Des Blättchens 9. Jahrgang (IX), Berlin, 20. Februar 2006, Heft 4

Nachschillern

von Renate Hoffmann

Es schillert sich allmählich aus. Andere Jubilare verdrängen Friedrich. Hie und da erscheinen noch Die Räuber und Don Carlos auf den Spielplänen. In den Buchhandlungen liegen Schillerbiographien bereits in der zweiten Reihe. Und die großen Ausstellungen, ihm zu Ehren, können nunmehr ihr Ende absehen. Man tut gut daran, Nachlese zu halten, ehe die Erinnerungsstücke wieder in Archiven und Reliquienkammern verwahrt werden und ruhen – bis zum nächsten Jubelanlaß.
Eine schlichte Stubenfliege ist’s – Musca domestica (schilleriana) –, die den Fundus irdischer Hinterlassenschaft der Familie Schiller sinnig ergänzt. Fein säuberlich auf ein Blättchen Papier geheftet, welches 2,5 x 10 Zentimeter groß, blieb sie uns aus Tagen klassischer Hochkultur als Zeugin erhalten. Berechtigterweise nahm man sie deshalb in das GSA der SWKK (Goethe- und Schiller-Archiv; Stiftung Weimarer Klassik und Kunstsammlungen) auf. Auch erhielt sie ihre persönliche Registrier-Nummer: 83/1420. Diese Fliege, wie jegliches, das unsere literarischen Großmeister angeht, ward zum dankbaren Forschungsobjekt.
Man schürfte tief und ergründete: Ihr Wirkungskreis befand sich in Jena, Jenergasse 19, erster Stock. Hier lebte Herr Professor Fr. Schiller, Meiningischer Hofrat und Bürger von Frankreich (welch letzteren Titel ihm die Pariser Nationalversammlung soeben verliehen hatte) – und hier lebte sie, die Flieg! Außer ihr war auch Frau Charlotte anzutreffen, seit zwei Jahren mit dem Obigen verehelicht. Zweifellos kannte das Hausinsekt die Vermieterinnen von Nummer neunzehn. Die Schwestern Schramm.
Weswegen das Haus im Stadtgespräch auch die Schrammei hieß. Obzwar die beiden Fräuleins wohlklingende Vornamen trugen, mochte sie »83/1420« nicht leiden. In diesem Punkte stimmte sie mit ihrem geschätzten Dichter überein. Schiller an Christian Gottfried Körner: »Ich habe zwei alte Jungfern zu Hausmieterinnen, die sehr dienstfertig, aber auch sehr redselig sind.«
In der Schrammei schrieb Friedrich inzwischen emsig an der Geschichte des Dreißigjährigen Krieges, formulierte seine Ansichten zu Anmut und Würde; und hielt im größten Zimmer der Wohnung Vorlesungen. Zum Beispiel über Ästhetik. Mithin bildete sich Musca domestica (schilleriana) zur gebildeten Fliege, denn sie schwirrte ohne Unterlaß durch Schillerns Gedankenwelt. Seltsam – man sieht ihr den genommenen Höhenflug nicht an – so brav wie sie auf dem Zettelchen liegt.
Emilie Henriette Luise von Schiller, jüngstes Familienmitglied, fand das teuere Insekt beim Sichten des elterlichen Briefwechsels. Sie klärte die Umstände und beurkundete sie: »Eine Fliege vom Jahr 1792 aus Schillers Lotten’s Briefen.« So verhalf Emilie dem Forschungsgegenstand »83/1420«, bezeichnet als »Fliegenleiche«, zu später, aber verdienter Würdigung.