Peter Grainger ist, zumindest im deutschsprachigen Raum, ein neuer Name auf der Landkarte der Ent-Spannungsliteratur. Sein Aufstieg in die Bestsellerlisten klingt wie ein Märchen.
Monat für Monat, und das seit Jahren, stellt Deutschlandfunk Kultur die zehn interessantesten Krimi-Neuerscheinungen vor. Von Ausnahmen abgesehen handelt es sich um Offenbarungen der Armseligkeit des Genres.
Krimis mögen viel gelesen werden, geschrieben werden sie schnell, spekulativ und klischeegetränkt. Spannung wie aus dem Regal. Entsprechend wird jede kleine Abweichung vom üblichen Mordgeschehen im Deutschlandfunk ehrfürchtig bestaunt.
Im August sprang ein gewisser Peter Grainger als Neueinstieg auf Platz 1. Das kam überraschend, weil Peter Grainger (der Name ist ein Pseudonym) in Deutschland so gut wie unbekannt ist. Das kommt andererseits so überraschend auch wieder nicht, weil sich sein Roman mit dem blassen Titel „Ein unglücklicher Tod“ in Britannien bestens verkaufte, was allemal einer Empfehlung gleichkommt. Auch 140 Jahre nach dem ersten „Sherlock Holmes“ gelten Krimis aus England und Schottland noch immer als Leitwährung für mindestens solides Handwerk.
Ist Grainger also ein bahnbrechender Spannungsbogen gelungen, der den Kriminalroman in neuem Licht erstrahlen lässt?
Das sicherlich nicht. Es ist alles wie schon immer und immer, nur noch viel konservativer. Seltsam nur, schon nach wenigen Seiten ertappt man sich dabei, wie gern man doch weiterliest. Man fühlt sich geborgen in Graingers betulicher Erzählweise. Je nach Lesetempo ist „Ein unglücklicher Tod“ ein Schmöker für drei oder vier behagliche Abende vor dem Einschlafen, wenn Netflix & Konsorten mal wieder nichts als gewaltvollen Serienmurks anbieten. Grainger regt nicht auf, er hält bei Laune.
Vielleicht passt es zu unserer Zeit, dass Kriminalromane auch mal gemütlich und ein bisschen harmlos daherkommen. Geht es draußen in der realen Welt nicht schlimm genug zu? Wenn eine Sippschaft von Horrorclowns alle Macht innehat, wenn das Böse als gut gilt, das Niedere als hoch und das Verlogene als richtig, wirken die Bemühungen aufrechter Polizeiarbeit wie eine Oase der Verlässlichkeit.
„Wenn ich manche Polizeiromane lese“, erklärte Grainger jüngst der New York Times, „dann stoße ich immer nur auf dysfunktionale Zustände. Lauter Alkoholiker mit schwachen Nerven, die in zerstörten privaten Beziehungen leben. Ich mag das alles nicht. Deshalb mache ich das Gegenteil.“
Bei Grainger, das sei verraten, obsiegt der ehrlichste Cop von allen. Sein Name lautet DC Smith. Der junge Assistent, der ihm zugeordnet wird, heißt Waters. Beides leicht zu merken. Aufzuklären haben sie, ja was eigentlich? Ein junger Mann, Schüler noch, ist nach einer feucht-fröhlichen Party in den nahen Fluss gesprungen, einem Kanu hinterhergekrault und nicht wieder aufgetaucht – ertrunken. Obwohl er als bester Schwimmer seines Jahrgangs galt. Nach Thriller klingt das nicht.
Wie aber Grainger das Geschehen am Wasser (Originaltitel „An Accidental Death“) nach und nach in europäische Zeitgeschichte überführt und die Ausläufer einer Spionagestory aufscheinen lässt, das ist aller Ehren und Lesestunden wert. Spionage gehört bekanntlich seit eh und je zu den Lieblingspferdchen britischer Autoren. Graham Greene hat sie bravourös geritten, John le Carré zu einsamen Triumphen geführt, und Mick Herron gewährt ihnen auf der Schwundstufe seiner „Slow Horses“ ein Gnadenbrot.
Ungeachtet des Abstechers in die Spionage bleibt „Ein unglücklicher Tod“ ein Krimi traditioneller Art, nur dass man ihm das gern benutzte Etikett „hard boiled“ nicht verpassen mag. Dafür bleibt er zu handzahm. Ärger mit Vorgesetzten und missgünstigen Kollegen? Doch, das widerfährt auch DC Smith, aber in aushaltbarer Dosierung. Schusswechsel, Faustkämpfe, Turbulenzen? Die gebrochene Nase des Assistenten Waters bleibt Höhepunkt des Blutvergießens. Cozy Crime, sagt man dazu, Wohlfühlkrimi.
Man darf sich Peter Grainger als älteren Herrn vorstellen, der ein Leben als Englischlehrer an weiterführenden Schulen geführt hat, ehe er mit dem Schreiben begann. Tatsächlich ist er 73 Jahre alt, heißt bürgerlich Robert Partridge und hat „An Accidental Death“ schon 2013 veröffentlicht – im Selbstverlag. Es war sein Sohn Matthew, der ihn überredete, auf die Ochsentour über Agenten und Verlagshäuser zu verzichten und es auf eigene Faust zu versuchen.
Das ging Peter Grainger, der von Dingen wie Internet, Facebook oder Audio-Books eingestandenermaßen keine Ahnung hat, zunächst mächtig gegen den Strich. Matthew richtete ihm alles Nötige ein.
„Und dann hast du dein Buch draußen“, erzählt Grainger, „und plötzlich siehst du: Oh, zwei haben gekauft. Das ist ja unglaublich!“
Aus zweien wurden zwanzig, bald zweihundert, und eines Tages stand er bei mehreren Tausend verkauften Büchern. Nach dem siebten Roman wurde ihm ein Audio-Book-Vertrag angeboten, was Grainger, wie es seine Art ist, widerstrebte. Doch die feinfühlige Einlesung des britischen Schauspielers Gildart Jackson verkaufte sich ein halbes Million Mal, und inzwischen prangt auf jedem Peter-Grainger-Krimi der Aufdruck: „The Million Copy Selling Series“. Ein Aufstieg aus dem Nichts. Sein amerikanischer Verlag „Union Square“ veröffentlicht dieser Tage Graingers bereits 17. DC Smith-Roman. Titel: „Some Sort of Justice“.
Bevor er DC Smith (und mit ihm sich selbst als Peter Grainger) zum Leben erweckte, hat sich Robert Partridge viel Zeit genommen, die großen Vorbilder der Polizeiromane zu studieren, präziser: Er hat die Zusammenfassungen berühmter Bücher gelesen. Dazu werden sicher auch William Krasners New-York-Romane gehören („Auf dunklen Straßen“ etc.), wo ein Captain Sam Birge mit profunder Menschenkenntnis brilliert (wie DC Smith), aber Probleme hat, seinen aufsässigen Assistenten Hagen im Zaum halten kann. Waters ist das schiere Gegenteil von Hagen.
Auch von Jesse Stone wird er gelesen haben, den Polizeichef des US-Ostküstenstädtchens Paradise. Der vielseitige Autor Robert B. Parker hat ihn als Einzelgänger konzipiert, der mit Gangstern leichter fertig wird als mit dem Stadtrat, dem seine Arbeitsweise missfällt, und der täglichen Pulle Whisky, seinem einzigen gleichwertigen Gegner. Jesse säuft, weil ihm seine Frau untreu geworden ist. DC Smith hat seine Frau durch Tod verloren, säuft aber nicht, sondern gedenkt ihrer mit einem sentimentalen Song: „Old Love“.
E. Morse schließlich, der vielleicht facettenreichste Detective Chief Inspector in der Geschichte der Polizeiromane, hat allzu oft nichts als den nächsten Pub im Sinn, doch scheint das gute englische Bier seine Genialität kaum zu beeinträchtigen. Colin Dexter, der Schöpfer von Morse, hat ihm einen leidensfähigen Assistenten zugesellt, Lewis mit Namen, der den Gedankensprüngen seines Chefs nie ganz folgen kann, ihn aber umso mehr verehrt. Graingers Waters mag gebildeter als Dexters Lewis sein, doch steckt nur halb so viel Leben in ihm.
Der Polizeidetektiv und sein Assistent. Ein weites Feld, das um manche Variante weiblicher Detektive und Assistentinnen bereichert werden könnte, was ausgerechnet im spröden deutschen „Tatort“-Fernsehen regelmäßig versucht wird, ohne dass bisher auch nur ein Pärchen eine glaubhafte innere Spannung aufgebaut hätte.
Es wird weitere Fälle mit DC Smith und Waters geben. Grainger hat, siehe oben, genug geschrieben, und dass ihre Zusammenarbeit von Disharmonie oder Alkohol beeinträchtigt würde, muss nicht befürchtet werden.
Peter Grainger: Ein unglücklicher Tod. Ein Fall für DC Smith, Diogenes Verlag, Zürich 2026, 272 Seiten, 18,00 Euro.
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