14. Jahrgang | Nummer 21 | 17. Oktober 2011

Unter Bettlern

von Thomas Zimmermann

Jedes Jahr zum Salzfest hocken allerhand Bettler entlang des Boulevards in Halle und halten Schilder vor sich, spielen die verschiedensten Instrumente, lassen Kinder tanzen oder führen Lamas aus dem Kleinzirkus Renardo mit sich. Ihnen allen gleich ist der kleine Beutel vor ihnen, der Hut, der Geigenkasten – das augenscheinliche Gefäß mit den ersten Münzen darin und viel Platz für weitere Gaben.
Die Hallenser geben gern, denn eine solch geballte Ansammlung von Bettlern überfordert die braven Bürger, die doch das ganze Jahr über nur den alten Mann mit der Ziehharmonika und den Lieder aus Doktor Schiwago kennen, und fasziniert bleiben sie stehen und begutachten die armen Schlucker.
Da sind dann also die Zigeuner, die sich vor der Ulrichkirche betrinken, um dann mehr grölend als singend rumänische Volkslieder vorzutragen. Oder die Frau, die kniend und mit aufgehaltenen Händen reglos in der Kälte hockt. Oder der Mann mit dem zerschlissenen Schild, auf dem „Wenn Sie kein Geld haben, schenken Sie mir wenigstens ein Lächeln“ steht …
Einmal war ein ganz besonderer Mann auf dem Boulevard, ein Bär von einem Mann. Er saß einfach nur da, vor sich ein Schild, auf dem stand: „Ehemaliger Auftragsmörder will noch mal neu anfangen“. Jeder, der das gelesen hatte, blieb unweigerlich stehen, besah sich den Koloss von oben bis unten, angetan und ängstlich zugleich. Mütter nahmen ihre Kinder fester bei der Hand, gingen aber nicht weiter. Männer betrachteten prüfend die Oberarme des Bettlers, der ein Auftragsmörder gewesen sein wollte, seine düstere Visage und seine riesigen Hände.
Da warf jemand eine Münze, mehr aus Scherz, in die ehrfürchtige Stille hinein. Und wie von einem plötzlich um sich greifenden Drang gepackt schlossen sich die Umstehenden an, zückten ihre Geldbörsen und bedachten den Mörder mit ihren Spenden. Jemand fragte ihn, ob er denn schon viele … und er nickte müde. Ein anderer wollte wissen, was das denn für ein Gefühl sei, und ein kleines Mädchen bat ihn sogar um ein Autogramm.
Der Mann wurde zur Attraktion des Tages, alle Passanten und Marktbesucher blieben bei ihm hängen und hörten sich seine Antworten auf die neugierigen Fragen an, warfen ihm Münzen in den Becher und gingen später erregt über ihn redend weiter.
Mit der Dunkelheit wurde es langsam stiller auf dem Boulevard. Die Bettler verschwanden ebenso wie die Passanten und auch der ehemalige Auftragsmörder erhob sich von seinem Platz. Eine der letzten Frauen, die noch um ihn standen, fragte ihn, wo er schlafen würde und wenn er es gern gemütlich haben wollte … aber er lehnte freundlich ab.
Ganz zuletzt, als schon niemand mehr da war, kam eine alte Frau den Boulevard runter. Sie sah den Mann, der sein Schild gerafft hatte und gerade gehen wolle, und blieb stehen. Sie las das Schild, immer wieder, und zückte schließlich ihr Portemonnaie, dem sie einen großen Schein entnahm, einen so großen Schein, wie ihn der Bettler den ganzen Tag noch nicht erhalten hatte. „Waren Sie das mit dem Bankchef? Sie wissen schon, der uns den ganzen Mist eingebrockt hat?“, fragte die alte Dame, aber der Mann verneinte.
Da steckte sie ihren Schein wieder ein, beinah böse, und ging an ihm vorüber, ohne ihn eines weiteren Blickes zu würdigen.