15. Jahrgang | Nummer 13 | 25. Juni 2012

Beach Boys beschwören die Sixties

von Thomas Behlert

Wenn Musikjournalisten ihr Wissen über die Musik in allerlei Zeitungen aufarbeiten, dann nennen sie natürlich als Wegbereiter, Neuerer und Entwickler des Rock’n Roll immer und überall die Beatles. Da hat man Recht, da kann man nichts falsch machen, da weiß man was man hat, wie es einstmals schön doof in einer Werbung hieß. Doch was ist mit den lustigen Buben aus den USA, den Beach Boys, die ebenfalls in jungen Jahren Geschichte schrieben und gar einen Meister der musikalischen Hexenkunst unter sich hatten und wieder haben? Brian Wilson ist nun, „zufällig“ noch zum 50. Jahrestag der Band, wieder mit seinen Verwandten ins Studio gegangen, um ein neues, ja verdammt noch einmal: NEUES, Album aufzunehmen. Der Sound ist geblieben, der in den neunzehnhundertsechziger Jahren die amerikanische Jugend vom Vietnamkrieg ablenkte und bis heute das Böse und Schlechte vergessen lässt. Mittlerweile haben sich die Fans aus früherer Zeit vom Strand verabschiedet, das Surfbrett in den Wellen versenkt, die letzte Tüte geraucht und bereiten sich auf die goldene Hochzeit vor.
Um vielleicht zum letzten Mal gemeinsam ein Jubiläum zu begehen, hat man sich in der Familie Wilson wieder vertragen. Vergessen sind Loves Aktivitäten, als er erfolgreich Wilson und Jardine wegen unterschlagener Songcredits verklagte und vergessen sind auch die aussichtlosen Klagen wegen Verwendung des Bandnamens. Für das neue Album „That`s Why God Made The Radio“ sind alle verbliebenen Strandjungs aufgetaucht: Brian Wilson, sein Cousin Mike Love, Al Jardine, Bruce Johnston, der 1965 zur Band stieß, und „Baby“ David Marks, 1962 als Dreizehnjähriger dazu gekommen.
Dennis Wilson ertrank bereits 1983, als er betrunken einen Tauchversuch unternahm, und Carl Wilson verstarb vor 14 Jahren an Krebs.
Bekannt sind die Beach Boys nach dem zunächst nicht sehr erfolgreichen ersten Album „Surfin’“ mit der nachfolgenden Hitsingle „Surfin’ Safari“ geworden. Genau dieser Sound begründete den Sommersonnen-Jugend Mythos, ließ Surfer, Sonnenanbeter und Geschwindigkeitsfetischisten hochleben. Selbst waren die Musiker nur selten am Strand zu finden, sie standen diszipliniert im Studio, nahmen neue Hits auf und tourten ohne Pause und ohne Rücksicht auf die Gesundheit durch die Welt. Vater Murray stand als herrische Persönlichkeit und Antreiber hinter den singenden Familienmitgliedern. Nach einem Nervenzusammenbruch stieg Brian Wilson 1964 aus, blieb aber als Komponist, Arrangeur und Produzent der wichtigste Mann der Gruppe. Hatte dadurch viel Freiheit gewonnen, die er in ungewöhnliche musikalische Projekte investierte. Es entstand das von Label und Musikern ungeliebte, erst in späteren Jahren seine Genialität offen legende „Pet Sounds“. Danach kam das aufwendige Werk „Smile“, das ambitionierte und orchestrierte „Vier-Stunden-Stück“, welches als Rohfassung in diesem Jahr erscheinen konnte. Trickklänge wollte von den dösigen Fans keiner hören, die Hits blieben aus. So hangelte sich die Band stetig nach unten und es entstanden Feindschaften zwischen einzelnen Bandmitgliedern. Brian nahm schließlich Drogen, Carl und Dennis griffen zum Alkohol, Mike Love und Al Jardine verschwanden zum Beatles-Guru Maharishi.
Viel ist vom einstigen Mythos Kalifornien nicht mehr übrig geblieben, nur noch Erinnerungen an einen österreichischen Terminator, an das verkorkste Hollywood, Disneyland und Schönheitschirurgie alle naselang.
Das neue Album knüpft nun sehr an die Jugendzeit an und greift die ewigen Themen auf: „Beaches In Mind“, „Pacific Coast Highway“ und das sehnsüchtige „Daybreak Over the Ocean“. Zusammengefasst wird all das im überwältigenden „Spring Vacation“ dargestellt: „Good Vibrations Summer Weather, We`re Back Together, Easy Money, Ain`t Life Funny“. Texter Mike Love und Komponist Brain Wilson beschwören die Sixties und bringen mit der ersten Single, dem Titelsong “That`s Why God Made The Radio“ alles aufs Tablett, was das vergessene Glück ausmacht: den lieben Gott und ein Radio.
Insgesamt ist bei den zwölf Songs ein beschwingter Rhythmus zu vernehmen, viel Melancholie taucht auf, etwas einfältiger Reggae quält sich durch einige Stücke und Tanztee-Calypso lässt die alten Knaben hopsen. Spätestens beim besten Song „From There And Back Again“ reißt der Himmel auf und die Sonne scheint hell und freundlich, wie es das letzte Lied („Summer Gone“) des Albums verdeutlicht: „Der Sommer mit dem Gestern verging“.
Das Meer ist in Sichtweite und noch einmal lief reines Gold durch die Kehlen der Beach Boys.

Beach Boys, „That`s Why God Made The Radio“, Capitol Records