner „vermeintlich letzten Tür heute“ – sie wird nicht die letzte sein, die Lebenswirklichkeit bleibt auch anderenorts eine reproduzierbare („Anreise vor Sonntagabendlandschaft“). „Erinnerung schien aus unbewussten Bruchstücken wie aus einem Versuch der Rekapitulation […] zu bestehen“, heißt es bei Wolting. – Warum kommt dem Ich-Erzähler die Geschichte des versunkenen Waldes an der Ostseeküste – nur einmal im Jahr taucht dieser Wald kurz auf und verschwindet dann wieder – gerade im Foyer des Berliner Ensembles erneut in den Sinn? Was hat sie mit den Beziehungen des Historikers Leszek zu Agnieszka und Ilona, zum Bernstein, zur „polnischen Sahara“ zu tun („Wasserwald“)?

Die Geschichten unterlaufen konventionelle Rollenerwartungen für Männer und Frauen. Der jeweilige Erzähler sucht sich selbst zu vergewissern, ohne zu einem abschließenden Ergebnis zu gelangen. Er bedient sich neben der Form des (Selbst-)Gesprächs des Protokolls, des Briefes, also einer literarisierten Mündlichkeit, aber auch des literarischen Zitats oder des Künstlerbildes und bezeugt so den Vorrang des Redens, Hörens wie Sehens im autobiografischen Diskurs.

Frank hat die Briefe seiner Ex-Partnerin verbrennen wollen und dabei einen Wohnungsbrand ausgelöst, so dass er mit Verbrennungen in die Klinik Westend eingeliefert werden musste. Seine Geschichte mit Barbara erzählt nun sein einstiger Freund, aber aus einer veränderten – eben seiner – Perspektive. „Manchmal komme ich noch an seiner (Franks) Straße vorbei, Rauch ist mir nicht mehr aufgefallen“ („Wohnungsbrand“).

Ausgiebig hat sich Falk mit der psychologischen Erzählkunst und der Hermeneutik als Kunst des Verstehens beschäftigt. War es nur der allzu leicht verständliche Fall der attraktiven Frau zwischen zwei Männern, der zu seinem Bruch mit Marck geführt hat? Die – bewusst? – liegen gebliebenen Papiere einer Kollegin, deren Namen man nicht erfährt, sind „Kippbilder, sehr brüchig, sehr fragil, die sich in jeder Situation wieder umdrehen können“. Sie bringen nicht den erhofften Aufschluss – „der Wegweiser steht niemals da, wo der Weg ist“ („Was auf dem Tisch so alles liegen bleibt“).

Eine junge Frau liegt mit geschlossenen Augen im wild wuchernden Gras, als ihr eine Stimme von dieser Grasinsel im Schlosspark zu Charlottenburg erzählt. Gosia beginnt an diese Stimme zu glauben, sie zieht bei der Stimme ein, die Bernd heißt, bis die wuchernde Grasinsel doch verschnitten wird, die Beziehung Bernds zu Gosia sich erschöpft hat und Gosia zurück nach Polen fährt. Bernd gibt die Geschichte mit Gosia aus seiner Sicht wieder und löscht den Anhang, den Gosia – sie hat inzwischen ihre eigene Lebensexistenz gefunden – ihm nach vielen Jahren geschickt hat. „Die Geschichte schreibt sich selbst auf, zwischen Irgendwo an diesem Ort von Lähmung und Bewegung und einer in langen Jahren verloren gegangenen Stimme…“ („Belvedère 14:43“).

„Das Gefühl, am Bahnsteig zurückgeblieben zu sein und auf nicht eintreffende Züge zu warten“, wie es in der Geschichte „Wildgehege“ heißt, haben eigentlich die meisten Figuren Woltings. Am Wildgehege seiner Heimatstadt hat der Erzähler – sein Name wird nicht genannt – zufällig eine Frau kennengelernt, die er als Malerin Daniela Wagner wiedertrifft. Ihre „Moorbilder, die ihn so merkwürdig berühren,“ verbinden sich mit Mutmaßungen über die Malerin, die einen zu hohen Preis für ihre Malerei zu entrichten hat.

Die Verabredung mit einer Frau, die nicht erscheint, bildet den Anlass für die Geschichte eines Mannes, der sich seiner ganzen Erbärmlichkeit bewusst wird, weil er sich nicht dem Bann einer narzisstisch gestörten Frau zu entziehen vermag („Zurück in den Bergen“).

Die Form der täglichen Notate, das skizzenhafte Festhalten von Vorgängen, Bewegungen und Emotionen lässt sich in die für Wolting typische Erzähl-Technik der „synoptischen Splitter,“ seine pointillistische Erzählweise übersetzen. Es sind Lebensprotokolle, die die eigenen Wahrnehmungen und Empfindungen ungehemmt, das heißt durch keine gesellschaftlichen und oder privaten Rücksichten getrübt, artikulieren. Aber der Versuch der Selbstbestätigung durch ein Außen misslingt. Die unbedingte, schonungslose, ausufernde Selbstmitteilung bleibt ein endloser Monolog, dessen Fragmente durch einen assoziativen Gedankenfluss förmlich hervorgeschwemmt werden.

In einer der Geschichten heißt es von einer Konferenz, sie habe den Weg zu weisen – „oder einfach nur weg?“ Wird es uns Lesern gelingen, angesichts der Vielzahl unterschiedlicher virtueller Wege und Irrwege, die Wolting aufzeigt, auch unseren eigenen Weg zu finden? Sollten wir nicht unsere eigenen Lebensläufe dagegensetzen? Versuchen sollten wir es schon – es dürfte sich lohnen.

 

Stephan Wolting: Nur noch weg. Zwischen Wendezeit und Zeitenwende. Erzählungen, PalmArtPress, Berlin 2025, 251 Seiten, 25,00 Euro.