Nach der Niederschlagung der Revolution in München im Mai 1919 wurde Eugen Leviné, einer der Führer dieser (zweiten) Bayerischen Räterepublik vor Gericht gestellt, zum Tode verurteilt und am 5. Juni hingerichtet. In seiner Verteidigungsrede rief er seinen Richtern entgegen: „Wir Kommunisten sind alle Tote auf Urlaub.“
Dieses blutige Finale des deutschen Revolutionszyklus, der mit den Matrosenaufständen in Kiel und Wilhelmshaven im November 1918 begonnen hatte, hinterließ einen unauslöschlichen Eindruck bei der heranwachsenden Olga Benario. Sie war am 12. April 1908 in München als zweites Kind einer jüdischen Familie geboren worden. Ihr Vater war Anwalt und Sozialdemokrat, ihre Mutter hatte noch keinen Beruf erlernen dürfen, sicherte jedoch mit dem Geld ihrer wohlhabenden Eltern die Existenz der Familie. Olga Benario besuchte das Münchner Luisengymnasium, verließ es aber nach der 10. Klasse, um eine Ausbildung als Buchhändlerin zu beginnen.
Ihr politischer Weg führte vom Jung-Jüdischen Wanderbund zum Kommunistischen Jugendverband Deutschlands und von München nach Berlin-Neukölln, nun zusammen mit ihrem Lebensgefährten Otto Braun, einem KPD-Aktivisten. Dort arbeitete sie als Sekretärin und Stenotypistin in der sowjetischen Handelsvertretung und engagierte sich für die Kommunistische Partei.
Zusammen mit Braun wurde sie im Oktober 1926 der „Vorbereitung zum Hochverrat“ angeklagt und verurteilt. Ihr Vater erwirkte noch vor Jahresende ihre Freilassung aus dem Gefängnis in Moabit. Braun blieb in Haft, doch verhalf sie, inzwischen Mitglied des Untergrund-Apparates der KPD, ihm 1928 zur Flucht. Von der Polizei zur Fahndung ausgeschrieben, gingen beide illegal über die Grenze in die Tschechoslowakei und von dort nach Moskau. Olga Benario erhielt an der Lenin-Schule der Komintern eine genaue Instruktion in politischer wie auch in illegaler Arbeit und wirkte ihrerseits in der Kommunistischen Jugend-Internationale. Die sprachkundige Kommunistin wurde zu Missionen nach Frankreich und England entsandt. Dort kurzzeitig verhaftet, besuchte sie nach ihrer Freilassung und Rückkehr nach Moskau die sowjetische Militärakademie, wo sie neben anderen Fähigkeiten auch das Reiten erlernte. 1931 trennten sich Otto Braun und Olga Benario.
Seit 1933 arbeitete sie für den Otdel meshdunarodnych swjazej, die Abteilung für Internationale Verbindungen (OMS). Hinter diesem Namen verbarg sich der Geheimdienst der Komintern. Ende 1934 wurde sie mit dem im Moskauer Exil lebenden brasilianischen Kommunisten Luiz Carlos Prestes bekannt gemacht.
Aufgrund ihrer militärischen Ausbildung erhielt sie die Aufgabe, mit Prestes, dem sie als Leibwächterin zugeteilt wurde, nach Brasilien zu gehen. Sie erhielten Papiere, die sie als portugiesisches Ehepaar auswiesen. 1935 in Rio de Janeiro angekommen, war aus dem fiktiven ein reales Liebespaar geworden. Olga Benario arbeitete zeitweilig mit den ebenfalls aus Deutschland von der Komintern nach Brasilien entsandten Ehepaar Arthur und Elise Ewert zusammen (siehe auch Das Blättchen, Nr. 19/2023).
Ein von der Komintern und den brasilianischen Kommunisten geplanter Aufstand gegen das diktatorische Regime von Präsident Getúlio Vargas scheiterte am 27. November 1935. Die Unterstützung der Bevölkerung blieb weitgehend aus, und überdies war die Regierung durch den Verrat eines Doppelagenten vorab informiert worden. In der einsetzenden Verfolgungswelle fielen Ende 1935 der Polizei das Ehepaar Ewert und im März 1936 auch Benario und Prestes in die Hände. Luiz Carlos Prestes verschwand für zehn Jahre im Gefängnis, Arthur Ewert wurde so grausam gefoltert, dass er für den Rest seines Lebens den Verstand verlor.
Die schwangere Olga Benario wurde zusammen mit Elise Ewert vom Polizeichef von Rio de Janeiro, Filinto Müller, per Schiff in Richtung Deutschland deportiert und geriet dort in die Fänge der Gestapo. Im November 1936 brachte sie im Frauengefängnis in Berlin ihre Tochter Anita Leocádia zur Welt. Da Anita durch ihren Vater Luiz Carlos Prestes brasilianische Staatsbürgerin war, wurde sie nach Brasilien zu ihrer Großmutter verbracht. Doch weder für Olga Benario, noch für Elise Ewert gab es eine Rückkehr in die Freiheit.
Elise Ewert durchlitt die Frauenkonzentrationslager Moringen, Lichtenburg und Ravensbrück. Dort starb sie am 26. Juli 1939 infolge der jahrelangen physischen und psychischen Quälerei, der sie in Brasilien und Deutschland ausgesetzt war.
Olga Benario wurde im Februar 1938 von Berlin ins KZ Lichtenburg verbracht. Dort sah sie durch einen Zufall noch einmal Elise Ewert. Es folgte die Verlegung Benarios in das KZ Ravensbrück. Am 7. April 1942 wurde sie in der Tötungsanstalt Bernburg umgebracht. Ihr Vater war schon 1933 gestorben, ihre Mutter und ihr Bruder wurden gleichfalls ermordet.
Blieb ein Rest an Hoffnung? Für die todgeweihte Olga Benario nicht – und dennoch: Überlebende Leidensgefährtinnen berichteten, so schreibt ihr Biograph: „Die Niederlage von der Wehrmacht bei Moskau schien ihre Hoffnung zu bestärken, dass Nazideutschland den Krieg am Ende verlieren würde.“
Olga Benarios Schicksal wurde in Erinnerungen ihrer Lagergenossinnen Erika Buchmann und Maria Wiedmaier bezeugt, Jorge Amado in Brasilien und Ruth Werner in der DDR hielten die Züge ihrer Persönlichkeit für die Nachwelt fest, Robert Cohen machte sie im „Exil der frechen Frauen“ einer neuen Generation bekannt.
Christopher Koppers wissenschaftliche Biographie steht in dieser Reihe. Sie vereint in hervorragender Weise die Genauigkeit des Historikers mit der Gabe des politischen Schriftstellers. Der Wirtschaftshistoriker Kopper, der an der Universität Bielefeld lehrt, schrieb das Buch im Ergebnis eines Forschungsaufenthaltes in Brasilien, der den VW-Konzern während der erneuten brasilianischen Militärdiktatur ab 1964 unter die Lupe nahm. Doch interessierten Kopper mehr und mehr die Gegenkräfte zu Ausbeutung und Unterdrückung, und so kam er Olga Benario, ihren Genossinnen und Genossen auf die Spur. Er forschte dazu in vier Ländern und in dreizehn Archiven.
Was bleibt zu sagen? Olga Benarios Peiniger Filinto Müller setzte seine Karriere von einer Diktatur zur nächsten bruchlos fort, von Getúlio Vargas zu Humberto Castelo Branco und seinen Nachfolgern. Vor seinem Tod durch ein Flugzeugunglück in Paris 1969 war Müller Vorsitzender der Regierungspartei der brasilianischen Militärdiktatur, der ARENA (Aliança Renovadora Nacional – Nationale Erneuerungsallianz). Im Jahre 1960 bekam er in Bonn das Große Bundesverdienstkreuz mit Stern und Schulterband angeheftet, dessen Sonderstufe als erster Träger sein Dienstherr Getúlio Vargas 1953 empfangen hatte. Ehre, wem Ehre gebührt.
Christopher Kopper: Olga Benario. Ein kurzes Leben im Dienst der Weltrevolution, Suhrkamp, Frankfurt a. M. 2025, 327 Seiten, 22,00 Euro.
Schlagwörter: Christopher Kopper, Luis Carlos Prestes, Mario Keßler, Olga Benario

