Immer noch gesucht: Mitstreiter
Das Blättchen-Team wirbt erneut um weitere Mitstreiter in der Redaktion.
Nach wie vor gilt, dass Erfahrungen im Journalismus, in der Germanistik oder einer vergleichbaren Sphäre keine Voraussetzung für eine Mitarbeit wären, wohl aber die Beherrschung der deutschen Sprache sowie praktische Fertigkeiten in digitaler Textverarbeitung.
Die Arbeitsweise der Redaktion erläutern wir gern im persönlichen Gespräch.
Angemessene Einarbeitung ist garantiert.
Weil für Letzteres sowie generell für die Zusammenarbeit räumliche Nähe hilfreich wäre, bevorzugen wir Bewerbungen aus Berlin und dem nahen Brandenburger Umland.
Trauen Sie sich und melden sich bei Interesse per E-Mail an: redaktion@das-blaettchen.de.
Im Januar
Schnee fällt in dicken Flocken.
Es hocken
die Vögel aufgeplustert im Geäst.
Das frohe Fest
im alten Jahr,
das war ein köstlicher Genuss.
Nun muss man Ruhe haben
nach den reichen Gaben.
Das Neue drängt
und zwängt
sich raus ans Licht.
Noch
weiß mach nicht
was kommen mag,
doch
jeder Tag
ist angefüllt mit guten Dingen,
die überwiegend auch gelingen.
Und vom Guten hinterher
gibt es noch ein bisschen mehr.
Darum mit Schwung ins neue Jahr
mit allen seinen Wochen,
‘s wird besser als das alte war.
Versprochen!
Europas Wahn und Führung
Um Europa immer sicherer und sicherer zu machen, hat sich die NATO in den letzten drei Jahrzehnten rund 1000 Kilometer in Richtung Moskau erweitert – und nun verkündet NATO- Generalsekretär Rutte im Brustton der tiefsten Überzeugung und Besorgnis: „Wir sind Russlands nächstes Ziel […].“ Und wir alle hätten uns auf einen Krieg einzustellen, wie ihn „unsere Eltern und Grosseltern erlebt haben “.
Wie passt das zusammen? Wenn wir ausschliessen, dass die NATO-Strategen jedes Mal, wenn sie uns Sicherheit versprachen, gelogen haben, dann bleibt nur der Schluss, dass ihnen das Ganze rein versehentlich zum genauen Gegenteil des Versprochenen geriet, also zumindest eine katastrophale Fehlkalkulation war – und im Endeffekt keinen Deut harmloser als Lügen.
Der Herr Generalsekretär aber hat offenbar nicht nur den Logik-, sondern auch den Geschichtsunterricht geschwänzt; denn nicht genug, dass er jede NATO-Verantwortung für das Desaster zurückweist: Auch von Hiroshima und Nagasaki scheint er nichts zu wissen, und dass seither der Dritte Weltkrieg nie mehr einer sein wird wie jener „unsere[r] Eltern und Grosseltern“, sondern garantiert ein atomarer, und damit aller Wahrscheinlichkeit nach auch der definitiv Letzte.
Doch statt von den Hebeln der Macht entfernt und in Therapie gesteckt zu werden, macht diese Art grössenwahnsinniger Kognitions- und Realitätsverlust und global-genozidaler Verantwortungs-Unfähigeit in Europas aktueller Polit-Elite hemmungslos Schule.
Kyrie eleison!
Zinnober
„Krieg ist Frieden, Frieden ist Krieg.“ Die pointierte Losung in George Orwells Roman „1984“ wurde anscheinend von der Europäischen Kommission als Marketing-Leitfaden missverstanden. Im Einklang mit der Rüstungsindustrie sorgt sie dafür, dass die Finanzmärkte inklusive der kleinen Aktiensparer die Waffenproduktion als „nachhaltig“ ansehen sollen.
Rüstungsinvestitionen werden inzwischen zum wachsenden Kapitalpool gerechnet, der als „grüne“ oder „ESG“-Investition (Aktivitäten in den Bereichen Umwelt, Soziales oder gute Unternehmensführung) bezeichnet wird. Der europäische Teil dieses Marktes hat laut den neuesten Morningstar-Daten einen Wert von sieben Billionen Euro.
Durch sorgfältige Wortwahl, strategisch ausgearbeitete Dokumente und eine Reihe von Treffen hat die Europäische Union das Konzept der „Nachhaltigkeit“ schrittweise erweitert. Das Label umfasst nun auch Bereiche, die einst offensichtlich überhaupt nichts damit zu tun hatten, wie beispielsweise Verteidigung und Sicherheit.
Was für den gesunden Menschenverstand ein Widerspruch ist (Waffen sind nachhaltig), gilt in der Europäischen Union als offizielle Orientierung.
Wer glaubt, mit „grünem“ Kapital Klimaschutz oder soziale Projekte zu fördern, finanziert in Wirklichkeit zunehmend Panzer, Kampfflugzeuge und Munition. Allein vier europäische Rüstungsunternehmen erhielten 2025 Investitionen durch grüne Fonds von jeweils über vier Milliarden Euro: Safran SA, Rolls-Royce Holdings PLC, Rheinmetall AG, Airbus SE.
So wie sich die „grüne“ Partei wundersam – vereinfacht formuliert – vom Pazifismus zum Bellizismus degeneriert hat, so finanziert der kleine gutgläubige Sparer mit „nachhaltigen“ und „dunkelgrünen“ ESG-Fonds ungewollt massenhaftes Zerstören, Verstümmeln und Töten. Ob Völkermord in Gaza oder Umweltzerstörung in der Ukraine, das „Kapital“ aller Seiten schreckt vor nichts zurück, wenn der entsprechende Profit in Aussicht steht. Die Perversität dieses Systems ist himmelschreiend oder besser gesagt, sie ist so evident, dass selbst Orwells „Big Brother“ neidisch werden könnte.
Rückblick auf den Zweiten Weltkrieg
– gesprochen, wie für heute
Die Toten ehrt man nicht, indem man schweigt.
Sondern verhindert, daß sowas noch einmal geschieht.
Hanne Hiob
(1985)
Das Einhorn – ein Jahrtausende alter Mythos
Pseudorational und mit sophistischem Zungenschlag könnte man formulieren: „Im Unterschied zu Nashörnern sind Einhörner Stirnhörner.“ Doch im Potsdamer Museum Barberini – längst bekannt für seine hervorragend kuratierten thematischen Ausstellungen – rückt eine umfangreiche Exposition dem Mythos Einhorn natürlich viel ernsthafter zu Leibe. Auf der zugehörigen Website heißt es: „Das Einhorn stand und steht für Freiheit und Unbezähmbarkeit, für Reinheit und Unschuld, für Natürlichkeit und Zuneigung. Dabei ist die Faszination für das Fabeltier kein neues Phänomen – sie reicht über Jahrhunderte, sogar Jahrtausende zurück und ist in vielen Kulturen verbreitet. Ihren Ursprung hat die Erzählung vom Einhorn in Indien, von wo aus sie sich nach China und – über Persien und Ägypten – nach Europa verbreitete. Hier erhielt das Einhorn viele Bedeutungen: Es galt als Symbol für Christus, weshalb es auf vielen Altarbildern gezeigt wurde, es galt als Zeichen der Keuschheit und wurde oft mit einer jungen Frau gemalt, und seinem Horn wurden medizinische Wunderkräfte nachgesagt, weshalb sich viele Apotheken nach dem Einhorn benannten.
Im Mittelalter zweifelte niemand an der Existenz des Einhorns, schließlich kam es ja auch in der Bibel vor. Außerdem gab es als sichtbaren Beweis das wundersame Horn des Einhorns, das in manchen großen Kirchen zu sehen war: eine lange weiße, spiralig gedrehte Stange, die oben spitz zuläuft. Erst im 17. Jahrhundert konnten Naturforscher beweisen, dass es sich dabei um einen Zahn des Narwals handelt. Aber auch diese wissenschaftliche Erkenntnis konnte der Anziehungskraft des Einhorns keinen Abbruch tun.“ Das schließt Künstler bis in die unmittelbare Gegenwart ein – wie etwa Olaf Nicolais lebensgroßes, auf dem Parkett des Barberini ruhend hingestrecktes Exemplar eines schwarzen Einhorns (La Lotta“, 2006) eindrücklich zeigt.
Einhorn. Das Fabeltier in der Kunst“, Museum Barberini, Humboldtstraße 5–6 Alter Markt, 14467 Potsdam; Mittwoch bis Montag 10:00 bis 19:00 Uhr, dienstags geschlossen; noch bis 1. Februar 2026. Auch ein virtueller 3D-Rundgang durch die Ausstellung ist möglich – hier klicken [1].
Die letzten Wochen von Kuttel Daddeldu
So will man oft und kann doch nicht
Und leistet dann recht gern Verzicht.
Joachim Ringelnatz,
Die Ameisen
Roland Lampe hat in den vergangenen Jahren diverse Bücher – insbesondere im findling verlag – veröffentlicht, in denen er den Spuren bekannter Schriftsteller in Brandenburg folgte. Erinnert sei hier an die Bücher über Christian Morgenstern in Birkenwerder oder über Hans Fallada in Brandenburg (siehe auch Das Blättchen 11/2023 [2]).
Die schön gestalteten Bücher dieses Verlages entstammen zwar der Brandenburger Provinz, sind aber alles andere als provinziell. In seinem Buch über Joachim Ringelnatz konzentriert sich Lampe auf die letzten Lebensmonate des Dichters. „Das waren Monate der Krankheit, der Trauer und des Abschiednehmens.“, stellt er in seiner Vorbemerkung fest. Anfang 1934 wurde Tuberkulose diagnostiziert, eine noch weit verbreitete und damals praktisch nicht heilbare Krankheit. Im Juni 1934 kam Ringelnatz ins Waldhaus Charlottenhof in Sommerfeld bei Kremmen. In der Tuberkuloseklinik blieb er bis Anfang Oktober. Die Klinik ist heute ein Kompetenzzentrum für Orthopädie. Lampe zeichnet auch die Klinikgeschichte interessant nach.
Das Buch erzählt detailliert über diesen Spitalaufenthalt, aber auch über die Freundschaften mit der Schauspielerin Asta Nielsen, dem Verleger Ernst Rowohlt, mit Hermann Hesse und dem Schauspieler Paul Wegener, der im November die letzten Worte an Ringelnatz‘ Grab sprach. Der „Anlehnung“ an Christian Morgenstern ist ebenfalls ein Abschnitt gewidmet.
Eine wichtige Quelle sind das Krankenhaus-Tagebuch und der Briefwechsel Ringelnatz‘ mit seiner Frau, die er liebevoll Muschelkalk nannte.
Ein Kapitel beschreibt die Nachwirkung des bis heute populären Dichters. Schade ist nur, dass auf die bekannte Figur „Kuddel Daddeldu“ – zeitlebens von Heinz Draehn gespielt im Kabarett „Die Distel“ und im DDR-Fernsehen – nicht eingegangen wird.
Joachim Ringelnatz gilt manchen bis heute als Inbegriff des anarchischen Humors, des scheinbar Leichten, des grotesken Spiels mit Sprache und Lebensformen. Roland Lampe unternimmt in seinem Buch den verdienstvollen Versuch, diesen Blick zu erden – geografisch wie biografisch. Er richtet den Fokus auf Ringelnatz‘ Beziehungen zu Freunden und seiner Frau und zeigt, dass hinter dem vielzitierten Spaßmacher ein zutiefst widersprüchlicher, verletzlicher und oft heimatloser Mensch steckte.
Lampe folgt dabei keinem klassischen biografischen Erzählschema. Vielmehr nähert er sich Ringelnatz über Orte, Aufenthalte, Begegnungen und Texte, die nicht nur in Brandenburg verankert sind oder von dort aus Impulse erhielten. Diese Methode erlaubt es, Bekanntes neu zu betrachten und scheinbar Nebensächliches aufzuwerten.
Besonders überzeugend ist Lampes Fähigkeit, historische Genauigkeit mit erzählerischer Leichtigkeit zu verbinden. Zitate aus Briefen, Gedichten und zeitgenössischen Quellen werden nicht ausgestellt, sondern sinnvoll in den Text eingebettet. So entsteht das lebendige Bild eines Autors, der sich nie ganz festlegen ließ – weder politisch noch ästhetisch –, der aber stets empfindsam auf seine Umwelt reagierte.
Dabei verschweigt Lampe die dunkleren Seiten nicht: Armut, Krankheit, gesellschaftliche Ausgrenzung und die zunehmende Bedrängnis durch den Nationalsozialismus werden nüchtern, aber eindringlich dargestellt. Gerade in der Gegenüberstellung von Ringelnatz‘ spielerischer Sprache und seiner existenziellen Bedrohung gewinnt das Buch an Tiefe. Der Humor erscheint nicht mehr als bloße Pose, sondern als Überlebensstrategie.
Stilistisch bleibt Lampe dem Anspruch treu, zugänglich zu schreiben, ohne zu vereinfachen. Sein Ton ist kenntnisreich, aber unprätentiös; man merkt dem Autor die langjährige Beschäftigung mit Literatur- und Regionalgeschichte an, ohne dass dies je belehrend wirkt. Das Buch lässt sich sowohl als literarischer Streifzug wie auch als Einladung zu eigenen Entdeckungen lesen.
Fazit: Roland Lampes Buch über Joachim Ringelnatz ist mehr als eine regionale Ergänzung zur bekannten Biografie. Es ist ein präzises, empathisches Porträt, das den Dichter aus der Klischeehaftigkeit befreit und ihn in seiner historischen und menschlichen Komplexität zeigt. Ein Gewinn für Ringelnatz-Kenner ebenso wie für Leserinnen und Leser, die ihn jenseits der bekannten Zitate neu entdecken möchten.
Roland Lampe: Eines Morgens ist alles fort. Joachim Ringelnatz in Sommerfeld, findling verlag, Werneuchen 2025, 156 Seiten, 20,00 Euro.
The Scharf Collection
Erstmals wird in der Alten Nationalgalerie zu Berlin die Scharf Collection, eine der bedeutendsten deutschen privaten Kunstsammlungen, in großem Umfang – um die 150 Werke – präsentiert. Die Kollektion umfasst überwiegend französische Kunst des 19. und 20. Jahrhunderts sowie zeitgenössische internationale Kunst.
Gezeigt werden herausragende Werke von Auguste Renoir, Pierre Bonnard, Edgar Degas sowie Claude Monet, von Goya und von Vertretern des französischen Realismus (von Courbet und anderen); einen besonderen Höhepunkt bildet eine Auswahl des in der Sammlung vollständig erhaltenen druckgrafischen Werks von Henri de Toulouse-Lautrec.
The Scharf Collection steht in direkter Nachfolge der Privatsammlung Otto Gerstenbergs. Seiner Tochter Margarethe Scharf gelang es, den Großteil der Sammlung trotz vieler Kriegsverluste über den Zweiten Weltkrieg zu retten. Die Enkel Walther und Dieter Scharf bauten auf den ihnen vermachten Werken jeweils eigene Sammlungen auf: Dieter Scharf konzentrierte sich auf den Surrealismus. Seine Sammlung ist seit 2008 als Dauerleihgabe an die Nationalgalerie in der Sammlung Scharf-Gerstenberg in Berlin-Charlottenburg zu sehen.
Walther Scharf und dessen Frau Eve bauten – auch gemeinsam mit ihrem Sohn René – den französischen Schwerpunkt weiter aus. Sie erwarben Werke von Monet, Paul Cézanne, Bonnard, Henri Matisse und Pablo Picasso. Heute richten René Scharf und seine Frau Christiane den Blick auf die zeitgenössische Kunst. Ihr Interesse gilt insbesondere den Erweiterungen des Mediums Malerei sowie dem Verhältnis von gegenständlichen und abstrakten Bildwelten. Vor diesem Hintergrund führen René und Christiane Scharf die familiäre Sammlungstradition mit Werken von Sam Francis, Sean Scully, Daniel Richter und Katharina Grosse in die Gegenwart.
Bereits Otto Gerstenberg hatte alle vier großen Grafik-Folgen Goyas in vollständigen Ausgaben erworben: „Los Capriccios“ („Einfälle, Launen“, 1793 bis 1796), „Desastres de la Guerra“ („Schrecken des Krieges“, 1810 bis 1814; erst 35 Jahre nach Golyas Tod erstmals veröffentlicht), „La Tauromaquia“ („Stierkampf“, 1815/16) und „Los Disparates“ („Torheiten“, 1815 bis 1824). Die jetzige Exposition zeigt zumindest Teile von allen vieren.
„The Scharf Collection: Goya – Monet – Cézanne – Bonnard – Grosse“, Alte Nationalgalerie, Berliner Museumsinsel, Dienstag bis Freitag, 10:00 bis 18:00 Uhr, Samstag/Sonntag 11.00 bis 18:00 Uhr; noch bis 15. Februar 2026
Die Kinder der Kriege schlafen so schwer …
Klaus Hoffmann sieht Ende März seinem 75. Geburtstag entgegen. Für den in Berlin-Charlottenburg Geborenen ist Berlin zum Fixpunkt seines beruflichen und künstlerischen Lebenswegs geworden, respektive geblieben.
Als Schriftsteller veröffentlichte er einige Bücher, teilweise mit autobiografischem Hintergrund. Als Schauspieler erlangte er Berühmtheit für die Hauptrolle im Film „Die Leiden des jungen W.“ nach Ulrich Plenzdorfs gleichnamigen Roman. Und als Musiker (Liedermacher, Chansonnier) hat er mittlerweile über fünfzig CD‘s und Platten veröffentlicht.
Zum Einstieg in sein neues musikalisches Werk gibt es mit „Zurück nach Berlin“ ein fast schon hymnenhaftes Bekenntnis zu seiner Heimatstadt, allerdings weit weg von einer Verklärung:
„Du bist mein Anfang
Bist Mein Untergang
Ich komm zurück in meine Stadt
Die nicht alle auf der Latte hat.
Wo keine Brücke hält
Zwischen Provinz und Gier
Wo jeder mit sich selber spricht
Auf der Jagd nach dir …!“
Mein persönlicher Favorit ist das Lied „Die Kinder der Kriege“. Starke Textzeilen werden musikalisch passend mit Streicherpassagen, Klavier und Gitarrensolo grundiert:
„Die Kinder der Kriege schlafen so schwer
In ihren Träumen ruhen alte Steine
Die erzählen von dem großen Meer
Der Erinnerungen, wollen nicht schweigen […]“
Sehr gefühlvoll ist der Song „Malena“ – eine Reminiszenz an eine Jugendliebe:
„Du lächeltest zu mir herunter
Du warst wie Sonnenlicht
Von da an wurde ich verwundbar
Denn dein Gesicht vergaß ich nicht.“
Das Duett mit Reinhard Mey („Ich geh auf deinen Straßen“) fällt leider etwas ab. Vielleicht sind die eingestreuten gesprochenen Passagen bei einem Live-Konzert wirkungsvoller?
„Ich bin“ kann durchaus als altersweises Werk eines Künstlers bezeichnet werden, der hoffentlich noch lange nicht in den Ruhestand eintreten wird.
Das Schlusswort gebührt dem Künstler selbst:
„Von nun an
Werd ich jeden Tag beginnen
So wie ich ihn als Kind begonnen hab
Staunend mit den Morgenvögeln singen
Als wäre es der erste Tag.“
Klaus Hoffmann: „Ich bin“, CD 2025; Label: stille-music, 17,99 Euro.
Der krumme Baum
Er steht im Garten nebenan.
Wer hat ihm das nur angetan?
Sein Wachstum ist recht stark verschoben,
er wächst nach links und nicht nach oben.
Dann biegt er sich sehr elegant
auch noch einmal nach rechterhand.
Wohlgeformt und ausgewogen
schwingt er seinen S-Baumbogen.
Was hat ihn denn dazu gebracht?
Ein Wort, das jetzt die Runde macht:
„Spaß“ ward unlängst ausgedacht.
Da hat der Baum sich krummgelacht.
Eine literarische Chronik der DDR-Wissenschaft
Schon vielfach wurde festgestellt, dass über die Lebensrealität in der DDR aus Werken von Literatur und Kunst mehr zu erfahren ist als aus der damaligen wissenschaftlichen Literatur. Es war kein Geringerer als Jürgen Kuczynski, der bereits 1983 in seinem „Dialog mit meinem Urenkel“ darauf hinwies: „Willst Du etwas über unsere Menschen im Alltag erfahren, dann lies Romane, die bei uns erschienen sind […].“ Und Wolfgang Emmerich konstatierte in seiner „Kleine[n] Literaturgeschichte der DDR“: „Kritische DDR-Literatur schuf und vollzog eine Ersatzöffentlichkeit anstelle einer nicht zugelassenen Presse- und Medienöffentlichkeit.“
Meist geschah dies jedoch nur mit kurzen Bemerkungen und einigen wenigen Verweisen. Das Verdienst des Politikwissenschaftlers Peer Pasternack ist es, dass er zum einen diese Sicht- und Forschungsmethode wissenschaftlich fundiert begründet und zum anderen 111 belletristische Titel dazu zunächst kurz nacherzählt und dann ausgewertet hat. Dieser Teil ist nach den Jahrzehnten gegliedert, die in den jeweiligen Erzählungen beschrieben werden, nicht nach Erscheinungsdatum der Bücher. Insofern finden sich hier auch einige Titel, die erst nach 1990 erschienen sind. Wir finden bekannte Namen wie Elfriede Brüning, Erich Loest, Herrmann Kant, Irmtraut Morgner, Christoph Hein – um nur einige zu nennen. Die Leserschaft trifft also auf viel Bekanntes, das man nun nochmals unter ganz anderem Aspekt sieht und gegebenenfalls in den Originalen nachlesen kann.
Das Buch ist kein literaturwissenschaftliches, sondern ein zeithistorisches. Es erschließt, so der Autor, eine bislang in der DDR-Zeitgeschichtsforschung erstaunlich unbeachtete Spezies von Quellen. Die DDR-Belletristik, so der Autor, sei bisher zwar literaturwissenschaftlich, aber nicht sozial- oder herrschaftsgeschichtlich ausgewertet worden. Diese Wissenschaftsbelletristik schließt Industrie- und Produktionsliteratur ebenso ein wie Bildungsfragen, Emanzipationsbestrebungen von Frauen, künstlerische Hochschulmilieus und einen Teil des Gesundheitswesens (Hochschulmedizin).
Nach der umfangreichen Darstellung der einzelnen Titel gibt es ein Nachwort von 120 Seiten! Neben zunächst allerlei Statistik – Hochschulen, Fachrichtungen, Regionen betreffend – werden dort die Tonalitäten, Figurenzeichnungen, Wissenschafts(un)typisches sowie Politisierung und Repressionen im Wissenschaftsalltag ausgewertet, des Weiteren die Konfliktanordnungen und -dynamiken. Auch Wissenschaftsoptimismus, -kritik und -skepsis sind Kriterien, unter denen die jeweiligen Titel nochmals begutachtet werden. Satire spielt eine Rolle, wie auch der Wissenschaftsumbau nach 1990.
Fazit: Das Buch ist sowohl unter wissenschaftlichen wie auch belletristischen Aspekten eine Fundgrube.
Peer Pasternack: Von Campus- bis Industrieliteratur. Eine literarische DDR-Wissenschaftsgeschichte, Tectum Verlag, Baden-Baden 2024, 633 Seiten, 99,00 Euro.
Rönscher Rundumschlag
Irrungen, Wirrungen 2025
Alljährlich sucht der Deutsche Skeptiker-Verein unter dem von Theodor Fontanes Romantitel entlehnten Motto „Irrungen, Wirrungen“ nach irren und wirren Behauptungen. Die Resonanz war auch 2025 wieder beachtlich. 1270 Teilnehmer lieferten 1936 Einsendungen, von denen wie immer sechs auf die Shortlist kamen. Welche ist Ihr Favorit?
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Glattspinner Max-Moritz Österlich, 89584 Deppenhausen: Die Winkelsumme im Dreieck hängt von der Umgebungstemperatur ab.
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Studienrat Michael Trinkfest, 88281 Spinnenhirn: Russische Familiennamen werden oft von Getränken abgeleitet; z. B. beim Dichter Pu(n)schkin, beim Komponisten Tschaikowski („Tschai“ : russisch „Tee“) und bei deren gemeinsamem Titelhelden Eugen Onegin (lies: One Gin).
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Erstklässler Konrad Mussmal, 83093 Antwort: Der Löwe heißt so, weil er auf der Jagd nach Beute durch die Savanne löwt.
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Ex-Ministerialrat Günter Grünschlau, 191217 Benzin: Die Zeitumstellung hilft beim Energiesparen; mit jährlich viermaliger Umstellung käme Deutschland ganz ohne Energie aus.
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Ivo Unterhübsch, 01744 Oberhäslich: Wir Fußball-Hooligans verkörpern das Beste, was der Sport aus Menschen machen kann.
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Umschüler Heiko-Fritz Klüger, 19073 Dümmer: Die politischen Parteien in Deutschland stellen die Interessen des Landes stets über die eigenen.
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Mehr „Soladrität“!
Die Oma eines Freundes kam vor Jahrzehnten mit dem Wort Solidarität nicht zurecht und sprach von „Soladrität“. Wir waren unreif genug, darüber zu lachen.
Gar nicht lachen kann ich jetzt über negative Äußerungen zum kühnen Vorschlag der deutschen Wirtschaft, die Probleme der ärmsten Rentner auf Kosten der nicht ganz so armen zu lösen. Damit käme man von der ohnehin nicht zu verwirklichenden Solidarität endlich zu „Soladrität“. Wenn dabei nur die Rentenhöhe beachtet wird, nicht aber das Vermögen – Schwamm drüber! Vermögen wird, wenn nur hoch genug, sowieso nie angetastet. „Wir vermögen das nicht zu ändern“, sagen wohlmeinende wohlhabende Sachkenner.
Doch man ahnte es: Die CDU, auf Wählerstimmen der Rentner angewiesen, um nicht unter die ominösen fünf Prozent zu sinken, sperrt sich gegen den neuen Vorschlag. Dann soll sie gefälligst nach Alternativen suchen!
Bald beginnt das neue Schuljahr. Brauchen die ABC-Schützen das ungesunde Zeug in den Zuckertüten? Nein, sie sollen sich „soladrisch“ erweisen und alles den ärmsten Rentnern spenden.
Und was ist mit den sinnlosen Fahrten auf Achter- und Geisterbahnen, Walzerfahrten und Scootern? Zehn Prozent teurer machen und Strafzuschläge bei Geschwindigkeitsüberschreitung – die ärmsten Rentner werden sich freuen.
Dies und ein von jedem Euro Mindestlohn abzuziehender „Rentnercent“ könnten uns voranbringen. Mal sehen, wer politischen Mut für solche „Soladrität“ aufbringt!
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Abhörprotokoll Moskau Pu/Tr 001/25
Technische Entwicklungen in Deutschland, die mit geringem Aufwand große Wirkung erzielen, stammen oft von klugen Köpfen aus den traditionsreichen „neuen“ Ländern. Dort haben Erfinder und Tüftler in der planwirtschaftlichen Enge der DDR gelernt, aus Wenigem viel zu machen.
Nun ist es einem sächsischen Ingenieur gelungen, als Weltneuheit ein nach den Prinzipien „Streichholzschachtel plus Zwirnsfaden“ und „Vor Freunden haben wir keine Geheimnisse“ funktionierendes Abhörgerät zu konstruieren, das sich als unschlagbar kostengünstig erwiesen hat. Die wenigen zusätzlichen Bauteile unterliegen, auch weil noch nicht patentiert, der Geheimhaltung.
Wegen der niedrigen Produktionskosten konnten Dutzende dieser Geräte per Drohnen an Einsatzorte transportiert werden. Ein Abhörgerät hat die Moskauer Kremlmauer erreicht, so dass wir Auszüge aus einem kürzlichen Telefonat zwischen den Präsidenten Putin und Trump veröffentlichen können.
Trump: Grüß dich, Wolodymyr. Hier spricht Donald, der künftige Friedensnobelpreisträger.
Putin: He, es ist eine Beleidigung, mich mit dem Vornamen dieses ukrainischen Nazis anzureden. Ich heiße immer noch Wladimir Wladimirowitsch.
Trump: Sorry, mein Lieber! Weswegen ich anrufe: Hast du etwas auf dem Balkan vor?
Putin: Nee, was soll ich denn dort?
Trump: Ich dachte nur, weil das ja mal zu euch gehört hat: Pippauen, Westland, Wettland – oder wie diese Zwergstaaten alle heißen.
Putin: Die liegen nicht auf dem Balkan, sondern im Baltikum.
Trump: Auch gut. Also, geht da was ab?
Putin: Du meinst eine Sondermilitäroperation? Mal sehen! Der Morgen ist klüger als der Abend, wie ein russisches Sprichwort so schön sagt. Du, Donald, was tun wir wegen Deutschland?
Trump: Gar nichts! Wir sehen feixend zu, wie die sich kaputtstümpern. Bei uns bedeutet MAGA: „Make America Great Again!“, aber bei denen: „Make All Germany Appalling!“ Und das heißt: mies, entsetzlich.
Putin: What a laugh! Wie schon der große Stalin sagte: „Die Hitlers kommen und gehen, aber das deutsche Volk, der deutsche Staat, bleibt unbelehrbar.“
Trump: Hat er das so gesagt?
Putin: Nee, aber ich habe ja immer das letzte Wort. Und hier habe ich es halt hinzugefügt.
Film ab
Bereits der erste Leinwandauftritt des aus kleinen Verhältnissen stammenden Kaninchens Judy Hopps und des vom Kleinkriminellen zum Ordnungshüter sich wandelnden Fuchses Nick P. Wilde war in diesem Magazin nahezu euphorisch besprochen worden (Blättchen 6/2016 [3]). Doch wenn Sequels nur dann und wann das Niveau des ersten Teiles erreichen, geschweige denn übertreffen, so liegt mit „Zoomania 2“ ein solch seltener Fall vor. Das mag daran liegen, dass mit Byron Howard der Schöpfer des ersten Teiles als Ko-Regisseur wieder mit an Bord war. Doch nicht minder dazu beigetragen haben dürften die enormen technischen Fortschritte, die im Bereich der Computeranimation in den zurückliegenden Jahren stattgefunden haben, was insbesondere einer immer differenzierteren Gestik und Mimik der Protagonisten zugutegekommen ist.
Zwar ist der Plot der nämliche – die Guten bekämpfen die Bösen und müssen dabei schier übermenschliche, äh, -tierische Hürden meistern, doch sie gewinnen –, aber Langeweile kommt in den 107 Filmminuten trotzdem nicht auf. Und eine der Botschaften des Streifens, dass nämlich aus den charakterlichen und physischen Unterschieden zwischen Individuen kollektive Stärke und Segen für die Gesellschaft erwachsen kann, wenn man ein gemeinsames positives Ziel verfolgt, kann in Zeiten wie den heutigen gar nicht oft genug transportiert werden.
In Produktion und Vermarktung des Films soll Disney laut New York Times 250 Millionen Dollars investiert haben. Der Film kam am 25. November 2025 in die Kinos; nur 17 Tage später hatte er bereits Einnahmen von über einer Milliarde Euro eingespielt.
Warum allerdings der sehr viel treffendere Originaltitel „Zootopia“ für die deutschen Kinos nicht beibehalten wurde, hatte sich schon bei Teil eins nicht erschlossen.
„Zoomania 2“, Regie: Jared Bush (auch Drehbuch) und Byron Howard; derzeit in den Kinos.
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Dass die Skandinavier rabenschwarze Filmkomödien können ist in Cineastenkreisen hinlänglich bekannt, und dafür sind sie, die Skandinavier, unter den sensibelsten derselben, also den Cineasten, zugleich hinreichend berüchtigt. Doch wer bisher vielleicht lediglich „Adams Äpfel“ und „Helden der Wahrscheinlichkeit“ (zu beiden Streifen siehe Blättchen 9/2023 [4]) – ebenfalls von Regisseur Anders Thomas Jensen und jeweils mit Mads Mikkelsen und Nikolaj Lie Kaas – unbeschadet überstanden hat, der ist trotzdem mitnichten dafür gewappnet, was ihm in „Therapie für Wikinger“ nicht nur an skurrilen Einfällen, sondern auch an sehr lebensecht abgefilmter chirurgischer und sonstiger Brutalität zugemutet wird. Wer allerdings etwa „7 Psychos“ – nicht von Jensen, sondern vom nicht minder genialen Martin McDonagh – nicht nur durchgehalten, sondern mit enthusiastischem Auge selbst die unglaublichsten Regieeinfälle ein ums andere Mal mit – und sei es stillschweigender – Bewunderung goutiert hat, der wird in diesem Streifen mehr als voll auf seine Kosten kommen und womöglich dem Besprecher zustimmen: „Was soll in einem Kinojahr noch groß schiefgehen, das mit solch einem Kracher beginnt?“
„Therapie für Wikinger“, Regie und Drehbuch: Anders Thomas Jensen; derzeit in den Kinos.
Das Sonderbare …
… an Demokratie?
Die gibt es schon ewig,
und die gab es noch nie.
Volta
Gefunden in Weltbühne 38/1990.
Aus anderen Quellen
Seine Befürchtung, dass Israel sich zu einem Apartheidregime entwickele, begründet der in den USA lehrende jüdisch-israelische Historiker Omer Bartov folgendermaßen: Israel befinde „sich seit 1967 in einem 50 zu 50 Zustand. Dass also die Hälfte der Bevölkerung jüdisch-israelisch ist und die andere Hälfte palästinensisch. Und von denen sind aktuell zwei Millionen Menschen israelische Staatsbürger mit in gewisser Weise eingeschränkten Rechten. […] Und die drei Millionen in der Westbank und die zwei Millionen im Gazastreifen haben überhaupt gar keine Rechte.“ Genau das sei Apartheid und habe im Übrigen „überhaupt nichts mit Antisemitismus zu tun“. Denn: „Antisemitismus ist, wenn Juden dafür gehasst werden, dass sie Juden sind. Und das hat doch überhaupt nichts mit dieser Situation zu tun. Hier geht es um ein System, bei dem jüdische Siedler gegenüber einer großen Anzahl von Palästinensern privilegiert sind, die ihrerseits keine Rechte haben.“
„Historiker Omer Bartov: Israel entwickelt sich zu einem Apartheidsregime“, Deutschlandfunk, 20.12.2025. Zur Audiodatei hier klicken. [5]
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„Indem China als Gefahr und ein Eingreifen Chinas in Taiwan als Bedrohung für Japan dargestellt wird“, so Robert Fitzthum, „versuchen die rechten und rechtsextremen Kräfte [in Japan – die Redaktion], die Stimmung im Land für Militarisierung und eine Änderung der Verfassung zu drehen. Sie wollen das Taiwan-Thema nutzen, um die alte Macht Japans wiederherzustellen.“
Robert Fitzthum: Der China-Japan-Konflikt, Ossietzky 24/2025. Zum Volltext hier klicken. [6]
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„Russland war seit dem Ende des Kalten Kriegs gegen jede Form der Nato-Erweiterung“, konstatiert der Historiker Alexej Gromyko und fährt fort: „Der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte, war der Nato-Gipfel in Bukarest 2008. Die Vereinigten Staaten wollten der Ukraine und Georgien den Status von Beitrittskandidaten gewähren. Paris und Berlin sagten nein. Als Kompromiss einigte man sich auf die Formulierung, dass beide Länder in undatierter Zukunft Nato-Mitglieder werden. Werden! Nicht werden können.“
Thomas Fasbender: Moskauer Historiker Gromyko: „Für Russland ist der Konflikt existenziell“, berliner-zeitung.de, 20.12.2025. Zum Volltext hier klicken. [7]
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„In Belgien, das berühmte surrealistische Künstler wie René Magritte hervorgebracht hat,“ beginnt Maïthé Chini, „ereignete sich dieser Tage etwas, das selbst für belgische Verhältnisse höchst surreal anmutet: Die Region Brüssel-Hauptstadt, in der das Herz der Europäischen Union schlägt, stellte einen neuen Weltrekord auf, den niemand anstrebt. Seit über 560 Tagen befindet sie sich ohne gewählte Regierung. Damit hat sie den bisherigen Weltrekord für die längste Regierungsbildung in Friedenszeiten gebrochen, der zufällig (oder auch nicht zufällig) ebenfalls von einer belgischen Regierung aufgestellt worden war […].“
Maïthé Chini: Der Rekord, den niemand will, ipg-journal.de, 22.12.2025. Zum Volltext hier klicken. [8]
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„Das Genialste an einem Feindbild-Konstrukt“, vermerkt Thomas Fasbender, „ist […], dass es die Wahrheit ersetzt. Die ist schließlich kompliziert; das wusste schon Pontius Pilatus: ‚Was ist Wahrheit?‘ Dagegen ist eine Doktrin so einfach wie das Einmaleins: Russland. Ist. Die. Bedrohung.“
Thomas Fasbender: Gefangen im eigenen Feindbild, berliner-zeitung.de, 22.12.2025. Zum Volltext hier klicken. [9]
*
Die Frage, wie es möglich ist, dass die reichsten Menschen oft weniger Steuern zahlen als diejenigen, die ihr Einkommen durch reguläre Arbeit verdienen, beantwortet der Ökonom Gabriel Zucman folgendermaßen: „In der Praxis erlauben wir den Superreichen, Einkommenssteuern zu vermeiden, indem sie ihr Vermögen so strukturieren, dass es nur sehr wenig steuerpflichtiges Einkommen generiert. Der wichtige Punkt ist, dass es für dieses Problem eine Lösung gibt. Diese Lösung ist eine Mindeststeuer: Wenn Sie superreich sind, müssen Sie unabhängig von der Struktur Ihres Vermögens jedes Jahr einen Mindestbetrag zahlen. Damit dies funktioniert, darf die Steuer nicht auf dem Einkommen basieren, denn das Problem ist ja gerade, dass das angegebene Einkommen sehr niedrig ist. Stattdessen muss sie auf dem Vermögen selbst basieren […].“
Valentina Berndt: „Deshalb leisten sie so heftigen Widerstand“, ipg-journal.de, 22.12.2025. Zum Volltext hier klicken. [10]
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Erbschafts- und Schenkungssteuer: Wer ein Vermögen von vielen Millionen Euro erbt oder geschenkt bekommt, kann die eigentlich fällige Steuer teilweise oder ganz erlassen bekommen. Einzige Bedingung: Der Erbe oder Beschenkte muss seine „Bedürftigkeit“ nachweisen – also dass er die Steuer nicht aus verfügbarem Vermögen bezahlen kann. Folge: Wer vom Onkel ein Haus im Wert von 500.000 Euro erbt, muss eventuell mehr Steuern zahlen als jemand, dem Firmenanteile im Wert von 30 Millionen Euro zufallen. Laut Statistischem Bundesamt gab es in den Jahren 2021 bis 2024 deutschlandweit insgesamt 105 Fälle der Verschonungsbedarfsprüfung. Statt 7,83 Milliarden Euro Erbschafts- und Schenkungssteuer mussten in diesen Fällen nur 465 Millionen bezahlt werden. 7,37 Milliarden Euro wurden erlassen.
Ein Beispiel: Mathias Döpfner bekam 2020 von Friede Springer Aktien der Axel Springer SE im Wert von einer Milliarde Euro geschenkt. Laut Medienberichten konnte Döpfner zu diesem Zeitpunkt die Schenkungssteuer nicht komplett bezahlen, sie soll deutlich reduziert worden sein.
PS: Ob das Sprichwort, dem zufolge der Teufel immer auf den größten Haufen sch … t, von einem vergleichbaren Fall inspiriert wurde, ist leider nicht überliefert. Dass der Fall als solcher jedoch in jedem Fall dafür passte, dürfte wohl keinem Zweifel unterliegen.
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Während im EU-Parlament der Streit über die Förderung von Nichtregierungsorganisationen (NGOs) durch EU-Behörden an Schärfe gewonnen hat, läuft die Finanzierung selbst nicht nur einfach weiter, sondern soll – einem Programmentwurf der EU-Kommission zufolge, über den die Medien berichteten – für den Zeitraum 2028 bis 2034 vielmehr um nahezu 600 Prozent gesteigert werden: von derzeit 1,5 Milliarden Euro (2021 bis 2027) auf rund 8,5 Milliarden.
Dazu der italienische Investigativjournalist Thomas Fazi: Die EU-Kommission habe in den vergangenen Jahren verstärkt Haushaltsmittel eingesetzt, um ihre eigenen normativen und politischen Wertvorstellungen zu fördern.
Laut dem Programmentwurf der EU-Kommission solle damit der Zugang der Bürger zu „vertrauenswürdigen Informationen“ verbessert und „Desinformation“ entgegengewirkt werden. Zur entsprechenden Praxis hieß es in der Berliner Zeitung: „Die EU-Kommission erklärte öffentlich im September, das Flugzeug von Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen habe aufgrund einer GPS-Störung mit Papierkarten in Bulgarien landen müssen; dies sei Ausdruck einer ‚unverhohlenen Einmischung Russlands‘. Später stellte sich jedoch heraus, dass keine GPS-Störung vorlag und das Flugzeug regulär und sicher mithilfe eines Instrumentenlandesystems (ILS) gelandet war. Der Vorgang wirft die Frage auf, wie solche offiziellen Darstellungen einzuordnen sind – und ob sie unter den Anspruch ‚vertrauenswürdiger Information‘ fallen oder selbst als Form von ‚Desinformation‘ gelten müssen.“