Wolfgang Behrendt, erster Olympiasieger der untergegangenen DDR – Nach Ihrem Finalsieg im Boxring der Olympischen Spielen 1956 wurden Sie von vielen in den Rang eines Idols erhoben, doch Sie selbst blieben als fairer Sportsmann mit Berliner Schnauze mit beiden Beinen auf dem Boden. Als Fotograf in der Sportabteilung des Neuen Deutschlands waren Sie ein stets zu Scherzen aufgelegter, geschätzter Kollege. Mit 90 Jahren sind Sie am 22. Juni von uns gegangen – als Letzter von einst acht Olympiasiegern aus der ersten gesamtdeutschen Mannschaft. Eine Aufnahme in die Hall of Fame des deutschen Sports blieb Ihnen bisher verwehrt. In einem Interview vermuteten Sie: „Offenbar stört es eben, dass ich für die DDR gewonnen habe. Wer weiß …“ Wir verneigen uns in Trauer.
Gianni Infantino, selbstherrlicher Patron des Weltfußballs – Nach Ihrem gescheiterten Investorendeal um die Fußball-Weltmeisterschaften droht Ihr Thron ins Wanken zu geraten. Da liegt der Gedanke nahe, dass Sie ihn durch ein Telefonat mit Ihrem Freund, dem ebenso selbstherrlichen Donald Trump, wieder hätten standfest machen wollen. Die New York Post will denn auch erfahren haben, dass Sie sich angesichts der Flut negativer Medienberichte „isoliert“ fühlen und nach „einflussreichen Verbündeten“ suchten, die Sie „öffentlich unterstützen.“ Selbstverständlich ließen Sie solches durch Ihre Medienabteilung umgehend dementieren: „Der FIFA-Präsident hat in den vergangenen Tagen weder den Präsidenten der Vereinigten Staaten noch ein Mitglied seiner Regierung angerufen. Das ist frei erfunden.“ Immerhin weiß man, dass Sie und Trump am Telefon schon so manches geregelt haben. Die Kabarettistin Lore Lorentz wusste: „Ein Dementi ist der verzweifelte Versuch, die Zahnpasta wieder in die Tube zu drücken.“
Jens Spahn, gekröntes Haupt im Kaiserreich der doppelten Moral – „Ich kenne die Weise, / ich kenne den Text, / ich kenn‘ auch die Herren Verfasser; / ich weiß, sie tranken heimlich Wein / und predigten öffentlich Wasser.“ So dichte einst Heinrich Heine, und seine Quintessenz gerann zur Metapher für Mitmenschen wie Sie. Heuchler: Sie haben die sogenannte Leihmutterschaft wiederholt öffentlich abgelehnt, privat jedoch davon Gebrauch gemacht.
Noch 2015 hatten Sie erklärt: „Als schwuler Mann und Christ kann ich mich persönlich nur sehr schwer mit der Idee eines gemieteten Mutterbauchs anfreunden.“ Das hat sich offenkundig seither gründlich gewandelt.
Allerdings: In Deutschland steht Leihmutterschaft unter Strafe. Bis zu drei Jahren Gefängnis droht etwa Ärzten, die bei einer Ersatzmutter eine künstliche Befruchtung vornehmen. Daher sind Sie mit Ihrem Mann in die USA ausgewichen, was laut Süddeutsche Zeitung, „gern mehr als hunderttausend Dollar“ gekostet haben könnte.
Besonders pikant: Als Ihre Partei, die CDU, auf ihrem jüngsten Konvent im Februar 2026 ihre Ablehnung der Leihmutterschaft erneuerte, war Ihr Nachwuchs bereits – mutmaßlich seit November 2025 – unterwegs. Und vor zwei Monaten ließen Sie sich zum Fraktionsvorsitzenden der Union im Bundestag wiederwählen. In beiden Fällen erwähnten Sie ihr anstehendes Elternglück mit keinem Wort.
Das hat Ihnen nun politisch das Genick gebrochen.
Sollte uns allen – was noch keineswegs ausgemacht ist (siehe in dieser Ausgabe unter Aus anderen Quellen den Beitrag von Moritz Eichhorn) – dadurch ein Bundeskanzler Jens Spahn erspart worden sein, wäre das ein weiterer Grund, Ihrem Sohnemann für seinen Lebensweg alles erdenklich Gute und möglichst wenig vom Charakter seines „Stiefvaters“ zu wünschen!
Bastian Ernst (MdB-CDU), seit unlängst (mit 39 Jahren jüngster) Präsident des Verbandes der Reservisten der Deutschen Bundeswehr – Das nimmt uns schon mal für Sie ein, dass Sie alten Idealen wie „Neue Besen kehren gut!“ offenbar ganz unbefangen entsprechen. Eine Ihrer quasi ersten Amtshandlungen war die Forderung, die Altersgrenze für Reservisten, die zum Kriegsdienst beordert werden können, auf 70 Jahre zu erhöhen.
Da sind wir ganz bei Ihnen, denn bekanntlich ist 70 das neue 50. Allerdings nicht das Ende der Fahnenstange: Generalfeldmarschall Blücher war 72, als er Napoleons Truppen bei Waterloo den Rest gab. Feldmarschall Graf von Radetzky hat zwar den gleichnamigen Marsch nicht komponiert, war aber 81, als er 1848 in der Ersten Schlacht von Custozza die Italiener besiegte. Und Enrico Dandolo, der als Befehlshaber der Venezianer während des vierten Kreuzzuges im April 1204 (das – holla! – christliche) Konstantinopel stürmen und plündern ließ, zählte 97 Lenze.
Da geht also in Sachen Reservisten nicht bloß noch was, sondern viel. Also legen Sie zügig nach!
Alexander Graf Lambsdorff, Diplomat – Dass Sie in Ihren drei gerade zu Ende gegangenen Jahren als deutscher Botschafter in Moskau dort praktisch keinen Fuß auf den Boden bekommen haben, und zwar keineswegs nur deshalb, weil Ihnen ohne Dolmetscher keine flüssige Konversation in der Landessprache möglich war, das pfiffen die Spatzen vom Kreml bis nach Berlin längst von den Dächern. Den Spiegel ließen Sie jetzt wissen, dass Sie vom russischen Außenministerium insgesamt fünfmal einbestellt worden sind, um offizielle Proteste entgegenzunehmen. Einer dieser Fälle gaben Sie so wieder:
„Im Oktober 2024 protestierte die russische Seite wegen eines neuen Stabes der Bundeswehr in Rostock. Man versuchte, das fälschlicherweise als Verstoß gegen den Zwei-plus-VierVertrag darzustellen […] Es war ein Vorwurf, der jeglicher Grundlage entbehrte.“
Da die interviewende Redakteurin dies durchgehen ließ, ohne nachzufragen, geschweige denn zu widersprechen, möchten wir unsererseits zumindest folgendes nachtragen:
Seitens der Bundeswehr verlautbarte zum sogenannten Commander Task Force Baltic in Rostock: „Der Stab ist ein nationales Hauptquartier mit multinationaler Besetzung. Er wird zunächst von einem deutschen Admiral geleitet. Die Position seines Stellvertreters wird zunächst von einem polnischen Offizier im Rang eines Flaggoffiziers besetzt, die des Stabschefs von einem schwedischen Stabsoffizier.“ Und: „13 Länder [alles NATO-Mitglieder – die Redaktion] nehmen teil, weitere sind willkommen.“
Im Zwei-plus-Vier-Vertrag ist für das Gebiet der damaligen DDR in Artikel 5, Absatz 3 festgelegt: „Ausländische Streitkräfte und Atomwaffen oder deren Träger werden in diesem Teil Deutschlands weder stationiert noch dorthin verlegt.“ Laut Vertrag gilt dies ohne zeitliche Begrenzung oder irgendwelche Ausnahmen.
Ihre Einlassung, werter Botschafter, erinnert uns an Karl Kraus: „Wie wird die Welt regiert und in den Krieg geführt? Diplomaten belügen Journalisten und glauben es, wenn sie‘s lesen.“
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