28. Jahrgang | Nummer 5 | 10. März 2025

Die Wiederkehr der theologischen Ursünde

von Friedrich Erich Dobberahn

Wladimir Putin lässt seinen Angriffskrieg auf die Ukraine durch Kyrill I., den Primas von Moskau und ganz Russland, mit einem kriegstheologischen Paradigma rechtfertigen, das schon von der Deutschen Theologie im Dienst der Kriegspropaganda im Ersten und Zweiten Weltkrieg angewendet wurde. Putin knüpft dabei nicht nur an die Gängigkeit russisch-nationaler Ursprungsmythen an – wie an die „gottgewirkte“ translatio imperii von Byzanz auf Kiew und von Kiew auf Moskau zur Gottesträgerschaft des „Dritten Rom“ –, sondern auch an die russische Nationalliteratur wie an Dostojewskis „Dämonen“. Dort heißt es im zweiten Teil, Kapitel I,7: „Je stärker und größer aber ein Volk ist, desto eigener gehört ihm auch sein Gott an.“ Ein gewisser Iwan Pawlowitsch Schatow behauptet an derselben Stelle, dass einzig dem russischen Reich die „Gottesträgerschaft“ und damit auch die Erlöserschaft in der Geschichte zukäme. Die Orthodoxie, in Russland seit 2012 wiederentdeckt und systematisch instrumentalisiert, ist eine „Säule der russischen Welt“, zumal die „Grundlagen der orthodoxen Kultur“ mittlerweile Pflichtfach an allen russischen Grundschulen geworden sind.

Putin propagiert auf diese Weise die identitäre „Erhebung“ und verstärkt die in Russland vorhandenen Ressentiments gegen die liberale, freiheitlich-demokratische westliche Kultur. Dieses Beispiel von kriegerisch aufgeladener Ursprungsmythik erinnert stark an die deutsche „Ur-Renitenz“ (wie sie Thomas Mann 1938 nannte): an die „ewige Halsstarrigkeit wider den mittelmeerländischen Universalismus“, gegen die „galloromanischen Freiheitsideen des 18. Jahrhunderts“; das romantische, antiliberalistische Kontrastprogramm der deutschen Nationalphilosophie und -Theologie bei Hegel, Fichte und Arndt. Im Deutschland des 19. und 20. Jahrhunderts entstand daraus ein geistiges Rutschbahngefälle, das im Nationalsozialismus zum Holocaust führte – es entwickelte sich aus den Mythen der Stauferzeit, aus dem Kreuzzugsgedanken, aus der Vorstellung des Erbübergangs des römischen Kaisertums von Byzanz auf die Franken zur Weltherrschaft, aus der lutherischen Obrigkeitstheologie, der Lyrik der Freiheits- und Einigungskriege, den ethnischen Urvolk- und Reinheitstheorien, sowie aus den darwinistischen Auserwähltheitsphantasien heraus. Die voraufklärerischen und metaphysisch unterbauten deutschen Slogans und Mantras in der Steigerung von 1914–1945 lauteten: „Wir müssen siegen, denn sonst hätte die Weltgeschichte ihren Sinn verloren“ / „Der deutsche ‚Reinwuchs‘ muss sich zur Erlösung der Welt gegen den ‚Misswuchs‘ durchsetzen“ / „Die Deutschen müssen für das Herz der Weltgeschichte kämpfen“ / „Die welterlösende Kulturmission Deutschlands geht wider Tod und Teufel“ / „Die Deutschen sind nach Gottes Willen die Erfüller der Heilsgeschichte“. Diese kriegstheologischen Überzeugungen im Horizont von Auserwählung und Sendung zur Christus-Trägerschaft, Drachen-Apokalyptik und Heils-Eschatologie kehren nun mit erschreckender Ähnlichkeit in der Kriegsrechtfertigung Kyrills I. wieder.

Wie damals in Deutschland 1914-1945 begeht heute die Kriegspredigt Kyrills I. dieselbe theologische Ursünde, die universale Heilsbotschaft Christi an die Machtinteressen eines Nationalstaats zu verraten. Patriarch Kyrill I. hatte bereits Putins verwüstenden Syrieneinsatz als „heiligen Kampf“ bezeichnet (es soll da um den historischen Wert Antiochias für die orthodoxe Kirche gegangen sein). Im Gottesdienst am 6. März 2022 in der Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale überreichte Kyrill dem Chef der in der Ukraine kriegführenden russischen Nationalgarde, Wiktor Solotow, zunächst eine Marien-Ikone mit den Worten: „Möge dieses Bild junge Soldaten inspirieren, die den Eid ablegen und den Weg der Verteidigung des Vaterlandes einschlagen.“ Seine anschließende Ansprache beschloss Kyrill I. mit den Worten: „All’ das Gesagte ist ein Zeugnis dafür, dass wir [Russland] in einen Kampf eingetreten sind, der keine physische, sondern metaphysische Bedeutung hat.“ Kyrill bezieht sich damit auf eine Kreuzzugsformel von 1099: „Wisse, dass dies kein fleischlicher, sondern ein spiritueller Krieg ist (bellum carnale non est, sed spirituale); sei also ein Streiter (athleta) Christi, und ein starker dazu. Gehe hin in Frieden (vade in pace); möge der Herr allzeit bei dir sein.“ Man muss den Vollsinn dieser Formel, der in anderen Kriegspredigten Kyrills näher konkretisiert wurde, in dreierlei Hinsicht beachten.

Den russischen Soldaten wird damit von kirchlicher Seite – erstens – der tiefere Sinn des Krieges erklärt: Das augenblickliche Kriegsgeschehen ist Ausläufer des im Himmel bereits ausgefochtenen Endkampfes der guten gegen die bösen Mächte. Kyrill I. verlegt – wie die deutschen Kriegsprediger 1914-1945 – die Welterlösung in die eigene Nationalgeschichte. Erweckt vom österlichen Sieg Christi über den Tod (1. Kor. 15, 57 f) wird Russland zur Erlöser-Nation. Putin, seine Generäle wie Soldaten treten in den Dienst der universalen Heilsmacht Gottes. 1914-1945 wurde deutschen Soldaten dieser selbige Unsinn eingeredet, dass sie, wenn sie auf die Feinde Deutschlands schössen, „Jesus Christus bei der Erlösung der Welt helfen“ würden. Ebenso dichtete man schon 1815 mitten im Freiheitskrieg (Parallelen dazu gab es von Immanuel Geibel und anderen im Siebzigerkrieg):

„Denn dieser Krieg, er ist gewiß
Kein Krieg wie andre Kriege,
Hie streitet Licht und Finsterniß,
Die Wahrheit mit der Lüge,
Hie tritt Gott selber auf den Plan,
Und bindet mit dem Teufel an,
Das will der Krieg bedeuten,
Darin wir jetzo streiten.“
(Karl Friedrich Gottlob Wetzel, 1815)

Zweitens: Weil nun auf Befehl Putins – Kyrill I. hatte ihn bereits 2012 als „Wunder Gottes“ und „Gesandten Gottes“ ausgerufen – die russischen Truppen im bloßen Nachvollzug des überirdischen Heilsgeschehens (Offb. 17-20) in der Ukraine ihre „heilige Spezialoperation“ durchführten, könne Russland aufgrund des schon im Himmel erfochtenen Sieges den irdischen Krieg gegen die Ukraine und die westliche Welt gar nicht mehr verlieren. Gott, Vorsehung und Geschichte „machen keine Fehler“. Aus der Logik solcher Kreuzzugs-Metaphysik heraus ist die Gewissheit des Sieges unumstößlich; Friedensverhandlungen auf Augenhöhe mit dem Gegner sind daher Ausdruck des Unglaubens.

Drittens: Da – gemäß Kyrill I. – der apokalyptische Endkampf des Guten gegen die ukrainischen „Mächte des Bösen“ absolut heilsnotwenig ist, sind auch alle Etappen des Krieges, in denen sich das in den Kampf geschickte Kriegsvolk für den Sieg bewähren muss, einschließlich ihrer Gräueltaten, heilsnotwendig. Die Regel eines Joseph Goebbels, der bis zuletzt das in Hitler wirkende göttliche Walten und die Vorsehung anrief, lautete schon 1939: „totale Aktion zu einem totalen Ziel und unter Ansatz totaler Mittel“, was die Heilsnotwendigkeit des Holocausts einschloss. Die Vertikale solcher Metaphysik streicht alle Ebenen der irdischen Ethik durch und lässt den Kriegshandelnden, da das absolute Heil auf dem Spiel steht, freie Hand für die Umwertung aller humanen Werte. 1916 hieß es in einem Gedicht (frei nach Luthers Wort zum Verteidigungskrieg), der Krieg sei „ein Werck der Liebe“:

„Es lenkt die Hand der Liebe auch die mordenden Rohre …
Engel des Sieges seid ihr von mir [= Christus] geheißen.
Deutschland muß lieben, muß lieben selbst mit dem Schwerte;
Und die mordende Hand betet, indem sie zerstört.“
(Leo Sternberg)

Die Bewährung, die Gottes Ehre zu wahren hat, darf, wenn erforderlich, daher auch in gnadenloser Eskalation bestehen, für welche Kyrill I. die Absolution erteilt und die Garantie ewiger Seligkeit für die in diesem „Heiligen“ Krieg Gefallenen gibt. Dieselben Verheißungen prägten auch die deutschen Kriegspredigten. So erklärt sich auch der mörderische Bombenterror Putins (notfalls inklusive eines atomaren Angriffs) gegen die kategorisch als „Teufelsbrut“, als „Tod und Teufel“ anzusehende Zivilbevölkerung.

Der Autor, Friedrich Erich Dobberahn, Dr. theol. Dr. phil, Jahrgang 1950, lehrte an verschiedenen Hochschulen des In- und Auslandes Altes Testament, Semitische Sprachen, Islamkunde und Allgemeine Religionswissenschaft; er lebt in D-29320 Südheide.