Die Buche, der stolze Baum

von Renate Hoffmann

Die Buche ist mit dem klangvollen Namen Fagus sylvatica und in deutschen Landen als Gemeine oder Rotbuche heimisch. Sie legte sich eine erbfeste Varietät zu: die Blutbuche Fagus sylvatica f. (Form) purpurea. Diese wiederum überrascht mit dunkelroter Blätterpracht und einer unüblichen Geschichte. Das Vorkommen der Purpurbuche, wie sie auch genannt wird, soll bereits im 15. Jahrhundert bekannt gewesen sein. Doch erst im Jahr 1690 sollte sie als Solitärbaum, gekrönt als „Mutterbuche“ aller nachfolgenden Exemplare, Erwähnung finden. Ihr Standort: nahe der Stadt Sondershausen im Possenwald auf der Hainleite, einem Höhenzug im Norden Thüringens.

Der Oberlandesforstmeister Eduard Michael vermaß 1841 im Auftrag seines Dienstherrn Günther Friedrich Carl II. Fürst von Schwarzburg-Sondershausen den seltenen Baum auf der Hainleite und veröffentlichte seine Daten: Höhe 27 Meter, Stärke (von Ost nach West) 80 Zentimeter, (von Nord nach Süd) 85 Zentimeter.

Der kluge Forstmann begann in den sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts Samen und Edelreiser der „Mutterbuche“ und der inzwischen aufgegangenen elf jungen Sämlinge zu versenden. Sie erreichten Forstämter, Gärten und Parkanlagen in Frankreich, England und Amerika. Nun wird mit einigem Fug und Recht angenommen, dass die Purpurbuchen zu 99 Prozent (?) auf die hochzupreisende Stammesmutter im Possenwald zurückzuführen seien. Sie überdauerte die Zeiten bis zum Jahre 1926. Dann brach sie. Am kaum noch erkennbaren Stumpf erinnert eine Tafel an die Vergangenheit der Urpurpurbuche.

Den Stolz der Rotbuche begründen stattlicher Wuchs, hohes Alter und ihre Nutzbarkeit. Am geeigneten Standort (sommerkühl, feucht und wintermild) kann sie hoch hinaufwachsen und im Einzelfall eine Höhe von über 40 Metern erreichen. Dann erst entfaltet sie ihre breite, schattenspendende Krone. Der glatte, graue Stamm schimmert silbrig, wenn die Sonne ihn berührt.

Die Buche ist eine Hochbetagte und bringt es bis zu 320 Lebensjahren. Man kann ihren Ursprung, dank fossiler Funde, bis in das Erdmittelalter (Mesozoikum) zurückverfolgen, dort in die Periode der Kreidezeit und innerhalb dieser in die Stufe des Campaniums (ab 85,5 bis 70 Millionen Jahre) einordnen.

Sie wird auf unterschiedliche Weise genutzt. Als Brennholz geschätzt, industriell und im handwerklichen Möbelbau eingesetzt; und die frischen Blätter in der Heilkunde als Wundauflage mit blutstillender und antibakterieller Wirkung verwendet (vorausgesetzt, der Verletzte befindet sich in der Nähe einer Buche).

Bei den Germanen hatten die Buchen ob ihres harten und dauerhaften Holzes noch eine andere Aufgabe. Sie waren Träger von Runen (Schriftzeichen), die man in den Stamm oder in aus ihrem Holz gefertigte Stäbe ritzte. Diese „Buchenstäbchen“ galten vermutlich als Orakel. Wie ein Würfel hingeworfen, entschieden sie über das Für oder Wider einer geplanten Aktion. Da bis in das 16. Jahrhundert hinein Buchenholz auch als Buchdeckel Verwendung fand, vertraten die Brüder Jacob und Wilhelm Grimm die Ansicht, dass die Bezeichnung „Buch“ darin ihren Ursprung habe. Eine sympathische Ableitung, die andere Autoren nicht teilen, aber der Buche zur Ehre gelangt.

Wer in der Natur unterwegs ist, kennt die Schönheit des Buchenwaldes im Mai. Das helle Grün und das Säuseln der Blätter in der Morgenluft, Vogelgesang, das Knacken der Äste unterm Schritt und der seidenweiche Himmel. Wie sollten die Lyriker der Romantik diese Eindrücke nicht mit allen Sinnen aufgenommen haben? Joseph von Eichendorff schrieb seine Jubelgedanken nieder: „Durch Feld und Buchenhallen, / Bald singend, bald fröhlich still, / Recht lustig sey vor allen / Wer’s reisen wählen will! * Wenn’s kaum in Osten glühte, / Die Welt noch still und weit: / Da weht recht durch’s Gemüthe / Die schöne Blütenzeit!“ („Reise-Lied“)

Ist der Mai vorbei, dann folgen die gewitterreichen Junitage. Wenn es blitzt und donnert und Starkregen fällt, übernimmt die Buche eine lobenswerte Schutzfunktion: Die Tannen sollst du bannen, vor den Eichen weichen, die Weiden meiden, aber – die Buchen sollst du suchen!

Mit allen diesen Vorzügen ausgestattet und im Fortleben gefährdet, erhielten alte Buchenbestände 2011 den Status eines Weltnaturerbes. Auf diese Weise geadelt wurden auch die „Heiligen Hallen“ in der Feldberger Seenlandschaft und der „Geisterwald“ bei Heiligendamm. Und die hochgewachsene, weit ausladende, kräftige, wohlgeformte, majestätische, bewundernswerte Buche erfuhr ebenfalls eine Würdigung. Sie wurde der auserwählte Baum des Jahres 2022.