Lebendiges Porträt einer Jahrhundertdenkerin

von Manfred Orlick

Die deutsch-US-amerikanische politische Theoretikerin und Publizistin Hannah Arendt gilt als eine der bedeutendsten Denkerinnen des 20. Jahrhunderts. Die grundlegenden Erschütterungen dieser Epoche fanden Ausdruck in ihrem Leben und ihren Schriften. Aufstieg und Fall totalitärer Regime, Flucht- und Fremdheitserfahrungen, aber auch hoffnungsvolle Neuanfänge prägten ihr gesamtes Denken. Bekannt wurden vor allem ihre Analysen des Totalitarismus sowie die viel diskutierte These von der „Banalität des Bösen“.

Bereits zu Lebzeiten war Hannah Arendt eine öffentliche Person, aber seit zwei Jahrzehnten erfahren ihre politischen und philosophischen Schriften eine Breitenwirkung, die weit über die Grenzen des akademischen Diskurses hinausreicht. Wie erklärt sich dieses fortwährende Interesse? Die Politikwissenschaftlerin Grit Straßenberger stellt Arendt als eine politische Denkerin vor, als wichtigste Philosophin des 20. Jahrhunderts, deren Denken von ihren Lebenserfahrungen geprägt war. Straßenbergers  Biografie „Die Denkerin“, die zum 50. Todestag von Hannah Arendt erschien und die sie in drei umfangreiche Abschnitte unterteilt hat, folgt zwar der Chronologie von Arendts Vita, doch dazwischen werden wiederholt markante Lebens- und Werkthemen gesondert hervorgehoben.

Im ersten Abschnitt wird die Zeitspanne von der Geburt (1906) und Kindheit in Königsberg bis zu ihrer Ankunft in New York 1941 beleuchtet: Studium der Philosophie, Theologie und Klassischen Philologie an verschiedenen Universitäten, erste Studien, in denen sie sich mit der gesellschaftlichen Assimilation von Juden auseinandersetzte, sowie Flucht 1933 aus Deutschland, nachdem sie kurzzeitig von der Gestapo inhaftiert worden war. Arendt emigrierte zunächst nach Frankreich und von dort in die USA, wo sie den Rest ihres Lebens verbrachte.

Danach widmet sich die Autorin unter dem Titel „Die reisende Theoretikerin“ den wohl entscheidenden Jahren (1941 bis 1964) von Hannah Arendt, als diese zwar in New York lebte, aber dennoch ständig in der Welt unterwegs war. In diesen Jahren entwickelte sie sich von der politischen Aktivistin zur politischen Theoretikerin. Die Staatenlose, die erst 1951 die amerikanische Staatsbürgerschaft erhielt, lehrte an mehreren amerikanischen Universitäten. In ihren Arbeiten, die sie in einflussreichen Zeitschriften publizierte, verarbeitete sie ihre Erfahrungen des Exils und der Verfolgung im Nationalsozialismus. Zu den wesentlichen Elementen gehörten unter anderem die Untersuchung des politischen Systems des Totalitarismus, die Berichterstattung über den Eichmann-Prozess sowie die daraus gewonnene Einsicht in die „Banalität des Bösen“.

Ihre internationale Lehrtätigkeit und Vorträge erforderten in diesen Jahren eine rege Reisetätigkeit. 1949 besuchte sie erstmals Nachkriegsdeutschland, wo sie unter anderem Karl Jaspers und Martin Heidegger begegnete. 1961 reiste sie nach Jerusalem, um den Prozess gegen Adolf Eichmann zu verfolgen und darüber zu berichten. Detailliert beschäftigt sich Straßenberger hier mit der Kontroverse um Arendts Eichmann-Report, der bei seinem Erscheinen auf heftige Ablehnung in Israel, Westdeutschland und den USA stieß. Mit ihrem umstrittenen Bericht begann aber eine breite Diskussion über den Holocaust sowie über Ursachen und Natur von Massenverbrechen und über moralische Verantwortung. Ihre Kritik an der unzureichenden juristischen Aufarbeitung der NS-Verbrechen im Nachkriegsdeutschland stieß insbesondere in der Bundesrepublik auf heftigen Widerstand.

Der abschließende Teil der Biografie mit dem Titel „Ankünfte, Abschiede, Rückzüge“ beleuchtet dann das letzte Lebensjahrzehnt (1965-1975) von Hannah Arendt. Bereits 1963 hatte sie an der University of Chicago eine Professur angenommen – ihre erste nach zahlreichen Gastdozenturen. 1967 folgte eine Berufung an die New School for Social Research in New York. In diese Jahre fiel auch die Freundschaft mit Uwe Johnson, den sie 1965 kennenlernte und mit dem sie bis zu ihrem Tod in einem regen Briefwechsel stand.

In ihrem 1970 veröffentlichten Werk „Macht und Gewalt“ grenzte Arendt die beiden Begriffe voneinander ab und analysierte deren Beziehungen zur Politik. Der Essay entstand vor dem Hintergrund der weltweiten Studentenunruhen und des Vietnamkriegs. In diesem Zusammenhang setzt sich Straßenberger kritisch mit Arendts komplexer Beziehung zur amerikanischen Bürgerrechtsbewegung auseinander, deren zentrale Anliegen Arendt zwar befürwortete, doch gegenüber der schwarzen Bürgerrechtsbewegung blieb sie auffällig stumm.

Arendts letztes Projekt, die dreiteilige Studie „Vom Leben des Geistes“, in der sie die menschlichen Fähigkeiten des Denkens, Wollens und Urteilens untersuchte, erschien erst postum; Arendt starb am 4. Dezember 1975 in New York.

Im Anschluss an die Biografie stellt sich Straßenberger die Frage: Was hat uns die Jahrhundertdenkerin fünfzig Jahre nach ihrem Tod noch zu sagen? Sie gebe immer noch Antworten auf Fragen unserer Zeit – und das seien gegenwärtig vor allem Fragen nach der Demokratie. Zehn solche Fragen nach Eigenarten, Voraussetzungen und Bedrohungen werden daher am Ende der Neuerscheinung gestellt. Möglicherweise werden es in der Zukunft andere Fragen sein, zu denen Arendt zu Rate gezogen werden kann, aber heute stehen vor allem demokratietheoretische Fragen im Vordergrund.

 

Grit Straßenberger: Die Denkerin – Hannah Arendt und ihr Jahrhundert, Verlag C.H. Beck, München 2025, 528 Seiten, 34,00 Euro.