Diesmal Shakespeare im Doppelpack: „Was ihr wollt“ – Berliner Ensemble / „Macbeth“ –Theater am Frankfurter Tor
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BE: Herzrasen im Tollhaus
Weiß man wirklich, was man will? Und weiß man, wer man wirklich ist? Sein und Schein, das sind oft zwei verschiedene Paar Schuhe, in denen wir über die schwankenden Böden unseres Daseins stolpern. Oder stürzen. Was schmerzlich sein könnte – oder glücklich machen; das Leben ist eben voller Konjunktive. Davon handelt die Verwechslungs- und Verkleidungskomödie „Was ihr wollt“; genialisch ausgeheckt von William Shakespeare und überraschend funkelnd im Geist unserer Zeit.
„Ach, wir sind wir selber nicht.“ Das ist die Sachlage, unter der ein von seligen Trieben gepeitschtes Menschenhäuflein aneinander gerät auf dem sagenhaften, vom Meer umtosten Insel-Reich des Herzogs von Illyrien. Einer „offenen Anstalt für Verrückte“, so sagt es Thomas Brasch in seiner so trefflich bildmächtigen Übersetzung.
Da sind ein Herzog (Oliver Kraushaar), schwer verliebt in Gräfin Olivia (Sebastian Zimmler), aber schüchtern. Also setzt er seinen Pagen Cesario, in dessen Männerkleidern Viola steckt (Amelie Willberg), als Liebesboten ein. Doch die wiederum ist verknallt in ihren Chef, den Herzog, derweil Olivia scharf ist auf Cesario, ohne zu ahnen, dass „er“ Viola ist. Nun taucht noch deren tot geglaubter Zwillingsbruder Sebastian auf (Max Gindorff), der, wie der Herzog, scharf ist auf die Gräfin – das totale Irrewirre. Von der Regie, 400 Jahre nach Shakespeare, ganz locker aufgelöst in Queerness.
Doch bevor es nach fast drei Stunden so weit ist mit der (freilich erwartbaren) Pointe, lässt Antu Romero Nunes wie verrückt die Puppen tanzen in den gefährlichen Stürmen von Herzensexplosionen, bitteren Abfuhren, Seelenweh und Glücksverblendung. Ein Tsunami komödiantischer Spiellust schäumt, dazwischen krachen Gewitter des ordinär Klamottigen, die vielleicht allzu oft das Weh und Ach der Verletzungen und Vergeblichkeiten fast vergessen lassen.
Unvergesslich jedoch die illustre Sammlung praller Randfiguren, die da durch die Show geistern: die Zofe Maria (Pauline Knof) als kesses It-Girl ohne Handy, dafür schlaue Sprüche klopfend („Niveau ist keine Handcreme“); der durchtriebene Suffkopp Sir Toby Rülps als unverschämter Meister säuischer Sketchparaden (Maeve Metelka); der bleiche Ritter Leichenwang als grotesker Depp (Maximilian Diehle); der ergreifend altersweise, schwermütige Narr (Veit Schubert) für die kontemplativen Momente im Irrewirre („Besuch mich, Tod…“). Wie er mit Viola-Cesario gelegentlich am Klavier hockt und leise Mozart klimpert – ein betörend melancholischer Affront gegen die kollektiven Gesangsausbrüche (auch das Publikum darf einstimmen), die groben Brüllereien („Halts Maul! Halts Maul!“) und immer wieder dreisten Ranschmisse ans begeistert juchzende Publikum.
Und schließlich stolziert da noch der bösartig egomanische, grausam verkackeierte Hofmeister Malvolio durch die Turbulenzen, dem die immer wieder aufregende Bettina Hoppe schließlich doch noch mitleiderregende Züge gibt, bevor er zum Schluss apokalyptisch zerknirscht flucht: „Ausrotten! Alle ausrotten!“
„Wenn ihr eine Stadt wärt, dann wärt ihr Mainz“, flötet die Zofe. Und das gilt nicht nur für Sir Rülps, sondern überhaupt für dieses karnevalesk entfesselte, virtuos betriebene Fest des Theaterspiels in bunten, aus allen Zeiten hübsch zusammengeflickten Kostümen (Magdalene Schön, Helen Stein) auf der weiten leeren Bühne, umweht von Plastikfahnen hell wie Wasser (Matthias Koch). Und der Spieltrupp, angeheizt und aufgeputscht durch überbordende Regie-Fantasien, übertölpelt uns unverschämt, aber auch beglückend im diabolisch lachenden Märchenzirkus.
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Theater am Tor: Macht macht krank
„Und wenn wir scheitern?“ Quatsch, Lady Macbeth wischt des Gatten Ängste forsch weg. Und pocht auf ihren Plan: Er, zweiter Mann im Staat, sticht den King samt Entourage ab im Schlaf, wird König und sie First Lady. – Super! Die Machtergreifung hat geklappt, doch Macbeth zweifelt. „An der Macht sein ist nichts, wenn sie nicht gesichert ist“, heult er (Tibor Locher) am Busen der Gattin (Johanna Marie Bourgeois), einer machtgeilen, verführerischen Höllenrose. Die bläst Macbeth alle Ängste aus dem Kopf. Treibt ihn von Mord zu Mord, um die Konkurrenz kalt zu machen: „Wenn wir die Macht besitzen, machen wir die Wahrheit. Und was wir sagen, ist Gesetz.“
So dreht sie sich immer heftiger in der Shakespeare-Tragödie „Macbeth“, die Spirale der Verbrechen am schottischen Königshof, die um einer Wahrheit, um einer Gesetzesmacht willen alle Werte entwertet, jeden Sinn zerstört und jede Vernunft ad absurdum führt.
Diese tieftraurige und auch wieder seltsam komische Mär aus uralter Zeit über den Wahn des Krieges – den gegen andere wie den gegen uns selbst –, sie wirkt heute, gerade heute wieder, wie ein Lehrstück über menschliche Hybris, Manipulation und Selbstzerstörung. Es heißt, wer in den Krieg zieht, werde verrückt und stürze immer tiefer ins irre Werk der Vernichtung. – Dort endet denn auch der von Gier in den Blutrausch gepeitschte Macbeth mit seiner skrupellos herrschsüchtigen Lady.
Auf die beiden Hauptfiguren hat der gewiefte Dramaturg und Dramatiker John von Düffel das weit ausgebreitete Untergangsstück perfekt eingestrichen. Ein Meisterstück, wie auch seine neue, sprachmächtige Übersetzung. Auf kleinster Bühne ein großes, politisch erhellendes Endspiel des Grauens. Ein Psychothriller zwischen bis in den Tod miteinander ringenden Eheleuten. Ein Daseinskonzentrat, einfallsreich in klaren starken Bildern inszeniert von Irene Christ. Für Klassik-Einsteiger, für junge Leute überhaupt, unbedingt empfehlenswert. Und für die so umtriebige Kammerbühne am Frankfurter Tor eine mutige Erweiterung des Repertoires.
Schlagwörter: Berliner Ensemble, Reinhard Wengierek, Shakespeare, Theater am Frankfurter Tor

