26. Jahrgang | Nummer 17 | 12. Oktober 2026

Klassisches Liebesgedicht

von Henry-Martin Klemt

Ein Lächeln schaukelte
auf deinen Lippen, mal
war es zu sehen, mal
verschwand es. Aber dann
waren der Himmel da und das
tropfende Laub der Platane,
eine Pfütze, auf der die
dünnhäutigen Illusionen
zerplatzten, und eine Laterne
schwamm zwischen Zauberringen,
die dehnten sich aus über den
Rand des Universums. Am
Rand der Pfütze stand ein
übergewichtiger Pudel mit
schlabbernder Zunge und
ein schwarzer Kater strich
am Fachwerk entlang. Uns
juckte das Fell an diesem
Abend in der Fischerstraße
(oder Rybakowa). Ich hätte dich
fragen können: Wie hältst du es
mit Teufel, Tod und Leben aus,
wenn die Straßenbahnen sich
in der Vorstadt verirren und einfach
stehen bleiben, weil sich die
Schienen plötzlich kreuzen in der
märkischen Unendlichkeit. Alle
Warteschleifen hatten Doppelknoten,
doch es rollte kein Kopf, es sank
kein überladener Kahn. In der Pfütze
brannte noch Licht. Wir waren
auf dem Sprung, gerichtet,
gerettet, glaubten weder Chören
noch Claqueuren. Wir waren
wie Hund und Katze, Pfote an
Pfote. Dein Lächeln schaukelte
noch immer. Unverhofft kamen
unter und über uns die ersten
Sterne hervor.

(September 2026)