Ein guter, edler Mensch, der mit uns gelebt,
kann uns nicht genommen werden.
Er läßt eine leuchtende Spur zurück.
Jean de la Fontaine
Wie alljährlich soll an dieser Stelle Künstlern, aber auch anderer prominenter Personen gedacht werden, die uns im vergangenen Jahr verlassen haben und insbesondere im Osten des Landes – entweder von Angesicht oder dem Namen nach – den Menschen bekannt waren. Als „Ostler“ hat es ihr Ableben nur selten ins aktuelle Feuilleton geschafft. Ausnahmen, wie der aus Brandenburger Heimatfilmen bundesweit bekannte Horst Krause oder sein Karl-Marx-Städter Schauspielerkollege Uwe Kockisch, mit venezianischen Kriminalfilmen überall bekannt, wurden verdientermaßen mit Programmänderungen bedacht. Dass es auch die liebenswerte Schauspielerin Urte Blankenstein als Frau Puppendoktor Pille in die Tagesschau schaffte, hat womöglich mit schlechtem Gewissen der Redaktion gegenüber Promis aus dem Osten zu tun. Andere Verstorbene, wie der Fotograf Thomas Billhardt, sind im Blättchen schon gewürdigt worden.
Nicht mal namentlich erwähnt in der jährlichen Gedenksendung des MDR wurde der kurz vor Weihnachten 2025 in Berlin verstorbene Victor Grossman, mit dem ich etwa seit der Zeit der Weltfestspiele von 1973 befreundet war. Als einer der wenigen Amerikaner, die ständig in der DDR lebten, trat er damals mit seinem Landsmann, dem Schauspieler und Sänger Dean Reed auf, der etwa zu jener Zeit seinen Wohnsitz in der DDR nehmen sollte. Auch meine letzte Begegnung mit Victor im vergangenen Sommer hatte mit Dean Reed zu tun. Anhänger veranstalteten zum Gedenken ein Gartenfest, zu dem Victor Grossman eingeladen war. Auch ich war dabei, weil ich vor Jahren gemeinsam mit Victors Sohn Thomas ein Buch über den amerikanischen Künstler, der auch als Autor und Regisseur arbeitete, geschrieben hatte. Victor Grossman war nicht mehr gut zu Fuß, aber er genoss es, im Kreise Gleichgesinnter – darunter einige „junge Leute“ zwischen 50 und 70 – aus seinem Leben zu erzählen. Das begann 1928 in New York City, wohin seine jüdischen Vorfahren aus dem Baltikum sowie Odessa geflohen waren. Aus sozialem Engagement heraus wurde er 1942 als Harvard-Student Kommunist, aber als ihn die US Army 1950 nach Bayern schickte, verschwieg er diesen Fakt. Aus Angst vor einer Haftstrafe floh er, die Donau schwimmend durchquerend, ins sowjetisch besetzte Linz. Er gelangte bald in die DDR, wo er seinen Namen Stephen Wechsler ablegte und Victor Grossman wurde. In Bautzen verliebte er sich in Renate, die bis zu ihrem Lebensende seine Frau wurde. In Leipzig studierte er Journalistik, und in Berlin leitete er bald danach das Paul-Robeson-Archiv, ehe er als freier Journalist arbeitete. Er sprach im DDR-Radio und -Fernsehen, schrieb für verschiedene Zeitschriften, darunter die Weltbühne, Ossietzky und noch im Sommer 2025 im Blättchen. Im Garten erzählte er von der Arbeit an der englischen Fassung seines Buches „Madrid, du wunderbare“, das er vor fast 20 Jahren auf Deutsch herausgebracht hatte. Auch andere Projekte, die er vorbereitet hatte, werden ihn überleben und aufschlussreich für uns Leser sein.
Publizistisch tätig und eine Zeitlang in der DDR sehr bekannt war Sabine Katins, die ebenfalls in den fünfziger Jahren ihr Journalistikstudium in Leipzig aufnahm. Sie ging zum Deutschen Fernsehfunk (DFF) nach Adlershof, wo sie mit dem Bayern Franz Dötterl die „Gruppe Dr. Sabine Katins“ ins Leben rief. Gemeinsam produzierten sie in der Reihe „Alltag im Westen“ Reportagen aus Frankreich, Portugal oder auch Namibia, der früheren afrikanischen Kolonie Deutsch-Südwest. „Was denkt der Bundesbürger über die DDR?“ gehörte 1974 zu den Filmen, die durch ihren direkten Zugriff ohne Kommentare besonderes Interesse wecken konnten. Nachdem sie den DFF 1979 im Streit verlassen hatte, ist Sabine Katins nicht mehr in der DDR-Öffentlichkeit in Erscheinung getreten. Im September ist sie nach längerer Krankheit in Berlin gestorben.
Ein Publizist auf anderem Gebiet, dessen Namen viele kannten, war Michael Hanisch. Der aus dem sächsischen Freiberg stammende Filmkritiker hatte in Babelsberg Filmproduktion studiert, spezialisierte sich aber als Filmhistoriker. Er rief unmittelbar nach dem Studium unter dem Dach des Staatlichen Filmarchivs der DDR gemeinsam mit Rudolf Freund das Archivfilmtheater Camera ins Leben, das in den sechziger Jahren noch ein eigenes Haus mit täglich mehreren Vorstellungen in der Berliner Friedrichstraße betrieb. Als das Kino wegen Baumängeln geschlossen werden musste und Gastrecht unter anderem in den Berliner Lichtspielhäusern OTL und Babylon erhielt, hatte Hanisch sich schon als Publizist etabliert, etwa mit dem Lexikon „Filmschauspieler A-Z“. Er nutzte die exklusive Möglichkeit, westliche Filmliteratur auszuwerten, und formte daraus rechtefreie DDR-Werke zu Themen wie Slapstick, Western und Musicals. Mit Forschungen zu Schauplätzen von Filmen und Standorten von Kinos in Berlin hat er nach 1990 verdienstvolle Bücher geschaffen. Im Juni starb er mit 85 Jahren in Berlin.
Eine bedeutende Filmwissenschaftlerin, Hochschullehrerin (HFF Potsdam-Babelsberg) und Festivalleiterin (Dokfilm Leipzig) ist 96 Jahre alt geworden. Christiane Mückenberger kam im oberschlesischen Gleiwitz 1928 als Tochter des späteren DDR-Außenministers Lothar Bolz zur Welt. Sie konnte nach dem Krieg Slawistik studieren und war schnell fasziniert von den Filmen der großen Russen und Polen. Dass sie die neue Filmsprache aus der Tschechoslowakei der Dubček-Ära als maßstabsetzend ansah, wurde ihr 1965 beim 11. Plenum des ZK der SED ebenso zum Verhängnis, wie ihr Engagement für DEFA-Filme, die nicht auf Parteilinie lagen, etwa Kurt Maetzigs „Das Kaninchen bin ich“. Sie verlor ihre Dozentenstelle an der Filmhochschule wie auch viele andere Funktionen und musste sich fortan mit Übersetzungen durchschlagen. Dazu zählte immerhin das mehrbändige polnische Standardwerk von Jerzy Toeplitz „Geschichte des Films“. Ab 1975 konnte sie wieder lehren, schrieb für Dokumentarfilme und übernahm schließlich 1990 die Intendanz des Leipziger Filmfestivals. Danach wirkte sie weiterhin als Publizistin, auch im Fernsehen.
Medienwissenschaftler und -Pädagoge war Dieter Wiedemann, der 1946 wenige Wochen nach seiner Geburt das Sudetenland verlassen musste und mit seinen Eltern nach Suhl kam, wo er sowohl die Jugendweihe als auch die katholische Firmung erhielt. Zu der Zeit, als Christiane Mückenberger in Babelsberg Arbeitsverbot hatte, wechselte Wiedemann von der Leipziger Theaterhochschule nach Potsdam zum Dramaturgie-Studium an die Filmhochschule und bekam Kontakt zum Zentralinstitut für Jugendforschung, bei dem er dann viele Jahre lang als wissenschaftlicher Mitarbeiter wirkte. Der Vorhang vor streng geheimen Forschungen, etwa über das Nutzungsverhalten Jugendlicher bei Film und Fernsehen der DDR, konnte manchmal gelüftet werden, wenn Wiedemann vor jungen Medienschaffenden innerhalb des FDJ-Studienjahres sprechen konnte. Sein bisheriger Institutsleiter Lothar Bisky holte ihn 1990 als Professor an die Filmhochschule, wo er 1995 zum Rektor gewählt wurde, ein Amt, in dem er beispielsweise die Umwandlung der Hochschule in die heutige Filmuniversität in die Wege leitete. Als Publizist veröffentlichte er zu Themen des DEFA-Filmerbes und des Kinderfernsehens der DDR. Im Oktober erlag er mit 79 Jahren einer schweren Krankheit.
Die Arbeit für Kinder begeisterte den aus dem Saalekreis stammenden Walter Später, als er ab 1947 an der Kunsthochschule Burg Giebichenstein in Halle studierte und zum Puppenspiel fand. Zwar war er zunächst noch Gebrauchswerber beim dortigen Konsum, trat aber daneben sowohl als Bauchredner wie mit Puppen auf. Das intensivierte er ab 1958 beim DEFA-Trickfilmstudio in Dresden, wo er nach seinem Debüt mit „Krawall im Stall“ an mehr als 30 Filmen als Animator und Regisseur arbeitete und sich bald ganz dem Film mit Knetfiguren widmete. Er starb im Februar in Dresden mit 99 Jahren.
„Punkt, Punkt, Komma“ hieß 1972 ein Kinderfilm des Moskauer Regisseurs Alexander Mitta, der schon für seinen Film „Tanja sucht Freunde“ 1966 mit dem Goldenen Löwen von Venedig ausgezeichnet worden war. Zeitgemäßes Thema war die Erfüllung eines Pionierauftrages. Ein wirklicher Kultfilm gelang Mitta 1970 mit „Leuchte, mein Stern, leuchte“ über den kunstbesessenen Wanderschauspieler Iskremas, der mit seinem Thespiskarren in den Nachrevolutionsjahren um 1920 den Massen die Kunst nahebringen will und dafür mit dem Leben bezahlt. Der Regisseur und Autor wurde 1933 als Alexander Rabinowitsch geboren und nahm den Namen Mitta nach einem tschetschenischen Dichter an, mit dem er weitläufig verwandt war. Er arbeitete als Dozent an der Moskauer Filmhochschule WGIK und verließ diese Welt im Juli, 92-jährig.
Auch der georgische Regisseur und Filmproduzent Eldar Schengelaja wurde 92 Jahre alt und starb im August. Er hatte am WGIK studiert und von 1957 bis 2016 ein Dutzend Spielfilme gedreht, wovon es die Satire auf Bürokratie und Schlendrian „Blaue Berge oder Tienschan“ (1983) auch bei uns hätte zum Kultfilm bringen können, wenn er nicht vom Verleih mit „Das Blaue vom Himmel“ einen Allerweltstitel erhalten hätte. Schengelaja, dessen Bruder Georgi ebenfalls ein erfolgreicher Filmregisseur war, wirkte auch in der Politik und war für einige Jahre stellvertretender Parlamentspräsident in Georgien.
Zu den bei uns von der Leinwand bekannten sowjetischen oder aus anderen RGW-Ländern stammenden Akteuren, die uns 2025 verließen, zählt Oleg Strishenow, der in Sergej Gerassimows Zweiteiler „Peters Jugend“ (1981), der teilweise bei der DEFA entstand, den Fürsten Golizyn spielte. Im Februar starb er mit 95 Jahren in Moskau.
Auch Larissa Golubkina, bekannt seit ihrer Hauptrolle in „Husarenballade“ (1962), hat in Babelsberg vor der Kamera gestanden. In Juri Oserows fünfteiliger internationaler Produktion „Befreiung“ (1968-71) spielte sie als Krankenschwester Soja eine der Hauptrollen. Die Künstlerin, die auf der Bühne in musikalischen Rollen gefeiert und nach der ein Asteroid benannt wurde, starb im März kurz nach dem 85. Geburtstag.
Zur riesigen Besetzung in „Befreiung“ zählte auch der Tscheche Alois Švehlík, der im April in Prag im 86. Lebensjahr starb. 1978 spielte er die Titelrolle in einem DEFA-Film, der im frühen 16. Jahrhundert angesiedelt war: „Jörg Ratgeb, Maler“ von Bernhard Stephan. Auch in Serien wie „Die Frau hinterm Ladentisch“ (1978) oder „Das Krankenhaus am Rande der Stadt“ (1981) war er auf unseren Bildschirmen zu sehen.
Zu Weihnachten musste Wera Alentowa mit 83 Jahren die Welt verlassen. Bei der Trauerfeier für einen Kollegen brach sie zusammen und starb in einem Moskauer Krankenhaus. Sie hatte als Vera Bykowa ihre Filmlaufbahn in Ungarn unter Miklós Janscós Regie in „Sterne an den Mützen“ begonnen. Weltbekannt wurde sie in dem Melodram „Moskau glaubt den Tränen nicht“, der 1980 einen „Oscar“ gewonnen und den ihr Mann Wladimir Menschow inszeniert hatte.
Ein „Oscar“-Preisträger war auch der Kostümbildner Theodor Pištěk, Sohn eines Schauspielers gleichen Namens („Die Prinzessin mit dem goldenen Stern“, 1959). Seit 1960 hatte Pištěk für rund 70 Filme und Serien Kostüme gestaltet, darunter „Pan Tau“ (1977-78) und „Dune – Der Wüstenplanet“ (2000). Seinen „Oscar“ gewann er 1985 für den Film „Amadeus“ mit Tom Hulce, den sein Freund Miloš Forman inszenierte. In unseren Breiten ist er jedoch besonders für seine illustren Kostüme in dem Märchenfilm „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ (1973) bekannt, der in Ko-Produktion bei der DEFA entstand. Pištěk starb mit 93 Jahren im Dezember in seiner Heimatstadt Prag.
Mit „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ machte sich eine Schauspielerin als fein ironische Königin unsterblich, die viele Jahre lang am Staatstheater Dresden auftrat und im Film eher selten in Erscheinung trat. Karin Lesch wurde 1935 in Zürich geboren und starb im März zwei Monate vor ihrem 90. Geburtstag in der Nähe von Königs Wusterhausen. Sie war die Tochter der österreichischen Schauspielerin Mathilde Danegger, die 1932 in die Schweiz emigriert war und ab 1951 im Osten Berlins wirkte (bis heute in der Titelrolle von „Frau Holle“ regelmäßig auf dem Bildschirm). Nach ihrem Schauspielunterricht wirkte Lesch zunächst am Hans-Otto-Theater in Potsdam und in Karl-Marx-Stadt, außerdem in Filmen mit antifaschistischer Thematik („Die Toten bleiben jung“, 1968, „KLK an PTX“, 1971).
Das Stück „Der erste Tag der Freiheit“ des Polen Leon Kruczkowski, das das Verhältnis zwischen Polen und Deutschen nach Kriegsende zum Thema hat, kam 1975 in einer Inszenierung des Berliner Ensembles auf den Bildschirm. Für Dieter Knaup, wie er im Theater hieß, oder Heinz-Dieter Knaup, wie er sich bei Film und Funk nannte, war dies nur eine von vielen Theaterrollen, in denen er im DFF zu sehen war. Der gebürtige Unterfranke war nach einem Schauspielstudium in Weimar jung – noch zu Brechts Lebzeiten – ans Berliner Ensemble gekommen und schon sein Debüt mit „Pauken und Trompeten“ wurde 1955 vom Fernsehen übernommen. Mit kurzen Ausnahmen an der Volksbühne und dem Theater im Palast blieb Knaup bis 1999 eine wichtige Stütze des BE. Daneben spielte er vor der Kamera rund 100 Rollen, vom Krimi („Ware für Katalonien“, 1959, „Der Bruch“, 1988) bis zu Boulevardkomödien, in denen er geistvoll und spöttisch, selbstironisch und satirisch pointiert agierte („Die Marquise“, 1977, „Die Heiratsannonce“, 1985). Er verkörperte mehrfach Brecht-Rollen, blieb aber im Kino besonders mit zwei Filmen populär. In der deutsch-sowjetischen Ko-Produktion „Fünf Tage – fünf Nächte“ spielte er 1961 einen Maler, der versehrt aus dem Krieg kommt und nur langsam neuen Lebensmut gewinnt. Auch der joviale Chefarzt in Lothar Warnekes Publikumserfolg „Einer trage des anderen Last“ (1987/88) brannte sich ins Gedächtnis ein. Nun schon ein Vierteljahrhundert zurückgezogen lebend ist Knaup im Oktober 2025 gestorben, drei Tage vor seinem 96. Geburtstag.
Schlagwörter: F.-B. Habel, Nekrologe

