13. Jahrgang | Nummer 10 | 24. Mai 2010

Ich male mich, weil ich so oft allein bin

von Alfons Markuske

Magdalena del Carmen Frida Kahlo y Calderón verlegte ihr Geburtsjahr später von 1907 auf 1910 – nicht aus Gründen der Eitelkeit sondern wegen der politischen Symbolik: Das Jahr 1910 markiert den Beginn der mexikanischen Revolution. So besehen kommt die große Frida Kahlo-Retrospektive, die am letzten Apriltag im Martin-Gropius-Bau zu Berlin ihre Pforten öffnete, gerade recht – zum 100. Geburtstag der Künstlerin.

Diese Retrospektive ist mit 150 Gemälden, Grafiken und Zeichnungen sowie mit Fotografien aus dem Leben und dem Umfeld Frida Kahlos, mit Briefen und persönlichen Gegenständen, nicht zuletzt auch mit Filmmaterial, die bisher größte Kahlo-Exposition in Deutschland. Das ist umso bemerkenswerter, als das Werk der Künstlerin breit verstreut ist und sich großenteils in Privathand befindet. Die Ausstellung versammelt Leihgaben aus 30 mexikanischen und 15 US-amerikanischen Sammlungen. „Es war eine echte Detektivarbeit, die Werke ausfindig zu machen und ihre Besitzer davon zu überzeugen, sie uns für die Ausstellung zur Verfügung zu stellen. Schließlich wird jede ‚Frida‘ wie ein Familienmitglied von ihren Besitzern gehütet“, sagte dazu die Kuratorin Helga Prignitz-Poda.

Das Leben der väterlicherseits deutschstämmigen mexikanischen Malerin war wesentlich von drei Konstanten geprägt – von ihren sozialistischen Idealen, von starken chronischen Schmerzen nach einem um ein Haar tödlichen Busunfall, den sie im Alter von 18 Jahre erlitt, und von ihrer lebenslangen Liebe zu dem Maler Diego Rivera. Die ging ebenfalls mit vielen Verletzungen, gegenseitigen, einher. Und mit zwei Eheschließungen samt zwischenzeitlicher Scheidung.

Vor allem die beiden letztgenannten Konstanten hatten bestimmenden Einfluss auf die Malerei der Frida Kahlo im Allgemeinen und auf das von ihr bevorzugte Sujet im besonderen – Selbstporträts. Dutzende davon sind im Gropius-Bau zu sehen,– darunter jenes letzte „Selbstbildnis in einer Sonnenblume“ aus dem Jahre 1954, das sie kurz vor ihrem Suizid malte und anschließend auf den Müll warf. Ein Hausdiener rettete das Bild, es galt aber lange als verschollen und wird nun erstmals öffentlich gezeigt. Dazu nochmals die Kuratorin: „Wir wußten, dass es existiert, aber nicht, wo es sich befand. Und so sind wir auf unserer Suche nach dem Bild noch auf weitere Gemälde gestoßen.“ Frida Kahlos eigene Erklärung dafür, warum sie so häufig auf das Sujet des Selbstporträts zurückgriff, verwies zugleich auf einen tragischen Grundzug ihres Lebens: „Ich male mich, weil ich so oft allein bin …“

Ihre Selbstbildnisse zeigen eine Frau, die zeitlebens unter den promiskuitiven Eskapaden ihres 20 Jahre älteren Ehemannes litt. Der machte auch vor ihrer jüngeren Schwester Cristina nicht Halt und zeugte mit dieser das Kind, nach dem Frida Kahlo sich sehnte. Sie konnte es jedoch trotz mehrfacher, zum Teil lebensbedrohlicher Schwangerschaften nicht lebend zur Welt bringen.

Mehr noch zeigen die Selbstbildnisse eine Frau, die mit starkem Willen ihrem gepeinigten Körper trotzte. Sie mußte in den Jahrzehnten nach ihrem Unfall mehr als 20 Operationen über sich ergehen lassen, häufig im Gipsbett liegen oder ein Gipskorsett tragen, und auch eine Beinamputation blieb ihr schlußendlich nicht erspart. Diesem Körper trotzte sie ein aktives Leben mit Reisen sowohl in die USA als auch nach Europa ab und – mit wechselnden Liebesbeziehungen zu Männern, darunter zu Leo Trotzki und zum Kunstsammler Heinz Berggruen, wie Frauen. Sie beanspruchte nämlich nicht minder, was Rivera sich nahm: sexuelle Freiheit. Der wiederum stand nicht an, damit zu drohen, jeden ihrer Liebhaber zu erschießen.

Die jetzige Ausstellung macht nicht zuletzt deutlich, daß die Malerin Frida Kahlo, Autodidaktin ohne jegliche akademische Ausbildung, deren Werk sowohl Anklänge an die naive Malerei eines Henri Rousseau wie auch surrealistische Züge aufweist, eine handwerklich sehr vielseitige Künstlerin war. Ihr sind von Zeitgenossen beiderlei Geschlechts auch hervorragende Porträts in nachgerade klassischer Manier gelungen.

Zu Lebzeiten hat Frida Kahlo übrigens nicht wenige ihrer Bilder verschenkt – mit den Worten: „Damit Ihr mich nicht vergeßt.“ Das ist ihr gelungen.

„Frida Kahlo – Retrospektive“ – Martin-Gropius-Bau, Niederkirchnerstr. 7 (Berlin-Kreuzberg). Bis 9. August, täglich 10-20 Uhr; der Katalog kostet 25 Euro.