18. Jahrgang | Nummer 1 | 5. Januar 2015

Vom Hausdach in die Ewigkeit

von Frank-Rainer Schurich

Enno Hansing aus Nordenham ist ein relativ unbekannter Autor, obwohl er Friedhofsgeschichte geschrieben hat. Als Familienforscher oft auf Friedhöfen unterwegs, machte er 1972 auf einem österreichischen Museumsfriedhof eine unglaubliche Entdeckung. Ein Kunstschlossermeister hatte in den 60er Jahren alte Grabkreuze aus den entlegenen Gebirgstälern des bayerischen, österreichischen und südtiroler Alpenraumes gesammelt, die sonst auf den Müll gelandet wären. Diese Grabkreuze vom 18. bis zum 20. Jahrhundert sollten von den Eigentümern durch Marmor- und Granitsteine ersetzt werden.
Aus all seinen Entdeckungen machte Enno Hansing 1997 ein Buch mit dem Titel „Hier liegen meine Gebeine, ich wollt‘ es wären Deine. Grabinschriften für alle Fälle“. Der Autor hat heitere und witzige Inschriften, aber auch ernste Sprüche, Mahnungen und Gebetsaufforderungen gesammelt und zu einer bemerkenswerten Schrift vereinigt. „Häufig verkünden die Zeilen Wahrheiten, Hinweise auf Fehler und Schwächen, die keinem Lebendem gesagt werden“, schreibt er einleitend, „sondern allenfalls über Lebende getuschelt werden. Sie reißen dem Verstorbenen die lebenslang getragene Maske ab.“
Beispiele gefällig? Hier sind sie:

Hier ruht die Asche von James Robinson und seiner Frau
Ihr dreißigjähriger Krieg ist beendet.

*

Grabspruch auf einen Gehenkten (von Gotthold Ephraim Lessing):
Hier ruht er, wenn der Wind nicht weht.
Hier liegt der alte Abendthau.
Er starb an einer jungen Frau!

*

Grabspruch für den Schullehrer und Organisten Kugler auf einem Friedhof in Winterthur (Schweiz):
Hier schläft nach langer Arbeit sanft genug,
der Schüler, Orgel, Weib und Kinder schlug.

*

Hier ruht der liebe Arzt, Herr Frumm
Und die er heilte rings herum.

*

Hier fiel der Jacob Finkenscheid
vom Hausdach in die Ewigkeit.

Die heutigen Friedhofsordnungen verbieten allesamt, Wahrheiten über Verstorbene aufzuschreiben. Das ist wirklich sehr schade. Zu manchem Politiker könnte man sich durchaus Anleihen aus Definitionen des Sprüchekastens holen:

Man kann ja als Politiker nicht immer nur nehmen, man muss sich auch mal was geben lassen.
Ernst Röhl

Seit langem schon fragen mich Interessenten, ob Volksvertreter möglicherweise käuflich seien. Ich fürchte, ja. Wer nimmt die denn schon geschenkt!
Ernst Röhl

Politiker: Aal in dem Grundschlamm, der den Überbau der organisierten Gesellschaft trägt. Wenn er sich windet, hält er die Bewegung seines Schwanzes irrtümlich für ein Beben des Gesamtgebäudes. Im Vergleich mit dem Staatsmann leidet er unter dem Nachteil, noch zu leben.
Ambrose Bierce