23. Jahrgang | Nummer 1 | 6. Januar 2020

Globaler Hattrick

von Alfons Markuske

Der portugiesische Ritter und Seefahrer Fernão de Magalhães, hierzulande besser bekannt als Ferdinand Magellan, war am 20. September 1519 als Generalkapitän einer Flottille von fünf Schiffen – das größte davon eine Nussschale von gerade mal 120 Tonnen Ladefähigkeit und mit lediglich 57 Mann Besatzung – zur Überquerung des Atlantiks in See gestochen. Der Auftrag der spanischen Krone lautete, eine westliche Route zu den Gewürzinseln – den heute zu Indonesien gehörenden Molukken – zu finden. Deren damals endemische Naturschätze in Gestalt der Muskatnuss und der Gewürznelke wurden seinerzeit mit Gold aufgewogen.
Magellan wurde auf dieser Reise im Jahre 1520 zum Entdecker der später nach ihm benannten Magellanstraße, die an der Südspitze Südamerikas eine Durchfahrt in den Pazifik ermöglicht, ohne das (damals noch unbekannte) Kap Horn mit seinen extremen nautischen Herausforderungen passieren zu müssen. Und Magellan wurde unwillkürlich zum Initiator der ersten Weltumseglung, deren Ende er jedoch nicht erlebte. Denn am 27. April 1521 fand er bei einem kriegerischen Zusammenstoß mit Eingeborenen auf der zu den Philippinen gehörenden Insel Mactan den Tod. Dieses Schicksal teilte er mit den meisten seiner ursprünglich etwa 240 Expeditionsmitglieder. Außer 55 Mann, die angesichts der Torturen und Ungewissheiten des Unternehmens – diese summierten sich schlussendlich von Hunger, Durst und Kälte auf See über Skorbut, Stürme und Schiffsverluste bis zu Meuterei und Kannibalismus – bereits vor Erreichen der Magellanstraße mit ihrem Schiff desertiert waren, kehrten im September 1522 nämlich nur 18 nach Spanien zurück. Das waren die ersten Weltumsegler, denn sie hatten beschlossen, statt erneut um Südamerika besser in westlicher Richtung heimwärts zu segeln. Ihnen folgten später noch 17 weitere Seeleute der Magellan-Crew, die jedoch in Südostasien erst einige Zeit als portugiesische Gefangene hatten ausharren müssen.
Zu jenen 18 gehörte auch ein Kanonier namens Hannes aus Aachen (oder Anes, auch Juan Aleman de Aquisgran), wie aus der in einem spanischen Archiv aufbewahrten Gehaltsliste der Magellan-Mannschaft hervorgeht. Von dem Manne ist praktisch sonst nichts bekannt.
Nur dass sein Name, wie der Schriftsteller Raoul Schrott recherchiert hat, noch auf zwei weiteren derartigen Listen auftaucht. Wiederum im Kontext von Weltumseglungen. Wobei die nächste, für die jener Hannes sich einschrieb, überhaupt nur sieben von 500 gestarteten Teilnehmern überlebt hatten. Da bedurfte es schon, so Schrott „eines besonderen Naturells oder besonderer Umstände“, um dann ein drittes Mal anzuheuern.
Durchaus ein reizvoller Ausgangspunkt für weitere Recherchen auf der Route Magellans, bei denen Schrott überdies das Schicksal seines Hannes auf der Osterinsel aufgeklärt haben will, und vor allem für die schriftstellerische Phantasie, zumal wenn man, wie Schrott, auch noch bekennender Liebhaber von mittelalterlichen Schelmenromanen ist.
Einen solchen hat er nun verfasst, und der Verlag hat dem Opus ein entsprechendes Outfit mitgegeben. Freunden des Genres wie auch der christlichen Seefahrt kann das Buch durchaus empfohlen werden. Wenngleich der Stil des Textes, mit dem Schrott seinem Protagonisten wohl besonders nahekommen wollte, Jakob Strobel y Serra in der FAZ aufjaulen ließ, „dass man sich durch den antiquierten Manierismus […] Schrotts […] wie durch […] Sprachschlick kämpfen“ müsse.
Damit hatte der Schreiber der vorliegenden Zeile keine Probleme.
Allerdings erfährt der Leser unterm Strich leider ziemlich wenig über das tatsächliche Leben auf Hochseeschiffen vor 500 Jahren, wenn die Törns sich monate- und jahrelang hinzogen. Wie waren die Lebensbedingungen der Mannschaften an Bord, wie die hygienischen Verhältnisse, wie verlief die Tagesroutine? Von welchem Zeitpunkt auf See waren das mitgeführte Trinkwasser und die gebunkerten Lebensmittel eigentlich nicht mehr genießbar? Wie wurde mit Erkrankungen und Verletzungen umgegangen?
Für solche Fragen hätte auf immerhin 326 Seiten doch auch genügend Platz sein müssen …

Raoul Schrott: Eine Geschichte des Windes oder von dem deutschen Kanonier der erstmals die Welt umrundete und dann ein zweites und ein drittes Mal, Carl Hanser Verlag, München 2019, 324 Seiten, 26,00 Euro.