Des Blättchens 10. Jahrgang (X), Berlin, 6. August 2007, Heft 16

Résistance

von Erhard Crome

Eine der landläufigen Behauptungen lautet, »Terror« lohne sich nicht. Stimmt das historisch? Es läuft gerade die CD mit den Old Dubliners. Die Titel sind eine harte Konfrontation irischer Wahrnehmung mit der englischen Unterdrückung.
Und diese begann im 12. Jahrhundert. In gewissem Sinne kann man sagen, daß England seine Kolonialpolitik, die ihm immerhin im 19. Jahrhundert das größte Imperium der Welt einbrachte, in Irland »ausprobiert« hat. Aus der irischen Perspektive ist die Geschichte des Widerstandes dagegen die Geschichte der eigenen Identität. Da ist dann die Zeit des Zweiten Weltkrieges die der großen »Verblüffung«, wie es in dem Lied heißt, während in der ganzen übrigen Welt dies der große Weltkrieg war. Es sei dies die Zeit gewesen, so der Text, da die Iren Großbritannien erstmals als einen Platz erlebten, an dem auch sie als gleichberechtigt akzeptiert wurden. Historischer Einschnitt war der »Osteraufstand« in Dublin am 24. April 1916. Er zielte darauf, zentrale Punkte in Dublin zu besetzen, um Großbritannien dazu zu zwingen, die Besatzung Irlands aufzugeben. Militärischer Aufstand und Bombenattentate waren Teil der Aktion. Der Aufstand wurde niedergeschlagen, etliche Verantwortliche erschossen. Das Endergebnis aber war die Unabhängigkeit der Republik Irland von Großbritannien, die schließlich zwischen 1919 und 1922 erreicht wurde.
Oder ein anderer Fall: Im Nahen Osten wurde seit der Endphase des Zweiten Weltkrieges die Auseinandersetzung um die Zukunft des früheren britischen Mandatsgebiets Palästina geführt. Die Haupttendenz der internationalen Politik ging in Richtung einer Zweistaatenlösung, das heißt, es sollte auf diesem Territorium zwei Staaten geben: den Staat Israel und einen arabischen Staat Palästina. Die radikal-zionistische Untergrundorganisation Irgun und ihr Anführer Menachem Begin verstanden sich anfangs vor allem als Vorkämpfer gegen das britische Mandat, dann auch gegen die Palästinenser, und organisierten Sprengstoffanschläge auf Marktplätze, Restaurants und britische Einrichtungen. Ein Attentat, das international besonderes Aufsehen erregte, war der Bombenanschlag am 22. Juli 1946 auf das King David Hotel in Jerusalem. Das Hotel beherbergte einige Abteilungen der britischen Mandatsverwaltung und Büros des Generalstabs der britischen Armee für Palästina; der größte Teil des Komplexes wurde aber weiter als Hotel genutzt. Dennoch wurde das Attentat unternommen, um ein Zeichen gegen die britische Mandatsmacht zu setzen; es kostete 91 Menschen das Leben, darunter 28 britischen Staatsangehörigen, 41 Arabern und 17 Juden.
Am 9. April 1948 fand ein Massaker in dem arabischen Dorf Deir Yassin nördlich von Jerusalem statt. Die Schockwirkung des Massakers war groß, auch weil Deir Yassin als »kooperatives« Dorf gegolten hatte, dessen Einwohner versuchten, sich mit der wachsenden jüdischen Präsenz in Palästina zu arrangieren. Über einhundert Menschen wurden umgebracht, darunter Frauen und Kinder. Daß ausgerechnet hier eine solche Bluttat verübt wurde, trug zur Radikalisierung unter der arabisch-palästinensischen Bevölkerung bei. Ob diese Reaktion von den Verantwortlichen des Massakers vorhergesehen und womöglich sogar bewußt angestrebt wurde, ist unter Historikern umstritten. Der Hauptverantwortliche hieß wiederum Menachem Begin.
Der Gewaltakt löste unter der arabischen Bevölkerung Panik aus. Innerhalb von 35 Tagen, bis zum 14. Mai 1948, dem Ende des britischen Mandats und der Gründung des Staates Israel, flohen zahlreiche Palästinenser aus ihren angestammten Wohngegenden, die Zahlenangaben schwanken zwischen 250000 und 300000. Der nachfolgende »erste Nahostkrieg« vertrieb noch einmal fast eine Million arabischer Palästinenser. Israel konstituierte sich auf einer territorialen Grundlage, die deutlich anders war, als die zuvor von der UNO beschlossene.
Um den damals nicht gegründeten palästinensischen Staat hingegen geht es heute immer noch. Begin war später – von 1977 bis 1983 – israelischer Ministerpräsident. Da er auf Druck der USA 1978/79 mit Ägyptens Präsidenten Muhammad Anwar as-Sadat den israelisch-ägyptischen Friedensvertrag abgeschlossen hatte, erhielt er mit diesem zusammen den Friedensnobelpreis – für einen ehemaligen gesuchten Terroristen eine beachtliche Entwicklung.
Nehmen wir ein drittes Beispiel: In Südtirol kam es zwischen 1956 und 1969 aus Frustration über die Südtirolpolitik Italiens zu einer Serie von Bombenattentaten. Die Anschläge der ersten Serie (bis 1961) richteten sich nicht gegen Menschen, sondern sinnbildlich gegen Hochspannungsmasten, über die elektrischer Strom in italienische Industriegebiete geliefert wurde. Die zweite Serie ab 1961 hingegen war sehr viel gewalttätiger und blutiger; dabei kamen auch Menschen ums Leben. Die Auseinandersetzungen eskalierten, die italienisch-österreichischen Beziehungen verschlechterten sich. Im November 1961 kam der Streit vor die UNO. Am Ende wurde in Italien ein »Paket« von Gesetzes- und Verfassungsänderungen erreicht, die ein Autonomiestatut für Südtirol zur Folge hatten.
Das Fazit lautet: Ohne die Anschläge in Dublin 1916 hätte es die unabhängige Republik Irland nicht gegeben, ohne die terroristischen Aktionen in Palästina 1948 nicht den Staat Israel, wie wir ihn kennen, und ohne die Anschläge in Südtirol nicht dessen Autonomie. Die Aussage, Terrorismus lohne sich nicht, ist historisch nicht richtig, oder, genauer gesagt: Es gibt Fälle, da er zu dem geführt hat, was seine Anwender bezweckten. Während in anderen Fällen, etwa der RAF in Deutschland, der Roten Brigaden in Italien oder der Tupamaros in Uruguay, seine Protagonisten auf ganzer Linie scheiterten und das Gegenteil erreichten: den Abbau der bürgerlichen Freiheitsrechte in Deutschland und Italien – als mildere Variante – beziehungsweise die vollständige Beseitigung des demokratischen Staates samt Staatsterrorismus in Uruguay. Diejenigen, die die meist durch Selbstmordattentäter zur Explosion gebrachten Bomben in Irak und Afghanistan, in Israel, der Türkei und Algerien legen lassen, wissen das und setzen auf den Erfolg des Terrors.
Nun tauchen Leute in Westeuropa, mittlerweile auch in Deutschland auf, die sich als Kriegsgegner oft als »links« bezeichnen und uns weismachen wollen, es handele sich in Irak und Afghanistan um »legitimen Widerstand« gegen eine Besatzungsmacht. Die völkerrechtliche Grundlage in bezug auf Afghanistan und die dort geführten Kriege des Westens ist in der Tat zumindest fragwürdig. Der Krieg der USA und ihrer Willigen gegen den Irak ist ein eindeutig völkerrechtswidriger Angriffskrieg, was auch durch im Nachgang erwirkte Beschlüsse des UNO-Sicherheitsrates nicht aus der Welt geschafft werden konnte. Der Irak hatte vor Beginn der Kriege 27 Millionen Einwohner. Heute sind etwa vier Millionen Iraker auf der Flucht; die Zahl der Kriegstoten beläuft sich auf mindestens 650000. Das Ergebnis des USA-Krieges sind nicht Demokratie und Freiheit, sondern Staatszerfall, Mord und allgegenwärtige Not.
Aber sind all dies Gründe, sich mit Bombenlegern zu solidarisieren? Die sowjetischen und jugoslawischen Partisanen im Zweiten Weltkrieg oder die Kämpfer der französischen Résistance haben die Truppen Nazideutschlands und seiner Helfer bekämpft, feindliche Soldaten und Kollaborateure erschossen, aber doch nicht gezielt Bomben gegen die eigene Bevölkerung gelegt! Wer die Zivilbevölkerung, Frauen, Kinder und Greise, zur Zielscheibe von Terrorangriffen macht, kämpft nicht für deren Interessen, was auch immer die vorgeschobenen Argumente sein mögen.
Der Westen ist dabei, die Kriege in Irak und Afghanistan zu verlieren. Die Bombenleger aber können nicht die Gewinner sein. So paradox es für die Ohren der willfährigen Helfer der heutigen Kriegspolitik klingen mag: Eben deshalb muß rasch abgezogen und müssen Bedingungen geschaffen werden, damit die real existierenden Bevölkerungen ihr Schicksal selbst in die Hände nehmen können. Falsche Solidarität diskreditiert diejenigen, die für diesen Frieden eintreten.