Die Kriegstüchtigkeitsprediger hierzulande – mit Deutschlands weiterhin beliebtestem Politiker Boris Pistorius, auch Bundesverteidigungsminister, an der Spitze (Stand: Ende Oktober 2026) – werden nicht müde, für das Jahr 2029 oder etwas später das Menetekel eines russischen Angriffs gegen NATO-Territorium an die Wand zu malen und damit die angeschobene Hochrüstung und Durchmilitarisierung der deutschen Gesellschaft zu rechtfertigen.
Allein der sogenannte Einzelplan 14, der Etat des Bundesverteidigungsministeriums (also ohne die Sicherheitsausgaben in anderen Ressorthaushalten), wird von etwa 50 Milliarden Euro 2022 auf knapp 184 Milliarden 2030 gepuscht. Die Marschrichtung hat dabei Bundeskanzler Friedrich Merz höchstselbst vorgegeben, als er am 14. Mai 2025 in seiner ersten Regierungserklärung im Bundestag tönte: Die Bundeswehr solle „konventionell zur stärksten Armee Europas […] werden“.
Besonders eifrig im propagandistischen Begleitensemble dabei sind etliche aktive Bundeswehrgenerale (siehe Blättchen 10/2025 [1]). Medienberichten zufolge hat Generalleutnant Alexander Sollfrank, seit Oktober 2024 Befehlshaber des Operativen Führungskommandos der Bundeswehr, gerade erst wieder orakelt, ein russischer Angriff auf das NATO-Bündnisgebiet sei „sehr, sehr realistisch“. (Doch auch die Politico-Reporterin Rixa Fürsen, die ein längeres Gespräch mit Sollfrank führte, fragte nicht nach, womit Moskau nach seinen immensen Verlusten im Ukraine-Krieg – siehe dazu unter anderem Blättchen 23/2024 [2] und 7/2025 [3] – eigentlich angreifen sollte.)
Mindestens einer allerdings scheint den Schuss partout nicht hören zu wollen – Alexus Grynkewich, US-Viersternegeneral und Supreme Allied Commander Europe (SACEUR), also der Oberbefehlshaber der NATO-Streitkräfte in Europa. Grynkewich hatte am 13. Oktober 2026 beim diesjährigen Warsaw Security Forum einen 14-minütigen Auftritt. „Aber der hatte es in sich“, wie die Welt vermerkte. Der US-General erläuterte, wozu die unter seinem Kommando stehenden NATO-Streitkräfte in ihrer derzeitigen Stärke und Einsatzbereitschaft im Falle eines Angriffs durch Russland quasi aus dem Stand in der Lage wären: „Um den Angriff abzuwehren, werden unsere Landstreitkräfte vorrücken und jeden feindlichen Angriff am Kontaktpunkt dominieren. […] Unsere Luft- und Seestreitkräfte werden in Abstimmung mit unseren Weltraum- und Cyberkräften rasch Manövrierfreiheit erlangen. […] Im Anschluss an diese anfängliche Abwehr werden wir alle laufenden oder nachfolgenden Offensivaktionen gegen uns abwehren. […] Sollte der Gegner beschließen, den Angriff fortzusetzen oder seine Reserven einzusetzen, werden wir das gegen uns eingesetzte Kriegsführungssystem zerschlagen. Dies umfasst nicht nur die angreifende Streitmacht selbst, sondern alles, was diese Streitmacht unterstützt, versorgt oder kontrolliert.“
Seinen Ausführungen vorangestellt hatte der General allerdings folgendes Statement: „Ich gehe nicht davon aus, dass ein Konflikt unmittelbar bevorsteht oder unvermeidbar ist.“
In einem Interview, das Grynkewich (gemeinsam mit dem Generalinspekteur der Bundeswehr, Carsten Breuer) dem Spiegel gab und das in dessen Ausgabe 43 vom 16. Oktober 2026 erschienen ist, legte der SACEUR nach.
Einleitend bemühte sich das Magazin vergeblich, die Gesprächstemperatur „vorzuglühen“. Ob der Amerikaner angesichts der Spannungslage zwischen der NATO und Russland „noch gut schlafen“ könne? Grynkewich: „Ich schlafe ziemlich gut […].“ Zweiter Versuch, Spiegel: „Wie oft muss Ihr Stab Sie nachts aufwecken?“ Grynkewich: „Mein Team muss mich nicht wecken […].“ Dritter Versuch: „Martin Jäger, der Präsident des Bundesnachrichtendienstes, hat die russischen Aktionen [wie etwa den Drohnenzwischenfall auf dem Leipziger Flughafen, für den für eine russische Beteiligung jedoch bisher keinerlei Beweise präsentiert worden sind – S.] kürzlich als ‚Schattenkrieg‘ bezeichnet. Passt der Begriff?“ Grynkewich: „Als Militär bleibe ich bei den operativen Begriffen. Wir müssen die Dinge beim Namen nennen: Sabotage, Brandstiftung oder Terrorattacken sind präzise Begriffe, es gibt klare Antworten darauf. Das hybride Angriffe zu nennen, ist mir zu vage.“
Anschließend hat der US-General seine Warschauer Darstellung wiederholt und dabei auf die Formel gebracht, die NATO sei an ihrer Ostflanke in der Lage, jeden russischen Angriff „to block, to blunt and to break“ („zu blockieren, abzuschwächen und zu brechen“). Auf Nachfrage des Spiegels („Ist die NATO Russland wirklich militärisch überlegen?“) erläuterte Grynkewich die Gründe für seine militärische Zuversicht: „In einem echten Krieg, wenn die ganze Allianz antritt, ist die NATO Russland konventionell überlegen. Moskau verfügt nicht über moderne F-35-Kampfjets, nicht über die Masse an modernen Zerstörern oder U-Booten, die wir haben. Unsere militärischen Fähigkeiten, die wir in einem Großkonflikt zum Einsatz bringen würden, übertreffen die Moskaus bei Weitem.“ (Damit hat der Amerikaner Moskau allerdings kein Geheimnis verraten. Präsident Putin am 1. Oktober 2026 vor dem Waldai-Club: Man sei sich im klaren darüber, „dass wir es mit einem Gegner zu tun haben werden, der zahlenmäßig doppelt so stark ist wie wir“. Da werde man im Falle des Falles seinen „Wettbewerbsvorteil“ – gemeint sind die russischen Atomwaffen – nutzen müssen.)
Auch gegenüber dem Spiegel äußerte sich der US-Amerikaner im Übrigen überzeugt: „Ich bin mir sicher, dass Russland keinen groß angelegten konventionellen Angriff auf Europa starten wird.“ Und im Hinblick auf die aktuellen Spannungen um Kaliningrad (siehe Blättchen 17/2026 [4]) äußerte Grynkewich: „Wir sind eine Verteidigungsallianz, wir agieren nur, wenn wir angegriffen werden. Also muss sich Russland keine Sorgen um Kaliningrad machen.“
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Wer angesichts der von SACEUR bestätigten allgemeinen konventionellen Unterlegenheit Moskaus gegenüber der NATO – die bei Bedarf durch die Military Balance des Londoner International Institute for Strategic Studies (IISS), die jährliche Bestandsaufnahme der weltweiten Militärpotenziale, problemlos zu quantifizieren wäre – das militärische Kräfteverhältnis zu Moskau durch angestrengte Hochrüstung systematisch weiter zu seinen Gunsten verschieben will, der muss sich (nicht nur in Deutschland) die Frage nach seinen wirklichen Absichten gestatten lassen. Denn die bloße Sicherung eigener Verteidigungsfähigkeit kommt als glaubhafte Antwort ja nicht wirklich infrage.
Damit setzt sich das insistierende Streben nach Kriegstüchtigkeit von Pistorius und seiner Entourage, das von der Führung der SPD, den Unionsparteien und den Grünen sowie den selbst ernannten deutschen Qualitätsmedien in Permanenz und überwiegend hurrapatriotisch mit befeuert wird, dem Verdacht aus, bei einem nächsten Waffengang gegen Russland doch noch siegreich zu Ende bringen zu wollen, was 1914 bis 1918 sowie ab dem 22. Juni 1941 mit jeweils katastrophalen Folgen nicht gelang.
Wer allerdings solche Erwägungen gegenüber der weltgrößten Atommacht tatsächlich hegte, müsste sich nicht einmal mehr fragen lassen, ob er noch bei Troste sei. Die Frage wäre beantwortet …