13. Jahrgang | Nummer 17 | 30. August 2010

Wenn du nein sagst. Oder: Giftpilze

von Uri Avnery, Tel Aviv

Vor dem Sieg des Feminismus gab es ein populäres israelisches Lied, in dem der Junge das Mädchen fragt: „Was meinst du damit, wenn du nein sagst?“

Diese Frage ist schon beantwortet worden. Nun bin ich versucht, weiter zu fragen: „Wenn du von Zionismus redest, was meinst du damit?“ Das ist auch meine Antwort an jene, die mich fragen, ob ich Zionist sei.

In letzter Zeit tauchen Verbände zur Verteidigung des Zionismus auf wie Pilze nach dem Regen. Giftpilze.

Alle Arten amerikanisch-jüdischer Multimillionäre – viele von ihnen Kasino-Könige, Bordell-Mogule, Geldwäscher und Steuerhinterzieher – finanzieren „patriotische“ israelische Gruppen in Israel, um den heiligen Krieg für den „Zionismus“ zu kämpfen.

Der Angriff findet an allen Fronten statt. Jüdische Organisationen haben vor, die Universitäten von Post-Zionisten zu säubern. Sie drohen damit, andere Spender zu veranlassen, ihre Spenden zurückhalten, sie terrorisieren die Präsidenten und Rektoren und machen Professoren und Studenten Angst.

Amerikaner mögen an die Ära des Terrors eines Senators Joseph McCarthy erinnert werden, der das Leben Tausender von Intellektuellen und Künstlern zur Hölle machte, viele von ihnen ins Exil oder in den Selbstmord trieb. Europäer mögen an die Tage erinnert werden, als „arische“ Professoren über Kollegen, denen man Verrat vorwarf, informierten und Studenten in Braunhemden ihre jüdischen Kollegen aus dem Fenster warfen.

Dies ist nur Teil einer breit angelegten Offensive. Eine Gruppe hat stolz verkündet, sie lehre Hunderte professioneller Zionisten, wie man Wikipedia, die Online-Enzyklopädie, von post-zionistischen Artikeln säubert und sie durch zionistische ersetzt.

Der Terminus „Post-Zionismus“ spielt die Hauptrolle in der Propaganda von Dutzenden – vielleicht Hunderten – von Verbänden, die von Las Vegas’ Multimillionären und dergleichen in den USA finanziert werden, um den alten zionistischen Ruhm wieder herzustellen.

Warum ausgerechnet dieser Terminus? „Postzionisten“ ist das israelische Pendant zu den „Roten“ von Senator McCarthy oder den „Juden“ seiner Vorgänger in Deutschland.

Aber was ist „Post-Zionismus“? Warum nicht einfach „Anti-Zionismus“?

Soweit ich mich erinnere, war ich der erste, der diesen Begriff gebrauchte. Es war 1978 als ich als Zeuge in einem Fall von Verleumdung befragt wurde, den meine Freunde und ich gegen eine Veröffentlichung angestrengt hatten, in der der eben von uns gegründete „Israelische Rat für israelisch-palästinensischen Frieden“ angeklagt wurde, „antizionistisch“ zu sein. Bei dem Versuch, dem Richter meine Ansicht zu erklären, sagte ich, Zionismus sei eine historische Bewegung mit vielen Licht- und Schattenseiten gewesen; er habe seine Rolle mit der Errichtung des Staates Israel erfüllt. Von da ab habe der israelische Patriotismus seinen Platz eingenommen. „Post-Zionismus“ bedeute, daß mit der Gründung des Staates eine neue Ära begonnen habe. Ein Post-Zionist könne die Errungenschaften des Zionismus bewundern oder kritisieren. Er sei der Definition nach aber kein Anti-Zionist.

Die Richterin akzeptierte meine Argumente und urteilte zu unsern Gunsten. Sie belohnte uns mit stattlicher Entschädigung. Jetzt bin ich der einzige lebende Israeli, der eine schriftliche Bestätigung hat, daß er kein Anti-Zionist ist.

Seitdem wird der Terminus „Post-Zionist“ sehr häufig und in durchaus unterschiedlichen Schattierungen benutzt. Aber im Mund unserer neuen Mini-McCarthysten ist er zu einer einfachen Diffamierung geworden. Ein Post-Zionist ist ein Verräter, ein Araberfreund, ein Lakai des Feindes, ein Agent der unheimlichen, weltweiten Verschwörung, den jüdischen Staat zu zerstören.

Shlomo Avineri, ein geachteter Professor der Philosophie, veröffentlichte kürzlich einen Artikel, in dem er leidenschaftlich behauptete, Israel sei ein jüdischer Staat, und dies müsse so bleiben. Der Artikel hat eine lebhafte Debatte ausgelöst.

Ich habe einige Proteste von Leuten bekommen, die irrtümlicherweise dachten, ich hätte den Artikel geschrieben. Das passiert von Zeit zu Zeit. Vor Jahren erwähnte die anerkannte britische Wochenzeitschrift „The Economist“ meinen anstelle seines Namens und veröffentlichte eine Woche später „eine Entschuldigung an beide“.

Der Unterschied ist beträchtlich. Avineri ist ein angesehener Professor, ein Schüler von Hegel, ein Experte für zionistische Geschichte, ein früherer Generaldirektor des israelischen Auswärtigen Amtes und ein überzeugter Zionist. Ich bin – wie allgemein bekannt – kein Professor, ich habe nicht einmal die Grundschule vollendet, ich war nie ein Regierungssprecher, und meine Haltung gegenüber dem Zionismus ist sehr komplex.

In seinem Artikel behauptet Avineri, Israel sei ein jüdischer Staat wie „Polen ein polnischer Staat und Griechenland ein griechischer Staat ist.“ Er antwortete dem palästinensischen Bürger Israels, Salman Masalha, der behauptet hatte, es gebe genau so wenig einen jüdischen Staat, wie es einen muslimischen Staat oder einen katholischen Staat gebe.

„Wie kann man nur vergleichen?“ rief Avineri aus. „Schließlich sind die Juden ein Volk! Israel gehört dem jüdischen Volk, dessen Religion jüdisch ist.“

Das ist doch logisch! Oder? Keineswegs. Der Vergleich stimmt einfach nicht.

Wenn Polen den Polen gehört und Griechenland den Griechen, dann gehört Israel den Israelis. Aber die israelische Regierung erkennt die Existenz einer israelischen Nation nicht an. (Das Gericht hat noch keine Entscheidung bezüglich einer Petition von einigen von uns getroffen, uns als Bürger der israelischen Nation anzuerkennen.)

Wenn Avineri verlangt hätte, daß Israel den Israelis gehört wie Polen den Polen gehört, dann hätte ich applaudiert. Aber er behauptet, daß Israel den Juden gehört. Da müssen einige grundsätzliche Fragen gestellt werden.

Zum Beispiel: Welchen Juden? Denjenigen, die israelische Bürger sind? Doch das meint er nicht. Er meint das „jüdische Volk“, das in aller Welt zerstreut lebt, ein Volk, dessen Mitglieder zur amerikanischen, französischen, argentinischen Nation gehören – und natürlich auch zur polnischen und griechischen.

Wie wird eine Person Amerikaner? Indem ihr die amerikanische Staatsbürgerschaft gewährt wird. Wie wird eine Person ein Franzose? Indem sie eine Bürgerin der französischen Republik wird. Wie wird eine Person jüdisch?

Und hier liegt der Hase im Pfeffer. Nach dem Gesetz des Staates Israel ist ein Jude jemand, der eine jüdische Mutter hat oder der zur jüdischen Religion konvertiert ist und keine andere Religion angenommen hat. Also: Die Definition ist rein religiös wie die eines Moslems oder eines Katholiken. Nicht wie die eines Polen oder Griechen. (In der jüdischen Religion zählt der Vater in dieser Beziehung nicht. Vielleicht weil man nie ganz sicher sein kann, wer der Vater ist.)

Nun gibt es in Israel Hunderttausende von Leuten, die aus der früheren Sowjetunion mit ihren jüdischen Verwandten nach Israel eingewandert sind, aber nicht der religiösen Definition nach jüdisch sind. Sie sehen sich selbst in jeder Hinsicht als Israelis an, sprechen Hebräisch, zahlen Steuern, dienen in der Armee. Aber sie werden nicht als zum jüdischen Volk zugehörig anerkannt, dem – nach Avineri – der Staat gehört. Wie die anderthalb Millionen israelischer Bürger, die palästinensische Araber sind. Der Staat gehört nicht ihnen, obwohl sie – wenigstens formell – alle Bürgerrechte haben.

Einfach gesagt: Nach Avineri gehört der Staat Millionen Menschen, die zu anderen Nationen gehören und nicht den Millionen von Menschen, die hier leben und die die Knesset wählen.

Wer hat entschieden, daß dies ein jüdischer Staat ist? Avineri und viele andere behaupten, daß der Charakter des Staates mit der Resolution der UN-Vollversammlung am 29. November 1947 entschieden wurde, als das Land in einen „jüdischen Staat“ und einen „arabischen Staat“ geteilt wurde.

Das stimmt nicht. Die UN entschied nicht über einen Staat, der allen Juden der Welt gehört und genau so wenig über einen Staat, der allen Arabern der Welt gehört. Die UN-Kommission, die den Konflikt zwischen den Juden und den Arabern in dem Land, damals Palästina genannt, untersuchte, entschied (sehr sensibel), daß die einzig mögliche Lösung die ist, jedem der beiden nationalen Gemeinschaften einen eigenen Staat zuzuteilen. Mehr nicht.

Zusammengefasst: Die Wörter „jüdisch“ und „arabisch“ in der UN-Resolution hatte nichts mit dem Charakter der beiden Staaten zu tun, sondern definierte nur die beiden Gemeinschaften im Land, die ihren Staat errichten sollten. Sie haben keine andere Bedeutung.

Aber ein Professor, der zu diesen Schlussfolgerungen kommt, würde als ein Post-Zionist verfolgt werden, der von der Universität vertrieben werden muss. Nach unsern kleinen McCarthys ist allein schon solch eine Debatte absolut verboten. Aber die Ergebnisse ihrer Mühen könnten sehr anders sein, als das, was sie erwarten. Statt den Terminus „Post-Zionismus“ in ein Synonym für Verrat zu verwandeln, könnten sie den Terminus „Zionismus“ in ein Synonym für Faschismus verwandeln und damit all diejenigen in der ganzen Welt erfreuen, die einen Boykott des „jüdischen Staates“ predigen. Wenn die israelischen Universitäten von allen non-konformistischen Denkern gesäubert sind, wird es tatsächlich einfach sein, sie zu boykottieren.

Wenn du Zionismus sagst, meinst du die humanistische Vision eines Theodor Herzls oder den jüdischen Faschismus Avigdor Liebermans?

Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert.
Redaktionell gekürzt.