20. Jahrgang | Nummer 25 | 4. Dezember 2017

Baltischer Ausklang – Vilnius

von Alfons Markuske

Litauen, das im Unterschied zu Estland und Lettland auch eine staatliche Vorgeschichte hat, weil es bereits im 13. Jahrhundert zu einer osteuropäischen Großmacht mit Ausdehnung bis ans Schwarze Meer aufgestiegen war und von Mitte des 16. bis Ende des 18. Jahrhunderts zusammen mit Polen einen Doppelstaat gebildet hatte, blieb im Unterschied zu seinen baltischen Schwestern immer katholisch. Die Hauptstadt ist seit dem Zweiten Weltkrieg wieder Vilnius – erstmals 1323 urkundlich unter dem Namen Wilna erwähnt, wie sowohl der deutsche als auch der russische Name lange lauteten. Die Stadt war 1920 von Polen annektiert und 1939 von der Sowjetunion nach deren Einfall in Polen an Litauen zurückgegeben worden. Ein halbes Jahr später marschierte Moskau auch dort ein – mit der Folge, dass die litauische Unabhängigkeit auf Jahrzehnte verloren ging.
Wer in der Innenstadt seinen Blick in beliebiger Richtung schweifen lasse und dabei immer mindestens drei Kirchtürme im Blick habe, der dürfe gewiss sein, dass er sich in Vilnius befinde. Behaupten Einheimische. Und sie haben Recht, was aber bei knapp 50 Kirchen auf unter 600.000 Einwohner keine rechte Kunst zu sein scheint.

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Exkurs: Wie Riga erlangte auch Vilnius traurige Berühmtheit im Zusammenhang mit dem Holocaust. Dort fanden ebenfalls sofort mit Beginn der deutschen Okkupation im Juni 1941 Massenmorde unter ausführender Beteiligung einheimischer Hilfskräfte statt, denen bis Ende des Jahres bereits 50.000 Juden zum Opfer gefallen waren. (Der Antisemitismus in Litauen war so ausgeprägt, dass in Kaunas, der zweitgrößten Stadt des Landes, nach dem Abzug der Roten Armee im Juni 1941 von sogenannten litauischen Freiheitskämpfern binnen zweier Tage schon 4000 Juden ermordet worden waren, bevor die Deutschen dort überhaupt einmarschierten.) Insgesamt wurden fast 97 Prozent der gesamten jüdischen Bevölkerung Litauens ausgerottet, was die mit Abstand höchste Quote aller vom Holocaust betroffenen Länder ist.
Eine Aufstellung berühmter jüdischer Persönlichkeiten mit litauischen Wurzeln, die im Internet zu finden ist, weist neben Marc Chagall und Jascha Heifetz allein vier israelische Ministerpräsidenten (darunter Menachem Begin und Shimon Peres) sowie den ersten israelischen Staatspräsidenten (Chaim Weizman) aus.

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Ausgangspunkt unseres Stadtrundgangs ist der zentral gelegene Kathedralenplatz unterhalb der auf einem Hügel gelegenen Überreste der früheren oberen Burg der Stadt. Der Platz wird beherrscht von der Sankt-Stanislaus-Kathedrale und einem nicht mit dieser verbundenen Glockenturm. Den Sakralbau beschrieb Alfred Döblin in seiner 1926 erschienenen „Reise in Polen“ etwas despektierlich so: „Die Kirche sieht aus wie ein griechischer Tempel oder ein polnisches Stadttheater. Weichselantike.“ Aber mehr war von der Entstehungszeit, 1783 bis 1801, nun wirklich nicht zu erwarten.
Der untere Teil des Glockenturmes – Keller und drei Stockwerke mit Schießscharten – geht bereits auf das 13. Jahrhundert zurück und gehörte ursprünglich als in die Stadtmauer integrierter Wehrturm zur unteren Burg. Der obere achteckige Teil des Turmes wurde im 16. Jahrhundert aufgemauert. Der Trumm insgesamt weist inzwischen eine Neigung auf, die ihn zu einem plumpen Bruder des sehr viel filigraneren aus Pisa macht.
In unmittelbarer Nachbarschaft befindet sich heute wieder der Palast der Großfürsten Litauens, der sein letztes äußeres Erscheinungsbild von italienischen Baumeistern des 16. Jahrhunderts erhalten haben soll. Dieses Original jedoch war Anfang des 19. Jahrhunderts zerstört worden. Zur historisierenden Wiedergeburt ab 2002 hieß es in einem Bericht von Arnold Bartetzky in der FAZ: Einige „undeutliche historische Zeichnungen waren die Grundlage für dieses neue Renaissance-Schloss“. Und vom historischen Interieur gab es nicht einmal undeutliche Zeichnungen. „Doch leere Räume“, so Bartetzky, wollten „die Schlossrekonstrukteure den Besuchern nicht zumuten. Um den Eindruck einer vollständig eingerichteten Herrscherresidenz zu vermitteln, wurden auf dem internationalen Antiquitätenmarkt für Millionenbeträge Möbel, Gemälde, Tapisserien, Kleinplastiken, ja sogar Tafelgeschirr und Waffen zusammengekauft.“ Und wozu das Ganze? Zur „Stärkung der patriotischen Identität Litauens“, wie eine zeitgenössischen Darstellung vermerkt. Verpulvert wurden dafür Millionen, die für den Erhalt tatsächlicher historischer Baudenkmäler fehlen.
Die unweit des Katharinenplatzes beginnende Bernardinų gatvė entlang, deren ursprünglich gotische Gebäude über die Jahrhunderte im Stile der Renaissance und des Barock umgebaut wurden, und vorbei an einem Haus, in dem einst Polens Nationaldichter Adam Mickiewicz nach seinem Studium in Wilna (1815 bis 1819) wohnte, gelangen wir zum Ensemble der unmittelbar beieinander stehenden Anna- und Berhardiner-Kirche.
Die erstere, so der Volksmund, wirke neben der zweiteren wie ein junges, anmutiges Mädchen neben einer älteren, erfahrenen Frau. Und tatsächlich – die Annakirche, erbaut aus 33 verschiedenen Backsteinformaten, ist von pittoresker Eleganz und zählt zu Recht zu den schönsten spätgotischen Kirchen in diesem Teil Europas. Sie schlug 1812 auch Napoleon in ihren Bann, der gesagt haben soll: „Wenn ich könnte, würde ich diese Kirche […] nach Paris tragen.“ Dagegen war die Bernhardinerkirche samt Kloster des gleichnamigen Ordens Anfang des 16. Jahrhunderts als massive Wehrkirche und Teil der Stadtbefestigung errichtet worden.
Diesem Ensemble gegenüber erhebt sich die ebenfalls imposante barocke Michaelskirche, die heute ein Museum für sakrales Kulturerbe beherbergt.
Gleich um die Ecke finden einschlägig Interessierte ein weiteres, recht kleines, doch mit schier zahllosen Exponaten gesegnetes Museum (plus Verkaufsgalerie), das einem im Baltikum nahezu ubiquitären Stoff gewidmet ist, der in keiner Schmuckboutique fehlt – dem Bernstein. Aus diesem auch „Gold des Nordens“ genannten fossilen Gestein werden – en miniature oder auch beachtlich größer – selbst mehrmastige Segelschiffe angeboten, deren Preise nicht selten im vierstelligen Bereich liegen.
Über das Flüsschen Vilnia hinweg, das unweit des Katharinenplatzes in die Neris mündet, ist es nur einen Katzensprung bis ins Ausland – in die „Freie Republik Užupis“, deren Territorium gerade einmal 0,6 Quadratkilometer umfasst und die aus dem gleichnamigen – ungewöhnlichsten und buntesten – Teil der Altstadt von Vilnius besteht. Dort waren Anfang der 1990er Jahre, nach der Wiedererlangung der Unabhängigkeit Litauens, alte, verfallende Häuser und Wohnungen billig, was bildende Künstler, Musiker und Schauspieler anzog, die sich niederließen und die Bausubstanz nach und nach instand setzten. Das immer beliebter werden Viertel ist heute von idyllischen Hinterhöfen, Cafés und kleinen Läden geprägt. 1997 gründeten die Bewohner ihre eigene „autonome Republik“ – mit Präsident und Außenminister, mit vier Flaggen (für jede Jahreszeit eine) und einer sehr unorthodoxen Verfassung mit 41 Artikeln, deren dritter erfreulicherweise lautet: „Jeder Mensch hat das Recht zu sterben, ist jedoch hierzu nicht verpflichtet.“, und nicht nur deren 13. auch vierbeinige Mitbewohner einbezieht: „Keine Katze ist verpflichtet, ihren Hausherren zu lieben, aber in schweren Momenten muss sie ihm beistehen.“
Užupis – welch’ herrlicher Kontrast zu einem gänzlich anderen Ritual, das in Vilnius allwöchentlich am Sonntag, high noon, zu beschauen ist: öffentlicher Flaggenwechsel vor dem Präsidentenpalais. Da kommt vor allem voll auf seine Rechnung, wer Neigung zeigt zu exakt durchchoreographiertem militärischen Zeremoniell in Gestalt des Aufmarsches von Ehrenformationen und des mehrhändigen Miniaturisierens von Flaggen in fahnenmastkompatiblen Abmessungen auf Großbriefformat, wie man es in bis zur Lächerlichkeit perfektionierter Fingerfertigkeit vor allem von Bestattungen US-amerikanischer Gefallener in Arlington kennt. Auch wem bellizistischer Mummenschanz in Gestalt von Männern in Ritterrüstung frommt, der sollte sich zu diesem Zeremoniell einfinden, denn es marschieren nicht nur Angehörige von Heer, Luftwaffe und Marine auf, sondern zusätzlich noch eine weitere Riege in Blech. Dass es sich dabei ebenfalls um eine Teilstreitkraft handeln könnte, soll hier aber ausdrücklich nicht unterstellt werden.
Mit getragen ernsten Mienen werden die heimische Flagge sowie jene der EU und der NATO, die je nach Jahreszeit und Wetter mehr oder weniger reif für die Wäsche sind, vom Mast geholt und gegen neuen Stoff ausgetauscht.
Jedes Mal mit dabei: Wahrscheinlich das nahezu komplette Personal der litauischen Luftstreitkräfte, das zumindest während dieser Minuten keiner Gefährdung für Leib und Leben durch die fliegende Hardware des Landes ausgesetzt ist. Die besteht laut Wikipedia mit Stand vom September dieses Jahres unter anderem aus zwei sowjetischen Hubschraubern vom Typ Mi 8. Dessen Basismodell hatte seinen Erstflug am 24. Juni 1961 absolviert…