Trumps Hemisphärenpolitik

von Erhard Crome

Kriegsminister“ – diese Titelei war am 5. September 2025 eingeführt worden – Pete Hegseth hatte zum 30. September 2025 kurzfristig alle Generäle und Admiräle der US-Streitkräfte auf die Militärbasis Quantico in Virginia befohlen. Präsident Donald Trump und Hegseth kündigten eine ideologische Wende in den Streitkräften an. Alle Programme für Gleichstellung und gegen Diskriminierung in den Streitkräften wurden für beendet erklärt. Beförderungen nach Hautfarbe und Geschlecht seien „ideologischer Müll“, so Hegseth, nötig sei ein neues „Kriegerethos“, „Kriegsführung“ die einzige Mission.

Kritische Stimmen bezeichneten die Veranstaltung als „totale Geldverschwendung“, das hätte man auch mit einer E-Mail durchstellen können. Militärbeobachter verwiesen jedoch darauf, es könnte hinter den Kulissen vor allem um die Vorbereitung von Militäraktionen gegangen sein. Und wenn die Generäle aus nur einer Weltregion nach Washington beordert worden wären, hätte man Hinweise darauf gehabt, wo der nächste Krieg geführt werden sollte. Seien jedoch alle versammelt, hörten die einen in erster Linie die Reden zur Abschaffung der Politischen Korrektheit, während mit anderen konkrete Einsatzpläne besprochen werden könnten.

In der Nacht des 3. Januar 2026 waren Eliteeinheiten der US-Armee in Caracas eingeflogen, hatten das Anwesen des venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro gestürmt und ihn sowie seine Ehefrau Cilia Flores nach New York entführt. Der Schlag war lange vorbereitet worden. Seit August 2025 hatten US-Geheimdienste Maduro und seine Gewohnheiten aufmerksam verfolgt. Die Spezialeinheit Delta Force, die für Anti-Terror-Einsätze, vor allem für die Festsetzung oder Tötung von Zielpersonen bestimmt ist, hatte zuvor im Bundesstaat Kentucky trainiert. Dort war ein exakter Nachbau der befestigten Residenz von Maduro errichtet worden war, um das rasche und erfolgreiche Eindringen zu üben. Im Umfeld von Venezuela waren zum 3. Januar die Weltraum-, Cyber-, Kommunikations- und Geheimdienstbereiche aktiviert worden, um einen sicheren Einsatz zu gewährleisten; in Caracas selbst waren Lichter ausgeschaltet und die Luftverteidigungssysteme gestört worden.

Dieser Angriff ist ein offener Bruch des Völkerrechts und der UNO-Charta. Er verstößt gegen das Friedensgebot, gegen den Schutz der territorialen Integrität und der Souveränität der Staaten. Das war ein Gewaltakt, der auch durch Hinweis auf Involvierung der venezolanischen Regierung in Drogenschmuggel und die Behauptung, Maduro sei auf der Grundlage von Wahlfälschung im Amt, nicht völkerrechtlich gedeckt ist.

Wenn man die Sicherheitsstrategie Trumps vor diesem Hintergrund noch einmal liest, so ist die proklamierte „Neigung zum Nicht-Interventionismus“ auf die weite Welt bezogen und die Absichten der Globalisten, überall liberal-demokratische Regime zu errichten. Die westliche Hemisphäre ist ausgeklammert. Mit einer „Trump-Ergänzung“ der Monroe-Doktrin von 1823 soll vielmehr „die Vorrangstellung Amerikas in der westlichen Hemisphäre“ wieder hergestellt werden. „Wettbewerbern außerhalb der Hemisphäre“ sollte die Möglichkeit verwehrt werden, „Streitkräfte oder andere bedrohliche Kapazitäten in unserer Hemisphäre zu positionieren oder strategisch wichtige Vermögenswerte zu besitzen oder zu kontrollieren.“ Es gelte, „nicht-hemisphärischen Wettbewerbern [zu] erschweren, ihren Einfluss in der Region zu vergrößern“ (Blättchen, 22/2025).

Nach dem Gewaltakt gegen Venezuela hat Trump erklärt, hier seien vor allem China, Russland und Iran gemeint, die mit Venezuela zusammengearbeitet haben. Es sollen vor allem den USA genehme Regime in der Hemisphäre gefördert werden. Die USA wollten die Führung Venezuelas jetzt selbst übernehmen. Die Ölkonzerne der USA wollten wieder in die Erdölproduktion Venezuelas einsteigen, das über die wohl größten Ölreserven der Welt verfügt, und dort Geld verdienen. Die USA fürchteten sich nicht davor, auch Bodentruppen einzusetzen, um die Sicherheit des Landes zu gewährleisten.

Die Oppositionspolitikerin Maria Corina Machado, die vom Werte-Westen 2025 gerade mit dem Friedensnobelpreis versehen worden war, will Trump nicht an der Spitze des Landes sehen, wie es nicht nur venezolanische Oppositionelle, sondern auch europäische Regierungschefs forderten. Sie habe, so Trump, nicht die nötige Unterstützung und den Respekt im eigenen Land.

Doch die völkerrechtswidrige Entfernung Maduros aus den Machtstrukturen Venezuelas bedeutet kein politisches oder militärisches Vakuum. Die Institutionen des Chavismus und der „Bolivarischen Revolution“ bestehen fort. Keine 24 Stunden nach der Entführung Maduros übernahm Vizepräsidentin Delcy Rodriguez Gómez das Präsidentenamt, die Minister, das Parlament und das Oberste Gericht blieben im Amt. Rodriguez verurteilte die barbarische Attacke, erklärte, dass Venezuela die Gefangennahme Maduros nicht akzeptiere, er sei „der einzige Präsident von Venezuela“. An die USA gewandt betonte sie: „Wir werden nie wieder eine Kolonie, egal von welchem Imperium.“ Zunächst erklärte sie, nicht mit den USA kooperieren zu wollen, räumte dann aber doch Gesprächsbereitschaft ein. Das würde weitere Militärschläge der USA unwahrscheinlicher machen. Zugleich wäre ein Einsatz von Bodentruppen der USA gewiss ein blutiges Unterfangen.

In Venezuela gibt es nicht nur die regulären Streitkräfte, sondern auch bewaffnete chavistische Milizen, die kampfbereit sind. Trump bekäme dann einen opferreichen Krieg, einen von der Art, wie er ihn den Globalisten in Sachen Afghanistan und Irak stets vorgeworfen hat. Insofern läge ein Deal zwischen der Regierung in Caracas und Trump in beiderseitigem Interesse.

Das Echo auf den Kriegsakt ist gespalten.

In Lateinamerika begrüßten die rechten Präsidenten von Argentinien und Chile den Sturz Maduros. Die linken Präsidenten von Kolumbien und Kuba verurteilten den Angriff. Brasiliens Präsident Lula sprach von einem „schwerwiegenden Affront gegen die Souveränität Venezuelas“ und einem „extrem gefährlichen Präzedenzfall für die internationale Gemeinschaft“.

Der UN-Sicherheitsrat befasste sich am 5. Januar mit dem US-Angriff auf Venezuela. Die UNO-Botschafter der im Sicherheitsrat vertretenen Staaten kritisierten mehrheitlich das aggressive Vorgehen der USA, das sie als völkerrechtswidrig einstuften; zu einem Beschluss kam es jedoch wegen des Veto-Rechts der USA nicht.

Die deutsche Außenpolitik ist wieder einmal von Heuchelei und Doppelzüngigkeit gekennzeichnet. Bundeskanzler Friedrich Merz, der früher mal Juristerei studiert hat, sagte, die „rechtliche Einordnung“ des US-Einsatzes in Venezuela sei „komplex“, die Bundesregierung werde sich dafür „Zeit nehmen“. Außenminister Johann Wadephul und CDU-Außenpolitiker Armin Laschet plapperten dies wortgleich nach.

Während der Einmarsch russischer Truppen in die Ukraine von Anfang an als Völkerrechtsbruch kritisiert wurde, ist man hier plötzlich anderen Sinnes: Wenn zwei das Gleiche tun, ist es nicht dasselbe. „Das Völkerrecht gilt nur dann, wenn es die Falschen brechen. Das ist die bittere Botschaft der Erklärungen von Friedrich Merz, Emmanuel Macron, Keir Starmer, Ursula von der Leyen, Kaja Kallas und anderer führender Politiker:innen in Deutschland und Europa auf den Überfall Venezuelas durch die USA“, wie die taz vermerkte,

Für die weitere geopolitische Entwicklung bedeutet dies: Nur noch der europäische Werte-Westen schwadroniert von einer „regelbasierten Ordnung“. Zwischen den imperialen Großmächten bilden sich derweil Einflusszonen heraus: Chinas und Russlands sowie Indiens in Eurasien, der USA auf der westlichen Halbkugel. Dass diese Mächte – allesamt atomar bewaffnet – große Kriege gegeneinander führen, erscheint eher unwahrscheinlich. EU-Europa kommt in diesem Kontext nicht vor. So signalisiert die US-Zurückhaltung in Sachen Ukrainekrieg die Wahrnehmung der USA, dass dort Interessen Russlands liegen, keine eigenen.

Zugleich führt der Venezuela-Coup vor, wie man eine solche Maßnahme durchzieht, ohne sich in einem jahrelangen verlustreichen Krieg zu verzetteln, wie Putin in der Ukraine.

Die westliche Hemisphäre betrachtet Trump als Ressource der Weltgeltung der USA. Unmittelbar nach dem Venezuela-Coup teilte er mit: „Wir werden uns in etwa zwei Monaten mit Grönland befassen.“ Sein stellvertretender Stabschef Stephen Miller erklärte am 5. Januar : „Grönland sollte Teil der USA sein.“ Und verkündete siegessicher: „Niemand wird gegen die USA um die Zukunft von Grönland kämpfen.“ Daran dürften auch politische EU-Treffen auf Grönland nichts ändern.