Von Siegfried Jacobsohn weiß man gemeinhin ziemlich wenig. Natürlich, daß er 1905 die Schaubühne gründete und 1918 aus dem vorwiegend dem Theater vor und hinter den Kulissen zugewandten Blatt die Weltbühne machte.
Das war sehr viel mehr als eine Namensänderung. In der ersten Nummer des Jahrgangs 1919 schrieb er: „Meine Lieben: jetzt muß man wirklich Politik machen! Jetzt hat der Geist zu verhüten, daß seine Todfeinde wieder ans Ruder kommen. Schon rühren sie sich ringsum und verkünden, es sei früher schließlich gar nicht so schlimm gewesen, und man solle natürlich revoltieren, aber nicht gerade bei ihnen. Was an meinem Teil liegt, will ich, bei der grauenhaften Vergeßlichkeit des Genus homo unablässig auf die Verbrecher weisen, die uns in diesen Jammer gebracht haben, seien sie Offiziere oder Großfabrikanten, Diplomaten oder Beamte, Zeitungsschreiber oder Agrarier, Lakaien oder Blaublütler. Mit ihnen ist der blaublütige Bourgeois schuld, der sich wedelnd alles gefallen ließ.
Das markiert die Geburt der wohl bedeutendsten linksrepublikanischen Wochenschrift der Weimarer Republik. Allmählich trat der leidenschaftliche Schriftsteller hinter dem besessenen Redakteur zurück. Jacobsohn selbst hat das bedauert, aber nie viel Wesens davon gemacht. Der wichtigste Teil seines Lebenswerkes wurden die Jahrgänge der Woche für Woche mit politischem Engagement und redaktioneller Raffinesse komponierten ziegelroten Hefte. Seine zeitkritischen Beiträge sind dennoch nicht so gering an Zahl und verdienten größere Aufmerksamkeit. Am 3. Dezember 1926 starb er eines plötzlichen Todes, knapp 46 Jahre alt.
Es ist sehr zu begrüßen, daß Richard von Soldenhoff die Briefe Jakobsohns an seinen wichtigsten Autor Kurt Tucholsky nun veröffentlicht hat[1] – „merkwürdig spät“, wie der Herausgeber selbst meint. Nur ein paar Stücke hat Jacobsohns Sohn Peter von der Publikaton ausgeschlossen.
Die Briefe stammen aus den Jahren 1915 bis 1926. Tucholskys Gegenbriefe befanden sich in der Redaktion der Weltbühne und fielen 1933 den Nazis in die Hände. Ursula Madrasch-Groschopp schreibt in ihrem Weltbühnen-Buch, Rudolf Arnheim habe sie aus der Redaktion zwar gerettet, dann aber vor seiner Emigration nach Amerika im August 1933 verbrannt, weil er nicht wagte, sie mitzunehmen. Sie existieren also nicht mehr. Nur eine Handvoll Kopien fanden sich im Deutschen Literaturarchiv in Marbach, wo auch Jacobsohns Briefe lagern.
Eine einseitige Korrespondenz also. Dennoch ist sie in vieler Hinsicht von hohem Wert: Sie charakterisiert zuerst den noblen Menschen S. J. Sie ermöglicht aufschlußreiche Einblicke in die eigenartige, freundschaftlich-vertrauensvolle und zugleich nie ganz distanzlose Beziehung zwischen Schreiber und Adressat, von der man weiß, die so unmittelbar aber bislang nicht nachzuempfinden war. Es dauerte etwa ein Jahrzehnt, bis sie vom Sie zum Du übergingen.
Und schließlich widerspiegelt sich in den Briefen ein nicht geringer Teil der kulturellen Szene, die manche veranlaßte, jene Zell in das vergoldende Licht der happy twenties zu rücken. Von Heinrich und Thomas Mann, Carl Sternheim, Walter Mehring, Karl Kraus, Maximilian Harden, Arnold Zweig, Ernst Toller, Erich Mühsam ist ebenso die Rede wie von Max Reinhardt, Felix Holllaender, Rudolf Nelson, Gussy Holl, Emil Jannings und vielen, vielen anderen. Und immer wieder taucht Alfred Polgar auf, geradezu hymnisch apostrophiert. Beide, Jacobsohn und Tucholsky, haben ihn sehr geschätzt.
Von 1919 bis 1924, da Tucholsky nach Paris ging, folgen die Briefe dem Lebensrhythmus Jacobsohns. Die Sommermonate von Ende Mai bis etwa Ende September verbrachte er in Kampen auf Sylt, wo er 1919 billig ein friesisches Bauernhaus gekauft hatte Von dort leitete er das Blatt, dort schrieb er die meisten Briefe an Tucholsky, dort fühlte er sich am wohlsten in Deutschland. 1920: „Wie es hier ist: das gönnt man nicht einmal sich selber.“ Und wenige Monate vor seinem Tode: „Meensch, ist das hier schön! Ich weine ununterbrochen vor Glück.“
Um Politik geht es vordergründig nur relativ selten; da waren sie sich einig. Sie brauchten einander nicht zu versichern, daß sie gar nicht daran dachten, jemals von ihren Überzeugungen zu lassen. Sätze wie: „Bei uns ist vorläufig noch Republik mit durchweg schwarz-weiß-roten Fahnen“ sind die Ausnahme. Sie wußten beide um die Gefährdungen dieses Staates, den sie schützen wollten. Daß Hindenburgs Wahl zum Reichspräsidenten 1925 schlimm war, unterlag für sie gleichfalls keinem Zweifel. Tucholsky nannte sie den Anfang vom Ende. Darauf Jacobsohn: „Viel schlimmer: es wird sich überhaupt nichts ändern. Wie sollte denn eigentlich auch die deutsche Justiz-, Verwaltungs-, Schul- und Militärschande der letzten Jahre zu überbieten sein?“ Sie war zu überbieten, S. J. hat es nicht mehr erlebt.
Unterschiede gab es in Nuancen. Tucholsky hielt bei der Beschäftigung mit dem sozialdemokratisch geprägten Reichsbanner Hohn und Spott am Platze, Jacobsohn Kummer. Schwer zu sagen, was angemessener war.
Natürlich dreht sich alles um das Blättchen, Jacobsohns Lebensinhalt und Tucholskys geistige Heimat in jenen Jahren. Er schrieb für viele Blätter des In- und Auslands und verdiente damit nicht unbeträchtlich. Aber nirgendwo sonst als bei Jacobsohn konnte er alles sagen, was er wollte, und zwar so, wie er es für richtig hielt. „Es war der fast einzig dastehende Fall“, so Tucholsky, „daß dem Gebenden ein Nehmender gegenüberstand, nicht nur ein Druckender. Wir senden unsere Wellen aus – was ankommt, wissen wir nicht, nur selten. Hier kam alles an. Der feinste Aufnahmeapparat, den dieser Mann darstellte, feuerte zu höchster Leistung an – vormachen konnte man ihm nichts. Er merkte alles. Tadelte unerbittlich, aber man lernte etwas dabei.“
Der Tadel liest sich etwa so: „Was zu viel ist, ist zu viel. Eine Saumaschine, Schweinekorrekturen mit Bleistift in Deiner unleserlichen Klaue und nun noch Closetpapier, auf dem ich den Bockmist nicht mit Tinte in die deutsche Sprache übersetzen kann: da hört die Gemütlichkeit auf.“
Beim Lesen der Briefe ahnt man etwas von der Faszination, die von diesem unauffälligen, unprätentiösen Mann S. J. ausging, der die Größe hatte, hinter der Sache, um die es ihm ging, zurückzutreten Tucholsky anerkannte vorbehaltlos dessen Überlegenheit, Kompetenz, Akkuratesse und Zuverlässigkeit. Und Jacobsohn 1926: „Du bist die Ausnahme, die was kann und nett ist. Außer Polgar wahrscheinlich die einzige.“ Sie wußten, was sie aneinander hatten.
Tucholskys Selbstzweifel und früher politischer Skepsis versuchte Jacobsohn entgegenzuwirken. 1921: „Tieftraurig, daß Ihnen die Albernheit dieses Erdendaseins so mitnimmt. Da scheint mir meine ‚gleichmäßig‘ heitere Art, sich durch Dauerarbeit damit abfinden, doch erheblich vernünftiger.“ 1925: „Spiele lieber nicht Wellental, sondern Montblanc.“ Und ein Jahr später: „Weshalb Du, bevorzugt von Milliarden Männern durch Talent, Einkommen, mich und Eheweib, notwendig hast, kummervoll zu sein: das werde ich wohl nie ergründen.“ Er hielt dagegen: „Man darf nicht ermatten. Im Grabe. Früher nicht.“
Bin schönes, notwendiges Buch. Ein paar Erfahrungen des Redakteurs Jacobsohn werde ich mir über den Schreibtisch hängen. „… doch nicht diese griesgraue Abstraktheit! Konkretheit, Anschaulichkeit, ein bißchen Augenblicklichkeit!“ Und: „Kürze ist der Titel Würze.“ Schließlich: „Leute ohne jeden stilistischen Reiz müssen ihren sachlichen Kram ganz knapp vortragen.“
[1] – Siegfried Jacobsohn: Briefe an Kurt Tucholsky 1915-1926. Herausgegeben von Richard von Soldenhoff; Albrecht Knaus Verlag, München und Hamburg 1989.
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