28. Jahrgang | Nummer 21 | 1. Dezember 2025

In memoriam Lutz Kleinwächter

von Erhard Crome

Lutz Kleinwächter war einer der luzidesten Analytiker der deutschen Außenpolitik in der Gegenwart. Dabei verbanden sich profunde Kenntnisse der internationalen Beziehungen und der weltwirtschaftlichen Verhältnisse mit genauem Wissen um die militärischen Faktoren. Das machte ihn gefeit gegen alarmistische Töne in Bezug auf deutsche Außenpolitik, aber auch gegen eine Unterschätzung wirtschaftlicher Macht. Es war belehrter Realismus, der ihn trieb, gespeist auch aus der Erfahrung des Scheiterns – der DDR und des „realen Sozialismus“.

So hob Kleinwächter hervor, dass mit dem Ende der Ost-West-Systemkonfrontation global eine neuartige Situation entstand. Staatliche Einheit und Wiedererlangung der staatlichen Souveränität Deutschlands wurden von zentraler Bedeutung für das politische, ökonomische und auch militärische Kräfteverhältnis in Europa. Der „deutsche Weg“ durch die Jahrhunderte europäischer Geschichte hatte eine neue Facette bekommen. Eine Kontinuität der Außen- und Militärpolitik des geeinten Deutschlands, die aus der Vergangenheit kam, konnte es nicht geben. Das betrifft inzwischen aber nicht mehr nur die „alte“ Vergangenheit, die vor 1945, sondern auch die „neue“ der früheren BRD – auch wenn nicht nur die westlichen Besatzungsmächte gerade das hofften und Helmut Kohl sowie sein Außenminister Hans-Dietrich Genscher bei der Vereinigung 1990 den Eindruck zu erwecken versuchten, dass sie dem folgen wollten. Inzwischen waren die Verhältnisse andere; die USA steigen als „Supermacht“ ab, Russland wieder auf und das Zentrum der Weltwirtschaft verlagert sich nach Asien, insbesondere nach China zurück, wo es bis ins 18. Jahrhundert über 1500 Jahre lang lag. Und deutsches Know-how trug die Entwicklungen dort mit, hat jetzt jedoch zunehmend Probleme, konkurrenzfähig zu bleiben.

Das hatte auch die Voraussetzungen für den Platz des Militärischen verändert. Bis zum Ende der 1980er Jahre war „Bedrohung“ primär geprägt durch Phobien bei der Perzeption der Gegenseite. Eine unmittelbare, reale militärische Systembedrohung zwischen den USA und der Sowjetunion, NATO und Warschauer Vertrag und zwischen den beiden deutschen Staaten hat es jedoch, so die Einschätzung von Lutz Kleinwächter, während des Kalten Krieges nicht wirklich gegeben. Die gegenseitige militärische „Abschreckung“ und ein gerüttelt Maß beidseitiger Realpolitik funktionierten. Bedrohungslegenden waren eher Disziplinierungsinstrument der Innenpolitik als äußere Realität. Die „System-Bedrohung“, eher System-Destabilisierung, war ein innenpolitischer, primär sozial und ökonomisch bedingter Faktor – insbesondere für die DDR, „den Osten“, wie der Umbruch ab 1985 zeigen sollte. Aber auch für den Westen, so wissen seither viele Beobachter, die marxistischer Ansätze völlig unverdächtig sind, hängt soziale, gesellschaftliche und politische Stabilität in erster Linie davon ab, die inneren Probleme zu meistern.

Prof. Dr. Lutz Kleinwächter, langjähriger Vorsitzender des WeltTrends e.V., starb am 1. November 2025, nach langer schwerer Krankheit und dennoch unerwartet. Bis zuletzt hatte er die WeltTrends-Angelegenheiten mit gelenkt und noch das Herbstheft 2025 mit Korrekturen versehen. Geboren am 13. Oktober 1953 in Prenzlau, machte er 1972 das Abitur und studierte zunächst an der Offiziershochschule der Landstreitkräfte der NVA in Löbau. Von 1975 bis1980 absolvierte er das Studium der Außenpolitik am Institut für Internationale Beziehungen (IIB) in Potsdam-Babelsberg; danach arbeitete er im Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten der DDR in der USA-Abteilung. Von 1982 bis 1990 war er Mitarbeiter des IIB und wurde am 25. Februar 1987 promoviert mit einer Dissertation zum Thema: „Der Kurs der USA auf Militarisierung des Weltraums“ und das Ringen um ein Verbot der Weltraumrüstung. 1988 und 1989 arbeitete er bei der UNO, im Genfer Abrüstungsausschuss, und war 1989/90 Teilnehmer am „Runden Militärtisch“ der DDR.

Seine Arbeiten am IIB und im weiteren Sinne der Außenpolitik hatten auch in Kooperation mit Militärs und Politikern der DDR und international dazu beigetragen, die Schlussfolgerung aus dem Kalten Krieg zu verankern, dass im Atomzeitalter ein Krieg im Ost-West-Konflikt zur Vernichtung der menschlichen Gattung führen würde. Frieden konnte nicht mehr auf militärische Abschreckung gegründet werden; es gibt Sicherheit nur noch mit dem tatsächlichen oder angenommenen Feind gemeinsam, wie es im Westen auch Egon Bahr betonte. Die Ideen der gemeinsamen Sicherheit, der Kriegsuntauglichkeit moderner Industriegesellschaften sowie der Rüstungsbegrenzung und Abrüstung machte Lutz Kleinwächter zu einer Leitlinie seiner Arbeiten.

Von 1991 bis 1995 arbeitete Kleinwächter im Bildungswerk der Wirtschaft (bbw) als Fachbereichsleiter VWL, 1995-2008 als Unternehmensberater und freiberuflicher Dozent an Universitäten, Hoch- und Fachschulen, 2008 erfolgte seine Berufung zum Professor an der bbw Hochschule der Wirtschaft, Berlin. Seit 2004 war er gewählter Vorsitzender des WeltTrends e.V. Er hatte die Festigung des Vereins und dessen Geschäftstätigkeit für die Zeitschrift WeltTrends und den gleichnamigen Verlag maßgeblich vorangebracht. Die Pflege eines guten, produktiven Verhältnisses zu den Vereinsmitgliedern war ihm stets Anliegen. Nachdem vor einigen Jahren die Zeitschrift auf ein Erscheinen als Vierteljahresschrift und im Online-Bereich umgestellt werden musste, hatte er wesentlich dazu beigetragen, dies erfolgreich zu bewältigen.

Lutz war und blieb ein streitbarer Geist, der aus einem großen Fundus an historischem, politökonomischem und außenpolitischem Wissen schöpfte. Insofern war seine nachwendische Tätigkeit im Bereich der Wirtschaftswissenschaften nicht einfach ein Übergang des Brotgelehrten auf ein anderes Feld, sondern er verknüpfte auf höchst produktive Weise seine profunden Kenntnisse der internationalen Beziehungen und das genaue Wissen um militärische Faktoren mit der Analyse der weltwirtschaftlichen Verhältnisse und der Funktionsweise des realexistierenden westlichen Kapitalismus des 21. Jahrhunderts.

Bei der Bestimmung deutscher Interessen nach 1990 galt es, auch das militärpolitische Umfeld neu zu bewerten. Deutschland hatte mit der Beteiligung am völkerrechtswidrigen Jugoslawienkrieg der NATO gegen die Bedingungen seiner Vereinigung verstoßen. Es waren insbesondere die USA und andere westliche Verbündete, die darauf drängten, Deutschland solle sich endlich „normalisieren“ und an den Kriegen des Westens beteiligen. Der Afghanistankrieg allerdings zeigte, und dies war der Befund, den Kleinwächter betonte: Der Einsatz militärischer Macht steht vor neuartigen Problemen. Die Zerstörung einer Volkswirtschaft und der Sturz der entsprechenden Führungskräfte durch hochentwickelte Staaten und ihr Militär sind relativ einfach in Szene zu setzen. Aber es gelingt nicht, eine wirtschaftlich produktive, geschweige denn demokratische Nachkriegsordnung zu schaffen. Im Gegensatz zur früheren Kolonialgeschichte sind die heutigen regionalen Kriege für die Großmächte verlustarm an Menschen, aber unprofitabel und ökonomisch sowie finanzpolitisch destabilisierend. Es ist dies ein neues Problem „strategischer Überdehnung“.

Mit seinem Sachverständigen-Gutachten zur öffentlichen Anhörung des Verteidigungsausschusses des Deutschen Bundestages zum Thema „Neue Weltraumstrategie Deutschlands“ am 23. September 2024 hatte er sich noch einmal bemüht, dazu beizutragen, die deutsche Außenpolitik auf Pfade der Vernunft zu bringen.

Er war bekannt für seine Fähigkeit, auch linke Weisheiten zu hinterfragen und durch theoretische und analytische Debatten zu schärfen. Dies tat Lutz auch mit begründeter Kritik an der Vorstellung von einem unmittelbar bevorstehenden großen Krieg. Von der Idee der Vorbereitung eines großen Krieges der heutigen Eliten im Westen hielt er nichts, er betonte, auch die konnten die Lehren des Kalten Krieges nicht völlig verdrängt haben: unter den Trümmern der menschlichen Zivilisation gibt es auch keine „westlichen Werte“ mehr. So war Lutz Kleinwächter ein sehr produktiver Analytiker der deutschen Außenpolitik. Seine Einschätzungen und Anregungen werden fehlen.