Zum alten und neuen EDDI

von Jürgen Klammer

Die DDR war ein Land der Orden und Ehrenzeichen. Zu den verschiedensten Anlässen, besonders jedoch zum 1. Mai und zum 7. Oktober, dem Nationalfeiertag, konnten in der SED-Presse auf mehreren Seiten die Namen von DDR-Bürgern nachgelesen werden, die anlässlich dieser Feiertage von Partei und Regierung für ihre „vorbildlichen Leistungen“ mit hohen staatlichen Auszeichnungen geehrt wurden. Auch Kabarettist Edgar Külow studierte an solchen Tagen intensiv „sein“ Neues Deutschland, wie er später einmal, in einem 1999 vom mdr ausgestrahlten Porträt bekannte. In einer Szene dieses Films schlendert der Schauspieler durch den Fundus des ehemaligen Adlershofer Fernsehens, seiner mehr als zwanzigjährigen Wirkungsstätte. Vor einer Vitrine voller Orden und Ehrenzeichen bleibt er stehen und resümiert nicht ohne Ironie:

„Ich habe jahrelang an diesen DDR-Feiertagen immer sehr aufmerksam das ‚Neue Deutschland‘ gelesen und immer gekuckt, ob ich in der abgedruckten langen Liste der Ausgezeichneten nicht vielleicht doch dabei war, zum Beispiel mit einem Vaterländischen Verdienstorden, dem Nationalpreis oder … Nicht einmal war ich dabei. Ich war dann sogar in meinen Ansprüchen so weit runtergegangen, dass ich mir gesagt habe, ich nehm auch nur das Geld, den Orden können ‘se behalten. Nichts. Nicht mal das hab ich gekriegt.“

Jedoch ganz ohne irgendwelche staatlichen oder betrieblichen Auszeichnungen ist auch Edgar Külow nicht davongekommen. Die Hallenser Kulturfunktionäre ehrten ihn für seine künstlerische Arbeit beim Amateurkabarett die taktlosen 1978 und 1985 gleich zweimal mit dem „Ehrentitel Aktivist der sozialistischen Arbeit“, nicht zu vergessen der vom Genossen Horst Sindermann 1969 erhaltene „Händel-Preis“.

Auch der Fernsehfunk ließ sich nicht lumpen. Anlässlich des Nationalfeiertags am 7. Oktober 1983 verlieh er seinem langjährigen Schauspieler den „Ehrentitel Bestarbeiter“, nachdem dieser bereits 1976 von der Gewerkschaft mit der „Hans-Otto-Medaille“ ausgezeichnet worden war. Der Genosse Grabowsky, sein Vorgesetzter im Ensemble des Fernsehfunks, dankte ihm in diesem Zusammenhang für sein „unermüdliches Wirken im Sinne Hans Ottos, das dazu beiträgt, eine immer engere Verbindung zwischen Kunst und Werktätigen, besonders der Arbeiterklasse, zu schaffen“.

Edgar Külow wird sich im Kreis seiner Satirefreunde vom Eulenspiegel häufig über das Orden- und Auszeichnungswesen der DDR lustig gemacht haben. Einem von ihnen, dem Zeichner und Karikaturist Heinz Behling, kam eines Tages die Idee zu einem „nichtstaatlichen“ Preis, und zwar für alle diejenigen Künstler im Bereich von Humor und Satire, die von großen staatlichen und politischen Auszeichnungen vorsätzlich verschont geblieben waren. Er bezeichnete sie als „Nichtwürdenpreisträger“. Wie sich Ehefrau Christine Behling noch nach 40 Jahren erinnerte, entstand die Idee zu diesem Preis im Sommer 1981 bei einem „nachbarschaftlichem Abendbier“. Auch dessen Personifizierung als EDDI durch den in weiten Satirekreisen bekannten und beliebten Edgar Külow wurde an diesem Bier-Abend beschlossen. Das Einverständnis und die tatkräftige Unterstützung von Edgar Külow waren schnell eingeholt; und so fand am 13. November 1981 die erste Preisverleihung des EDDI statt.

Der Name des Ausgezeichneten stand nicht im Neuen Deutschland. Der Verleihungsakt wurde von der Parteipresse ebenfalls nicht erwähnt. Es ist davon auszugehen, dass die Verantwortlichen von diesem „nichtstaatlichen“ Preis zunächst keine Kenntnis hatten, schließlich war er nicht staatlich. Der EDDI und sein erster Preisträger wurden dennoch einer breiten, vorwiegend satirischen Öffentlichkeit durch ein im Heft 51/1981 des Satiremagazins Eulenspiegel abgedrucktes Interview bekannt. Die wichtigsten Fakten zu dem Preis und seinen Regularien sollen auszugsweise daraus nachstehend zitiert werden:

 

„EDDI ging an Eddi

Freitag, der 13. November, 13 Uhr, Berliner Verlag, 15. Etage. Ein ebenso mieser wie bedeutender Tag. In den Räumen einer bekannten satirischen Zeitung wird ein neu gestifteter Kunstpreis verliehen, der EDDI. Anwesend bei dem feierlichen Akt sind Heinz Behling und Edgar Külow, abwesend ist das Protokoll. Ein Zweipersonenstück also. Heinz Behling als Preisgeber, Edgar Külow als Preisnehmer. Eine Preisverleihung ohne Laudatio und kaltes Büfett. Ein paar herzliche Worte von Mann zu Mann, Ergriffenheit. Sonst nichts. Man wird künftig mit dem EDDI zu rechnen haben. Mit dem Eddi hat man es ohnehin.

EULENSPIEGEL nutzte die Gunst der Stunde, Näheres über den EDDI zu erfahren.

EULE: Lieber Heinz Behling, Du hast diesen Kunstpreis gestiftet. War das nötig? Es gibt doch nahezu mehr Kunstpreise als Kunst!

BEHLING: Hin und wieder wird doch mal jemand vergessen. […] Das Ungewöhnliche an diesem EDDI ist, daß er nicht verliehen wird, wenn es keinen Anlaß gibt. Insofern unterscheidet er sich in gewissem Sinne von manchem anderen Kunstpreis. […]

EULE: Was hängt denn dran an dem EDDI?

BEHLING: Ein Kasten Bier.“

 

Bei der Frage des Interviewers Christian Klötzer nach dem außergewöhnlichen Tag der Verleihung, einem Freitag, dem 13., verwies Preisgeber Behling darauf, dass es sich bei „Freitag, dem 13.“ um den Tag des Künstlers handele. Zum Prozedere der Preisverleihung meinte der Karikaturist, dass dieser „nur zwölfmal verliehen wird, damit er nie zu einer guten Tradition mißrät.“ Auch sei der EDDI „protokollmäßig“ nicht abgesichert. Glaubhaft versicherte Behling dem neugierigen Fragesteller: „Wenn er ‘runterfällt, ist er kaputt!“

Die damalige Figur aus Gips für die erste und die elf weiteren feierlichen Verleihungen schuf die von Heinz Behling angesprochene Grafikerin und Karikaturistin Anneliese Dörck. Die zirka 20 cm hohe EDDI-Statue war unverkennbar Edgar Külow nachgebildet, besaß allerdings übergroße Hände.

Der Preis war eine private Initiative von miteinander bekannten bzw. befreundeten Künstlern der DDR-Satireszene. Die Initiatoren Behling und Külow wollten damit den Zusammenhalt der staatlicherseits beargwöhnten Künstler fördern und dies genregerecht mit ein wenig Ulk verbrämen. Die jeweilige Verleihung des EDDI ab 1981 wurde bewusst an einem Freitag, dem 13., durchgeführt, um eine Distanz zu den üblichen offiziellen Zeremonien und Feierlichkeiten herauszustreichen. Die EDDI-Zeremonie fand an unterschiedlichen Orten stand, darunter in Kinos oder renommierten gastronomischen Einrichtungen.

Wie 1981 verkündet, wurde der EDDI bis 1988 zwölfmal verliehen. Die Preisträger sind: Edgar Külow, Kabarettist; Werner Trögner, Kabarettist; Dr. Lothar Löbl, Jazzmusiker; Heinz Kahlow, Schriftsteller; Jürgen Kieser, Grafiker; Joachim Dannenberg, Komponist; Peter Bause, Schauspieler; Oliver Harrington, Ka-

rikaturist; Alfred Quiring, Sänger; Manfred Butzmann, Maler; Ernst Röhl, Satiriker; Ursula Wolf, Bildhauerin.

Nach dem Fall der Mauer und den damit auch für die DDR-Satiriker völlig ungewohnten marktwirtschaftlichen, wenn auch „zensurlosen“ Bedingungen, schlief die EDDI-Initiative ein. Mit den auf zwölf Gipsfiguren limitierten EDDIs sahen 1988 die Gründer das Vermächtnis des Preises erfüllt. Doch wenige Wochen nach dem Tod von Edgar Külow schlug der als Trauerredner an den Verstorbenen erinnernde Eulenspiegel-Verleger Matthias Oehme am 13. Oktober 2012 auf dem Wiederauferstehungsfriedhof in Berlin-Weißensee vor: „Ich fände es gut, den EDDI neu zu stiften. Die Gründe liegen auf der Hand. Einmal Eddi selbst und das Gedenken an ihn. […]. Vor allem: Es gibt haufenweise Leute, die einen Preis wie den EDDI verdienen und bestimmt keine „Goldene Henne“ kriegen werden […] Wir brauchen einen Preis, bei dem man sicher sein kann, dass ihn Helmut Kohl nie kriegen wird.“

So wurde Anfang 2013 auf Initiative von Verleger Oehme und Külow-Sohn Dirk der Verein Berliner Kabarettpreis der EDDI e.V. gegründet. Der macht es sich seitdem zur jährlichen Tradition, jeweils am 4. Oktober, und damit indirekt der Termine 3. und 7. Oktober gedenkend, den Preis an verdiente Künstlerinnen und Künstler aus der aktuellen Kabarettszene zu verleihen. Im Verlaufe der Jahre fanden sich neben dem Eulenspiegel Verlag weitere Vereins-Unterstützer, darunter die Rosa Luxemburg Stiftung, nd, die Stiftung Deutsches Kabarettarchiv und der verlag 8. Mai. Seit 2019 ist durch Beschluss der Stadtverordnetenversammlung der Berliner Stadtbezirk Lichtenberg Stifter des Preisgeldes und Schirmherr der seit einigen Jahren im Kulturhaus Karlshorst stattfindenden öffentlichen Preisverleihungen.

Nachdem die zwölf EDDI-Statuen aus der DDR-Zeit aufgebraucht sind, besteht neben Urkunde und Preisgeld der neue EDDI aus einer kleinen von der Bildhauerin Esther Brockhaus dem damaligen Original nachgebildeten Bronzestatue. Eine der Originalgipsfiguren aus dem Jahr 1981 befindet sich in Gedenken an den ersten Preisträger und langjährigen Bürger Lichtenbergs seit Februar 2020 im Museum des Stadtbezirks.

Die neuen Preisträger ab 2013 sind Michael Hatzius, Simone Solga, Uwe Steimle, Thomas Freitag, Christian Ehring, Christine Prayon, Kabarett-Theater DISTEL (Ensemble), Marco Tschirpke, Meigl Hoffmann, Uta Köbernick, Thomas Pigor & Benedikt Eichhorn, Katrin Weber, Rainer Kröhnert.

Die nächste Preisverleihung findet am 4. Oktober 2026 statt. Bekommen soll ihn, bitte weitersagen, der schon viele Jahre in Leipzig lebende Mittelfranke Matthias Tretter.

Der gekürzte Text stammt aus dem Buch „Der ‚linke‘ Blitz – Die neue Kabarett-Biografie des Edgar Külow“ aufgeschrieben von Jürgen Klammer. Es erscheint Anfang Oktober 2026 im Leipziger selbstironieverlag (220 Seiten, 16,80 Euro).