Diesmal ist es etwas anders. Kein übliches Theaterberlin, sondern ein Tipp für sommerliche Leselust. – Blick zurück: Noch bevor Caroline Peters, Protagonistin der Schaubühne, das raue Berlin verließ und ins idyllische Wien wechselte, ans Burgtheater, hatte sie ihr Debüt als Autorin. Mit einem Roman, einem verrückten, herzbewegenden Familientheater. Wir haben begeistert geschmökert.
Hanna in Heidelberg: begabte Studentin, begehrenswerte Frau. Nacheinander heiratet sie drei ihrer Kommilitonen: Erst Klaus, dann Roberto und zuletzt Peter. Mit jedem bekam sie eine Tochter. Laura, die älteste, kam groß raus als Schauspielerin, die mittlere, Lotta, wurde Juristin, beide Mädels verheiratet und mit Kindern. Die Jüngste tanzt aus der Reihe, blieb ledig, kinderlos, schlägt sich durch im Kleinkunstbetrieb. Sie ist das namenlose Ich. Ist die durch die Zeiten (70er, 80er Jahre) und durch spannungsreiche familiäre Verhältnisse springende Erzählerin in dem Roman von Caroline Peters über eine verzweigte, konfliktdurchwirkte Patchwork-Sippe.
„Ein anderes Leben“ heißt das autobiographisch grundierte literarische Debüt der in deutschsprachigen Landen hochberühmten, mit vielen Auszeichnungen geehrten Theater- und Filmschauspielerin (TV-Krimiserie „Mord mit Aussicht“, Sönke-Wortmann-Film „Der Vorname“).
Ihre weit gespannte Darstellungskunst prägt zunächst schwungvolle Hingabe beim Fassen der Figuren – doch die skeptische Distanz folgt prompt. Da sind kühler Sarkasmus, Nüchternheit. Aber eben auch Zartgefühl, berührende Innigkeit. – Und dem entspricht ihre fein poetische, federnd leichte, gewitzte wie herzbewegende Schreibkunst. Mit der sie nach verschütteten Wahrheiten sucht, die verdrängt nisten hinter den etablierten Mythen eines zerklüfteten Familienbetriebs.
Dabei umkreist diese einem Anekdoten-Mosaik gleichende Retrospektive besonders die Frage, ob und wie Hanna zu sich gefunden hat. Zu einem, zu eben ihrem anderen Leben.
Wir folgen gespannt diesem Versuch, dem wirklichen Bild der verstorbenen Mutter jenseits von Zuschreibungen und Maskeraden nahe zu kommen. Das Buch also ein Mama-Roman. Und freilich Selbsterforschung der Tochter, der jüngsten, die ihn hinreißend erzählt.
Diese Hanna, die war eine schwer in Sprache, in Poesie verliebte, beständig einem ungelebten Schriftstellerleben nachtrauernde, dennoch lebenslustige, ja lebensgierige fesche Dame. Ein programmiertes Hausfrau-und-Mutter-Dasein schob die gern wild Auto Fahrende (mit der Ente) möglichst beiseite und wetterte verbissen gegen spießige Daseinsvorschriften.
Morgens im Bett wird Sekt geschlürft, Puschkin geschmökert. Und der freilich nicht einfache Alltag als „cremefarbene Gattin“ (Selbstironie!) mit Floskeln geschmückt wie „Lache Bajazzo“ oder „So ist das Leben“. Solcherart Sprüche stehen „wie gepolsterte Türen vor geheimen Kammern“. Bis der „schwarze Hund“ wieder um die Ecke schleicht, die Depression. Und Hanna nicht aus dem Bett kommt.
Trotz allem aber achtet sie auf einen zumindest gewissen Zusammenhalt der zerstreuten Mischpoke; etwa bei üppig arrangierten „Famamalie-Abendessen“, was von den Beteiligten höchst gegensätzlich erinnert und bewertet wird. Sonderlich vom heftig untereinander konkurrierenden, um Deutungshoheiten ringenden Töchter-Trio. Da pocht man energisch auf die eigenen „Lieblingssatzbausteine“.
Zum Schluss, auf den letzten fünf Buchseiten, tritt eine „Raumforderung“ in Hannas Leben: Hirntumor! Gottseidank blieb ihr, längst verwitwet, noch die Zeit zu schreiben und als Dichterin auch öffentlich aufzutreten. Endlich fand sie Zuflucht und wirkliche Heimstatt „in der sichersten Familie“, den Buchstaben. „Sechsundzwanzig Bausteine, aus denen alles, wirklich alles erschaffen werden kann… Innen und Außen. Die Schuld und der Zorn und die Liebe dazwischen.“ – Das Dazwischen, das ist der Trost.
Blick voraus: Nach der Sommerpause kommen, neue Spielzeit, wieder die Kritiken aus Theaterberlin.
Caroline Peters: Ein anderes Leben, Rowohlt, Berlin 2024, 239 Seiten, 23,00 Euro.
Schlagwörter: Caroline Peters, Reinhard Wengierek

