Bleierne Abscheu

von Horst Möller

Bei dem Schlamassel, das sich infolge der Unsummen ergibt, die derzeit in Aufrüstung gepumpt werden, kann man nicht eindringlich genug an die Endergebnisse solchen Irrsinns erinnern. Immer wieder kommt da Griechenland in den Blick. Selbstredend verbietet sich, auf Deutsch zu geißeln, dass im Dezember 1944 aus englischen Bombern im Sturzflug Bomben und Maschinengewehrsalven auf Athen niedergeprasselt sind. Das grauenhafte Elend im ganzen Land, das die Wehrmacht nach dreieinhalb Jahren Besatzung bei ihrem Abzug zwei Monate davor hinterlassen hatte, gebietet nur eines: schweigen. Schweigen, um nicht schreien zu müssen vor Entsetzen wie auf Pablo Picassos „Guernica“. Auf Griechisch das Fazit: „Tiefe, bleierne Abscheu beim Anblick der suizidalen Manie unserer Zeit.“

Das sind Worte von Giorgos Seferis, die der große griechische Poet in seine Tagebücher der Jahre von 1941 bis 1944 eingeschrieben hat. Keine gestanzten Worte, bloß der fatalen Seelenbespiegelung eines Schöngeistes entsprungen, um seinem Ästhetizismus im Elfenbeinturm der Literatur zu frönen. Wegen eines Mannes solcher Couleur hätte kein Chef der Sicherheitspolizei und des SD (Reinhard Heydrich) durchstellen lassen: „Es ist anzunehmen, dass bei einer Ausschaltung des Seferiades [sic!] eine wesentlich deutschfreundlichere Haltung der griechischen Presse gegenüber den deutschen Belangen zu erzielen wäre.“ (Schreiben vom 10.09.1940)

Ausschalten! Seferis hatte sich in den Dienst der Athener Regierung gestellt, was für ihn und seine Frau Maro bedeutete: am 23. April 1941 Einschiffung nach Kreta und von dort ab ins Exil nach Ägypten, Zwischenaufenthalt in Jerusalem, dann Südafrika, wieder zurück nach Ägypten, riskanter Kurzaufenthalt im von deutschen V1 („Wunderwaffe“) drangsalierten London, endlich im September 1944 Italien (Neapel) und von dort schließlich Rückkehr – wieder zuhause am 23. Oktober.

Dass dieses Herumvagabundieren beim Emigranten nicht völlig ohne Larmoyanz abging, wer wollte es ihm verdenken. Was indessen aus direktem Erleben des Insiders vermerkt wird an Ideenarmut, Mutlosigkeit, Unfähigkeit der griechischen Verantwortungsträger, das lässt dann schon einigermaßen erschrecken. Doch er beließ es nicht beim Lamento, denn: „Es geht nicht darum, ob diese Leute skrupellos sind, sondern was wir tun müssen.“ Zu beantworten war die akute Frage: Was wird aus Griechenland nach dem Krieg?

An Neuanfängen mangelt es in Griechenlands weit zurückreichender Vergangenheit wahrlich nicht. Seferis entriss der Vergessenheit einen Mann, der nach 1821 in den Kämpfen zur Befreiung vom Türkenjoch sich Ruhm erworben hatte: Ioannis Makrygiannis. Dass dieser tapfere Patriot bei der Neubildung des Staates auf Seiten der Konstitutionalisten stand und gegen den sich etablierenden Autoritarismus auftrat, führte zum Entzug seiner politischen Ämter, Verurteilung, Einkerkerung, Begnadigung, Rehabilitierung – ein heilloses Rauf und Runter. Hierüber sprach Seferis am 16. Mai 1943 in Alexandria und drei Tage später in Kairo vor der schon seit jeher dort ansässigen umfangreichen griechischen Community. Notiz im Tagebuch: „Das Publikum folgte aufmerksam und reagierte ergriffen. Der Thronfolger sagte mir danach: ‚Ich hatte keine Ahnung von all dem.‘ Mittags luden uns die ‚Ehemaligen‘ zum Essen. Neben uns ein offizieller Mittagstisch, Tsouderos, Venizelos und das Marineministerium. Stechende Blicke zu uns hin.“ Und weiter: „Der Vortrag hat einen starken Eindruck hinterlassen. ‚Keiner hat uns je so etwas gesagt‘, heißt es. Lob in allen Zeitungen, obwohl der Spitzel Zografos hinterrücks tätig war. Nur zwei, drei Idioten fanden, dass ich vor dem Thronfolger so eigentlich nicht hätte reden dürfen.“ Und zu Kairo: „Leider nicht viel Publikum; vielleicht 500; in Alexandria waren es schätzungsweise um die 1400. Junge Kollegen rücken von mir ab, wie Ratten vom sinkenden Schiff.“

Dann zu Jahresende 1944 der deprimierende Rückblick: „Die Befürchtungen, die ich in Kairo ständig äußerte, bis zu dem Punkt, dass ich missliebig wurde, werden jetzt zu entsetzlich hautnahen Bedrohungen.“ Doch Angst ließ er nicht laut werden, auch dann nicht, als direkt vor seinem Haus in der Plaka, mitten im Zentrum Athens, geschossen und getötet wurde.

Die verzweifelte Frage, wie es nach dem Krieg zum Bürgerkrieg kommen konnte, beantwortet Seferis sich ganz lapidar: „Das politische Personal hat in Griechenland auf der ganzen Linie versagt.“

 

Übersetzung der Seferis-Zitate von Andrea Schellinger.