Bedauerlicherweise trifft mich Ihre Aufforderung, zum fünfundzwanzigjährigen Bestehen der ‚Weltbühne‘, als erster Verleger der damaligen ,Schaubühne‘, etwas über die Gründung des Blattes zu schreiben, auf meinem Sommerurlaub in Gastein. Da immerhin fünfundzwanzig Jahre seit diesem denk würdigen Tage verstrichen sind, werden Sie verstehen, daß ich mich nur noch dunkel an alles Wesentliche erinnern kann. Sicher hätte mir die umfangreiche, beiderseits oft temperamentvoll geführte Korrespondenz mit S. J. viele interessante Einzelheiten ins Gedächtnis zurückgerufen.
Was mir in Erinnerung geblieben ist, will ich gern kurz erzählen: S. J.‘s Bekanntschaft mit mir geht auf unsre Schulzeit im Friedrich Werderschen Gymnasium zurück. Er war damals Sekundaner, ich Quartaner, er also für mich eine unnahbare Respektsperson, auch schon aus dem Grunde, weil bekannt war, daß er bereits als Tertianer alle literarischen Premieren besuchte.
Anfang 1905, ich war neunzehn Jahre alt und hatte grade meine praktische buchhändlerische Tätigkeit in Berlin, Paris und London beendet, trat S. J. an mich heran und setzte mir seine Pläne für die Gründung einer neuen lebendigen kritischen Theaterwochenschrift auseinander. Auf die Frage, ob ich mitmachen wolle, willigte ich hellbegeistert ein. Wenige Monate später wurde von einigen jungen Enthusiasten das Blatt gegründet. Die Gründung fand bei Justizrat Heinitz statt. Das Merkwürdige war dabei, daß weder Verleger noch Herausgeber einen Namen für das Blatt hatten, als sie zum Notar gingen. Nachdem alle Formalitäten erledigt waren, fragte Justizrat Heinitz: „Wie soll das Blatt denn eigentlich heißen?“ und als beide erstaunt über die Frage schwiegen, sagte er: „Nennen Sie es doch einfach ,Schaubühne‘ oder so ähnlich.“ Dieser Name wurde dann auch gewählt, und ich erinnere mich, wie S. J. für diesen guten Ratschlag Herrn Justizrat Heinitz immer eine besondere Dankbarkeit bewahrte. Die Geschäftsführung der „Schaubühne G.m.b.H.“ übernahm ich.
Im September 1905 erschien das erste Heft mit Beiträgen von:
Siegfried Jacobsohn,
R. von Hofmannsthal,
Julius Bab,
Samuel Lublinski,
Josef Theodor,
Rudolf Rittner,
Georg Altmann.
In unserm jugendlichen Optimismus glaubten wir natürlich, daß am Erscheinungstage das Räderwerk der Welt stillstehen und kein Mensch andre Gelüste verspüren würde, als sich auf ,Die Schaubühne‘ zu stürzen.
Vorsichtig, wie wir waren, ließen wir sogar den Satz stehen, um sofort nachdrucken zu können. Es ergab sich jedoch, daß diese Vorsichtsmaßregel reichlich übertrieben war.
Man interessierte sich wohl in literarischen Kreisen, die prachtvollen Kritiken S. J.‘s, der eben von einem längeren Aufenthalt in Paris nach Berlin zurückgekehrt war, zu lesen, – aber der Käuferandrang konnte bewältigt werden.
Für das zweite Heft ließ das Interesse merklich nach. Nicht besser erging es der dritten Nummer. Man sann nach, wie man dem Blatte mit einem Schlage zu einem unerhörten Absatz verhelfen könne. Der Retter in der Not stellte sich in Gestalt Emmy Destinns ein. Eines der folgenden Hefte brachte einen Artikel über die Bedeutung dieser damals im Mittelpunkt des Interesses stehenden Sängerin. Bis dahin hatten die von uns aufgebotenen Straßenhändler wenig Absatz. Beim Abholen der neusten Nummer hellten sich ihre Mienen merklich auf, als ich sie auf den Destinn-Artikel hinwies. Ohne natürlich den Artikel zu kennen, boten sie diese Nummer an: Sensationelle Enthüllungen über die Königliche Kammersängerin Emmy Destinn. Bald war das Heft, welches die breite Masse arg enttäuschte, völlig vergriffen.
Nach einigen weiteren Nummern stellte sich trotzdem heraus, daß eine nur auf das Theater gerichtete literarische Theaterwochenschrift das breite Publikum auf die Dauer nicht genug interessiere. Das Kapital der G.m.b.H. schrumpfte merklich zusammen, und eines Tages mußte ich den Gesellschaftern die wenig erfreuliche Mitteilung machen, daß entweder aufgefüllt oder ein neuer Verlag für die ,Schaubühne‘ gesucht werden müsse. Dies ereignete sich·im Dezember 1905.
Im Januar 1906 gründete ich den Verlag Oesterheld & Co., der also in einigen Monaten ebenfalls auf das fünfundzwanzig jährige Bestehen zurückblicken kann, und übernahm als erstes Verlagswerk ‚Die Schaubühne‘.
Jetzt, wo die ,Schau-Weltbühne‘ einen ungeahnten und wohlverdienten Aufschwung genommen hat, der dem unermüdlichen Fleiß und dem großen Wissen des Stilkünstlers S. J. zu danken ist, freue ich mich, daß meine Vorarbeiten nicht ganz zwecklos gewesen sind.
Ich wünsche Ihnen von Herzen weiter viel Erfolg und Freude.
Schlagwörter: Schaubühne, Siegbert Cohn, Verleger, Weltbühne

