29. Jahrgang | Nummer 10 | 8. Juni 2026

„Der Sprung ins Helle“

von Hermann-Peter Eberlein

Unter diesem Titel hat Kurt Hiller im Jahre 1932 eine Sammlung eigener, bereits publizierter „Reden, offener Briefe, Zwiegespräche, Essays, Thesen und Pamphlete gegen Krieg, Klerus und Kapitalismus (so der Untertitel) aus den Jahren 1926 bis 1931 herausgebracht – ein Buch, dessen Auflage zum größten Teil vernichtet wurde und das nach dem Zweiten Weltkrieg nur in wenigen Bibliotheken auffindbar war. Rolf von Bockel hat dieses Hand- und Fußbuch des revolutionären Pazifismus im vergangenen Jahr faksimiliert neu herausgegeben und mit einer ausführlichen Einleitung versehen.

Unzufrieden mit den bis dahin formierten pazifistischen Richtungen gründete Hiller 1926 die „Gruppe Revolutionärer Pazifisten“. Deren Schriftführer Eugen M. Brehm hat das Konzept später im Kontrast zum radikalen Pazifismus auf den Punkt gebracht: „Letzterer vertrat in verschiedenen Varianten das Bekenntnis zur absoluten Gewaltlosigkeit, während der revolutionäre Pazifismus in gewissen Situationen für das Recht, ja sie Pflicht zum bewaffneten Aufstand und zum Präventivkrieg gegen ein diktatorisches, völkerrechtswidrig handelndes Regime eintrat.“

Diese Idee eines im Sozialismus gründenden Pazifismus spiegelt sich prägnant in dem einzigen Originalbeitrag von Hillers Buch, seinem Vorwort: „Es gibt keine isolierte, es gibt nur eine innerhalb der proletarischen Befreiungsbewegung wirkende Friedensbewegung, die Chancen hätte.“ Dementsprechend lautet die Hauptfrage: „Wie bringen wir die proletarische Befreiungsbewegung vorwärts, um ihrer selbst und um des Völkerfriedens willen; wie den Sozialismus zum Sieg? Die Antwort: Zunächst durch Zusammenschluß aller zielgleichen, aller sozialistisch gewillten, aller roten Kräfte.“ Wie schwierig das sein wird, ist dem Autor klar; daher seine über weite Passagen aggressive Sprache („Ich, das ist wahr, ich verletze […] und will verletzen; nämlich Die, die verdienen, nicht geschont zu werden. Es soll ihnen wehtun!“), seine wütende Polemik nicht nur gegen Kriegstreiber und Ausbeuter, sondern auch gegen solche Mitstreiter, die ihn verlassen, „um sich aus meiner Kälte und meiner Glut, denen sie nicht gewachsen sind, in das laue Klima eines liebenswürdigen, dogmenlos-unverbindlichen Intellektualismus zu retten, eines Esprits, der obendrein den Vorzug hat, das Gegenteil von ‚außenseiterisch‘ zu sein: weil er nicht nur niemanden verletzt, sondern sogar jedermann schmeckt.“

In der Tat: Hiller versteht sich als Außenseiter. Trotzdem bleibt er nicht allein: Zur „Gruppe Revolutionärer Pazifisten“ gehören auch Kurt Tucholsky, Walter Mehring und Ernst Toller. Als langjähriger Weltbühne-Autor genießt Hiller weite Reputation und korrespondiert zu Fragen des Pazifismus etwa mit Albert Einstein und Klaus Mann. In der Weltbühne sind übrigens achtzehn der dreißig in diesem Band versammelten Beiträge zuerst erschienen; Rolf von Bockel hat in seiner Einleitung akribisch die Orte der jeweiligen Erstveröffentlichungen nachgewiesen. Auf der Grundlage von Hillers Broschüre „Selbstkritik links! Über die Ursachen des nationalsozialistischen Erfolges“ hat er zudem die zeitgenössischen Besprechungen zusammengestellt, darunter solche von Walter Benjamin unter dem Titel „Der Irrtum des Aktivismus“, Max Brod („Der Sprung in den Geist“) und Helene Stöcker, deren Rezension aus Die Neue Generation im Anschluss an die Aufstellung noch einmal nachgedruckt erscheint. Sigmund Freud und Romain Rolland haben sich in Briefen an den Autor zu seinem Buch geäußert.

Den Titel zu seinem Sammelband hat Kurt Hiller in Anlehnung an eine Formulierung von Friedrich Engels aus dem „Anti-Dühring“ gewählt („Es ist der Sprung der Menschheit aus dem Reich der Notwendigkeit in das Reich der Freiheit“) und damit ein Bekenntnis zum Sozialismus abgelegt.

In seiner knapp hundertseitigen Einführung weist Rolf von Bockel auf diesen Bezug ebenso hin, wie er das weitere Schicksal des Buches beleuchtet. Den Hauptteil der Einführung macht allerdings eine Einordnung Hillers und des Revolutionären Pazifismus in das Spektrum der organisierten Friedensbewegung im Deutschland der Zwanziger Jahre aus – und dieser Teil ist ungemein erhellend, vor allem, wenn man von Bockels Dissertation „Kurt Hiller und die Gruppe Revolutionärer Pazifisten (1926-1933). Ein Beitrag zur Geschichte der Friedensbewegung und der Szene linker Intellektueller in der Weimarer Republik“, zuerst 1990 erschienen, nicht gelesen hat.

Da wird Hiller zwischen den verschiedenen Spielarten des deutschen Pazifismus positioniert – ethischen, organisatorischen, radikalen –, zwischen der Deutschen Friedensgesellschaft und dem im Dezember 1921 ins Leben gerufenen Deutschen Friedenskartell. Ohne diese Einführung wären mir die Abgrenzungen, Anspielungen und Polemiken im Text von Hillers Buch über weite Strecken unverständlich geblieben.

Die Neuausgabe dieses Werkes ist in der gegenwärtigen politischen Situation ungemein wichtig. So verschieden die derzeitige Weltlage gegenüber der von vor hundert Jahren ist, so disparat die verschiedenen Teile des Bandes auch sein mögen: Überall wirft der Autor Fragen auf, die in einer Atmosphäre medial aufgepeitschter Ängste und Bedrohungsszenarien, angesichts einer sich immer mehr beschleunigenden Militarisierung der Geister wie der Gesellschaft und mit Blick auf die Schamlosigkeit, mit der sich der militärisch-industrielle Komplex wieder einmal hemmungslos bereichert, in der Öffentlichkeit kaum noch einen Platz finden.

Und wenn auch der Leserkreis dieser Neuauflage beschränkt bleiben wird, wenn ich mich auch persönlich gegen Hiller auf die Seite des Radikalen Pazifismus schlagen würde – dem Diktum des großen Erasmus folgend, dass der gerechteste Krieg schlimmer sei als der ungerechteste Friede –, so kann ich Rolf von Bockel für die Wiederentdeckung von Hillers Buch nur herzlich danken.

Kurt Hiller: Der Sprung ins Helle. Reden, offene Briefe, Zwiegespräche, Essays, Thesen, Pamphlete gegen Krieg, Klerus und Kapitalismus. Hrsg. von Rolf von Bockel, von Bockel Verlag, Neumünster 2025, 496 Seiten, 29,80 Euro.