Des Blättchens 9. Jahrgang (IX), Berlin, 6. Februar 2006, Heft 3

Schrumpfen, aber nicht gesund

von Erhard Crome

Kapitalismus und Wachstum wurden historisch in eins gesetzt. Jetzt hat in Teilen Europas ein Schrumpfen eingesetzt. Deutschland gehört dazu. Allerdings verläuft es in Ostdeutschland anders als im Westen. Im Jahre 2002 hatte Berliner Debatte Initial ein Themenheft Schrumpfende Städte herausgebracht. Es wurde das meistverkaufte Heft seit Jahren.
Gewiß, das Phänomen, daß Städte schrumpfen und sowohl Einwohner als auch Arbeitsplätze verlieren, war seit den siebziger Jahren auch im Westen beobachtet worden. Derlei konzentrierte sich dort vor allem in altindustrialisierten Städten, deren wirtschaftliche Basis auf Bergbau, Kohle, Stahl oder Schiffbau beruht hatte. Dem Schrumpfen der einen stand jedoch Wachstum anderer Bereiche (Sichwort: »Dienstleistungen«) und Städte gegenüber: Duisburg, Bochum oder Bremen als »Verlierer«, München, Frankfurt am Main oder Stuttgart als »Gewinner«. Damit schien dies ein strukturelles und regionales Problem zu sein, das lösbar ist im Sinne eines anderen Wachstumspfades.
In Ostdeutschland dagegen verläuft das Schrumpfen nachhaltiger. Es geschieht unwiderruflich. Leipzig zum Beispiel verlor zwischen 1989 und 1998 rund einhunderttausend Einwohner, das heißt, etwa siebzehn Prozent. In anderen Gegenden ging es noch rascher. In Wolfen-Nord, einer typischen Plattenbaugroßsiedlung, waren Ende der neunziger Jahre noch 19000 von ehedem 34000 Bewohnern übrig. Jede dritte Wohnung stand leer. Die Entleerungs- und Verödungstendenzen treffen jedoch nicht nur die größeren und früheren industriellen Kernstädte, sondern ebenso die Klein- und Mittelstädte sowie den ländlichen Raum, mit wenigen Ausnahmen: die kleineren Gemeinden in der Nähe Berlins, Leipzigs oder Dresdens, die Gewinner der Stadt-Umland-Wanderung sind, und einige Städte mit besserer Entwicklungsperspektive wie Jena.
Hauptursache für diese Schrumpfungsentwicklungen in Ostdeutschland ist die De-Industrialisierung nach »Wende« und deutscher Vereinigung. Bezogen auf die Einwohnerzahl arbeiten in Ostdeutschland heute weniger Menschen in der Industrie als in jedem anderen westeuropäischen Land. Zugleich wurden die Folgen der Arbeitsplatzvernichtung im produzierenden Gewerbe noch potenziert durch den parallel verlaufenden Stellenabbau in Land- und Forstwirtschaft sowie Verwaltung. Ostdeutschland wurde, wie Wolfgang Kil 2002 schrieb, Testgelände für eine Zukunft jenseits der herkömmlichen (Industrie-)Arbeit. Birgit Glock, die den Heftschwerpunkt damals betreut hatte, resümierte, daß es sich hier nicht »um eine kurzzeitige, vorübergehende Krise, sondern vielmehr um langfristige und sich wahrscheinlich künftig noch verfestigende strukturelle Verwerfungen handelt«.
Mit dem Thema: »Stadtumbau« bringt Berliner Debatte Initial jetzt eine Fortsetzung. Plan und Wirklichkeit fallen auf dem Felde des sogenannten Stadtumbaus auch unter bundesrepublikanischen Bedingungen auseinander (aus der DDR kannten wir dieses Phänomen ja). Die nunmehr, fast vier Jahre weiter, identifizierbaren Schrumpfregionen legen nahe, daß die »Angleichung der Lebensverhältnisse« in den deutschen Landen sich als Illusion erweist, was wiederum nicht ohne Folgen für weitere Wanderungsbewegungen bleiben wird.
Damit »verläßt die Schrumpfungsdebatte endgültig den Seitenschauplatz Wohnungswirtschaft und öffnet sich zum innergesellschaftlichen Großdiskurs«, schreiben Birgit Glock und Wolfgang Kil im Editorial. De-Industrialisierung und Strukturumbau greifen auch im Westen Platz.
Ob der Stadtumbau-West aber nur auf eine Verlängerung der seit Jahren laufenden Programmvariante-Ost hinauslaufen oder etwas anderes bringen wird, hier steht die Diskussion noch ganz am Anfang. Fest allerdings steht bereits, daß die traditionellen Wertbegriffe der bürgerlichen Gesellschaft bereits ins Rutschen kamen. Angesichts von »Flexibilitätsanforderungen«, massenhaftem Leerstand und Hartz-IV-Regelungen kann auch an die Wertbeständigkeit von Immobilien nicht mehr geglaubt werden.
Die schrumpfende Stadt hat allerdings die schrumpfende Gesellschaft zur Voraussetzung, die wiederum ihre kulturelle Dimension hat. Franz Xaver Kaufmann wird nach seiner Auseinandersetzung mit den derzeit modischen Themen zur »Vergreisung« befragt. Er verweist darauf, daß seit über dreißig Jahren in Deutschland ein Drittel weniger Kinder geboren werden, als für den Erhalt der Bevölkerung im Fortpflanzungs- und Erwerbsalter notwendig wären, oder, in Zahlen ausgedrückt, tausend Frauen bekommen noch 667 Mädchen, die bei gleichbleibender Fertilität noch 445 Mädchen zur Welt bringen, die wiederum noch 296 Töchtern das Leben schenken. Wollte man diese Nachwuchslücke durch Zuwanderung kompensieren, wäre eine Nettozuwanderung von einer halben Million Menschen jährlich erforderlich. Rückgang der Bevölkerung bedeutet auch Abnehmen der Zahl der Produzenten und Konsumenten, was wohl der eigentliche Grund für die Wachstumsprobleme der Wirtschaft in Deutschland sind. So meint zumindest Kaufmann. Wir haben es mit regressiven Entwicklungen in unterschiedlichen Gesellschaftsbereichen zu tun, die sich gegenseitig verstärken.
Als eine Hauptursache ist das bisher dominierende konservative Familienbild der Westdeutschland dominierenden Kräfte anzusehen. Kern des Problems ist die Vereinbarkeit von Familie und Erwerbstätigkeit. Der internationale Vergleich zwischen »modernisierten Gesellschaften« zeigt, daß jene mit einer dominant paternalistischen Einstellung, wie Japan, Griechenland, Italien, Spanien oder die Bonner Republik, eine besonders niedrige Geburtenrate haben, während sie in Ländern mit einer ausgeprägten Kultur der Gleichberechtigung der Geschlechter, so Skandinavien, Frankreich und tendenziell den angelsächsischen Ländern, vergleichsweise hoch ist. Kaufmann verweist besonders auf die politischen Fehlsteuerungen: Eltern »investieren« alles in allem etwa 200000 Euro in ein Kind während dessen ersten achtzehn Lebensjahren. Der Lebensstandard einer Familie mit zwei Kindern ist halb so hoch, wie der eines kinderlosen Ehepaares. Das Gerede von der »Generationengerechtigkeit« verdeckt, daß es in den jüngeren Generationen eher um ein Verteilungsproblem zwischen Eltern und Kinderlosen geht.
Dazu ist eine breite gesellschaftliche Debatte erforderlich, der sich auch die Linke mit sinnvollen Vorschlägen stellen muß. Ansonsten kann man sich natürlich auch in einem »antideutschen« Sinne zurücklehnen und Grass denken, der schon vor längerer Zeit schrieb, daß der Menschheit eigentlich nichts passiert, wenn es die Deutschen nicht mehr gibt.

»Berliner Debatte Initial«, Heft 2/2002 und 6/2005; zur vertieften Analyse der ostdeutschen Dinge auch die Ergebnisse des »Innovationsverbundes Ostdeutschlandforschung« unter www.ostdeutschlandforschung.de