Missverständnisse

von Frank-Rainer Schurich

Sprache ist eine Grundlage von Irrtümern und Zweideutigkeiten. Meistens ist es das geschriebene oder gesprochene Wort, aber auch Körpersprache und Fehleinschätzungen der Wirklichkeit können Verwirrungen im Verstehen auslösen. Missverständnisse passieren oder können auch ganz bewusst in Szene gesetzt werden – wie einige durchaus kuriose Beispiele beweisen:

Paul Zweifel (1848-1927) hieß ein bekannter Ordinarius der Leipziger gynäkologischen Klinik um die vorletzte Jahrhundertwende. In der Bierzeitung der Leipziger klinischen Studentenschaft stand eines Tages zu lesen: „Ohne Zweifel ist die medizinische Fakultät die beste ganz Deutschlands.“

Mit einem provozierten Missverständnis hatte der abgedankte Kaiser Wilhelm II. zu kämpfen. Als Haarmann in Hannover, Kürten in Düsseldorf, Denke in Münsterberg und Großmann in Berlin als multiple Mörder wüteten und dingfest gemacht wurden, fragte ihn ein Journalist, wer denn der größte Massenmörder Deutschlands sei. Der Kaiser antwortete brav: „Ich denke Haarmann.“ In der Zeitung stand dann aber: „Ich, Denke, Haarmann.“

In einem Rundschreiben der Postdirektion von Livorno (Italien) an die Postämter konnte um 1988 gelesen werden: „Auch ein leerer Briefkasten muss geleert werden, da er möglicherweise voll sein könnte.“

Etwa zur selben Zeit urteilte ein Richter in Durham (Texas) so: „Wegen Trunkenheit am Steuer wird Mr. Pat Hughes zu 60 Dollar Strafe verurteilt. Außerdem wird er verpflichtet, sofort den Führerschein zu erwerben, der ihm für die Dauer eines Jahres entzogen wird.“

Und in der Dienstordnung der Freiwilligen Feuerwehr in der Gemeinde Aldiswil (Schweiz) regelte Punkt 7: „Zwei Stunden vor Ausbruch eines Brandes ist jeglicher Alkoholgenuss untersagt.“

Fragen können enorm missverstanden werden, wie alle aus eigener Erfahrung wissen. Ein Spielmeister zu einem Kandidaten: „Und jetzt kommen wir zum Bauwesen und zur letzten Frage! Was stellen Sie sich unter einer freitragenden Hängebrücke vor?“ Der Kandidat antwortete kurz und knapp: „Wasser“.

Schließlich muss noch auf ein Werbeprospekt der Stadt Grenoble in Frankreich aus den 1980er Jahren hingewiesen werden: „In unseren riesigen Wäldern finden Sie wahre Einsamkeit. Zu Tausenden strömen die Ruhebedürftigen aus aller Welt zu uns.“

Nicht schlecht staunte ein Fluggast, als er 2002 mit einer harmlosen Bemerkung in einem Passagierflugzeug auf dem Weg nach London bei den britischen Streitkräften Terror-Alarm auslöste. Wie eine Sprecherin des Verteidigungsministeriums bestätigte, starteten sogar mehrere Tornado-Kampfjets, um die Boeing 767 mit zwei vermeintlichen Terroristen an Bord notfalls abzufangen. Bei der Landung auf dem Flughafen Heathrow stellte sich indes heraus, dass die beiden Verdächtigen nur falsch verstanden worden waren. Nach Informationen des Daily Express hatten bei dem Vorfall einige der 193 Passagiere zufällig mitgehört, wie ein „schlampig aussehender“ Fluggast zu einem anderen gesagt hatte, er habe dies „sechs Monate geplant“. Damit meinte er ein Familientreffen in Großbritannien, doch die Umsitzenden glaubten, er rede über einen Terroranschlag, und verständigten prompt die Besatzung.

Auch Einladungen können Missverständnisse sein oder auslösen – wie beim Schriftsteller und Essayisten Christoph Hein. Er hatte eine Einladung der Bundesregierung zu einer Veranstaltung zum sechzigsten Jubiläum des Grundgesetzes ausgeschlagen und begründete sein Fernbleiben mit der Ausgrenzung von DDR-Künstlern in der Ausstellung „60 Jahre, 60 Werke“, die vom 1. Mai bis zum 14. Juni 2009 im Berliner Gropius-Bau zu sehen war. O-Ton Hein: „Die Einladung war ein Missverständnis. Man kann und muss nicht jedes Missverständnis in dieser Welt aufklären, aber wenn man sich dadurch beschmutzt fühlt, ist eine Klärung angebracht.“ Recht hat er!

Womit wir über Umwege bei der Kriminalistik sind. „Wo ein Verbrechen mit kühlem Vorbedacht begangen wird“, sagte Sherlock Holmes zu Dr. Watson in der Erzählung „Die Thorbrücke“ von Arthur Conan Doyle, „da werden auch mit kühlem Vorbedacht die Spuren verwischt. Und so darf ich hoffen, dass wir es gegenwärtig mit einem ernstlichen Missverständnis zu tun haben.“

Ausgehend von der Tatortuntersuchung geht es immer um die Spurenverfolgung nach rückwärts, und dabei kann man auch auf einer falschen Fährte sein. Der Täter hatte Spuren beseitigt oder falsche gelegt, wie bei Conan Doyle, und wenn dies nicht erkannt wird, laufen die ganzen weiteren Ermittlungen in eine abenteuerliche Richtung.

Noch schlimmer sind die Missverständnisse, die von den Polizisten selbst hervorgerufen werden. Im berühmt-berüchtigten Fall des multiplen Mörders Dieter Zurwehme, der im August 1999 in Greifswald in der Gützkower Straße festgenommen werden konnte, wurde bei der Suche in einem Maisfeld in Hespe bei Stadthagen (Niedersachsen) neben einer angebissenen Bockwurst auch ein Klappmesser gefunden, das die Polizei dann sogleich als wichtige Spur präsentierte. Doch wie sich herausstellte, war das Messer einem Polizisten aus der Tasche gefallen …

Und nachdem die MDR-Sendung „Kripo live“ einen Aufruf zur Fahndung nach Dieter Zurwehme ausgestrahlt und ein Bild von ihm gezeigt hatte, hatte sich eine Bürgerin bei der Polizei gemeldet, die Zurwehme gesehen haben wollte. Auf diesen Hinweis hin fuhr die Polizei mit bescheidenem Aufgebot zu dem besagten Hotel in Heldrungen (Thüringen). Obwohl der Polizeiführer vom Dienst das Bild des gesuchten Mannes griffbereit hatte, schicke er zivile Fahnder in die Spur ohne Fahndungsfoto, anhand dessen das Personal hätte sagen können, ob diese Person der Gesuchte sei. Der Hotelwirt klopfte also an die Zimmertür, der 62-jährige Tourist und Hobby-Wanderer Friedhelm Beate aus Köln öffnete, erblickte zwei Fremde mit gezogenen Pistolen und versuchte, aus Angst vor einem Überfall die Tür zuzudrücken. Durch die Tür wurde er sofort erschossen. Ein skandalöses Fehlverhalten der Polizei und ein Beispiel dafür, dass Missverstehen und Missverständnisse zuweilen tragisch und tödlich enden.