Im Zweifelsfall ist Künstliche Intelligenz (KI) nutzbar für beides, für Vernunft oder Vergnügen, für Aufklärung oder Verklärung, für Einsicht oder Verzerrung, für Kontrolle oder Verwirrung. Sie blickt nach vorne und speist sich doch aus der Vergangenheit. Der römische Gott Janus steht für den Übergang, überall dort wo etwas beginnt und etwas endet. Er muss diese Doppelperspektive haben, um sich zu orientieren.
Janus ist die mythologische Form der Ambivalenz.
Übrigens war jeglicher technologische Fortschritt in der Zivilisationsgeschichte ambivalent. Faustkeil und Hammer dienten als Werkzeuge ebenso wie als Mordgeräte, das Dynamit diente der Sprengung von Tunneln ebenso wie der Zerstörung von Schutzräumen, die Beherrschung der thermonuklearen Reaktion diente der Energiegewinnung wie der Ausrottung ganzer Zivilisationen.
In diesem Sinn kann KI unsere Vernunft beflügeln und sie zugleich in einen Sinkflug versetzen. Und doch ist die Ambivalenz in diesem Fall noch dramatischer als in der Geschichte zuvor. Warum?
Dem Verständnis oder Unverständnis von KI liegt ein tiefes epistemisches Dilemma zugrunde. Das Alltagswissen – der „gesunde Menschenverstand“, die oberflächliche Beschreibung der Dinge (Deskription) – drängt sich uns spontan auf, da es die elementare Voraussetzung unserer Orientierung darstellt und sehr nahe an unserer sinnlichen Wahrnehmung liegt. Es ist Wissen, das direkt korrespondiert mit Wahrnehmung und Beobachtung. Dazu gehören solche Aussagen wie: „Die Milch wird sauer, wenn sie zu lange im Warmen steht“ – „Wenn es kalt ist, sollte man sich wärmer anziehen.“ Für Beobachtungswissen über einfache Zusammenhänge sind keine Kenntnisse physikalischer oder chemischer Gesetzmäßigkeiten vonnöten. Fakten werden konstatiert, ohne die ihnen zugrunde liegenden Prozesse zu klären und sich den Fragen des „warum“ zu stellen. Häufig reicht das in der begrenzten Welt der vier Wände aus. Bedenklich wird es erst, wenn diese Welt verlassen wird oder die große weite Welt in die eigenen vier Wände eindringt. Dann ist Vernunft gefragt, aber die kommt nicht allein aus der KI, die kann nur vom Anwender ausgehen und im Resonanzraum mit KI gestärkt werden. Fehlt es dem User an Vernunft, multipliziert KI nur Schlichtheit und Begrenztheit ihrer Anwender.
Die Gefahr des Sinkflugs der Vernunft bei bedenkenloser Nutzung der KI- Werkzeuge, basiert auf drei objektiven Wirkprinzipien.
– Erstens: „Die bequemsten Absichten sind statistisch dominant.“ Was die Menschen am häufigsten tun, nämlich mit ihren Fragen an der Oberfläche „plätschern“, prägt die KI am stärksten. Kognitive Bequemlichkeit wird statistisch repräsentativ.
– Zweitens: „Die systemischen Absichten der Eigentümer und Hersteller der Tools sind ökonomisch dominant.“ Was Plattformen, Märkte und Institutionen belohnen, prägt die KI. Das sind solche Faktoren wie Aufmerksamkeit maximieren, Klicks steigern, Verweildauer erhöhen, Werbung positionieren. Das alles wirkt stärker als der individuelle Nutzen für den Anwender. Die Absichten des ökonomischen Eigentümers und Betreibers sind ökonomisch dominant, weil sie das Geschäftsmodell tragen.
– Drittens: „Die trivialen Absichten sind kulturell dominant.“ Was kulturell verbreitet ist, prägt die KI stärker als das, was kulturell anspruchsvoll ist. Masse – oder der „kleinste gemeinsame Nenner“ – neigt zum Nivellieren aller Besonderheiten. Die Gefahr der Reproduktion von Echoräumen ist objektiv gegeben. Jede Rückkopplung kann auch Schwachstellen bis hin zum Schwachsinn verstärken.
Dieser leichte Weg ist zugleich der ökonomischste und damit der am meisten verbreitete. Wäre das nicht Grund genug, KI eher zu bekämpfen und es den Maschinenstürmern gleichzutun? Ist KI damit nicht eher der Schlussstein der zivilisatorischen Entwicklung, wie auch viele Linke es glauben?
Oh nein – denn der leichteste Weg ist selten der erfolgreichste.
Hier liegt das epistemische Dilemma. Komplexe Systeme benötigen Erkenntnisse, die über die bloße Beobachtung des Sichtbaren hinausgehen. Ursachen können ganz verschiedene Wirkungen hervorrufen, Gesetzesaussagen benötigen die Angabe der Bedingungen, unter denen sie wirken. Die meisten mathematischen Zusammenhänge sind höchst abstrakt und erschließen sich nur schwerlich den Sinnen. Die Statik einer Brücke oder der Vortrieb eines Propellers kann zwar experimentell getestet, aber nicht sinnlich begründet werden. Da heutige Entscheidungen die Lebenswirklichkeit auf Jahre, Jahrzehnte, Jahrhunderte beeinflussen werden, müssen wir mehr und mehr unsere Fähigkeit zur Folgeabschätzung entwickeln. Das strengt an, das ist nicht bequem, das verlangt Energie und Opfer.
Das Dilemma hat eine tausendjährige Geschichte. Stellvertretend für vieles steht der germanische Mythos von Odin als Gott der Weisheit, der bereit war, für das Erlangen von Weisheit das teuerste zu opfern, was er besaß, sein Augenlicht.
Interessant ist, dass es in der Welt der Götter und Mythen keinen Gegenpart gibt. Sicherlich deshalb, weil der Gegenentwurf nicht erstrebenswert ist und weil sich Bequemlichkeit, Lethargie und fehlende Opferbereitschaft ganz allein, eben spontan durchsetzen. Vereinzelt gibt es den Typus des Gegenentwurfs als literarische Gestalt, so den Zauberlehrling bei Goethe. Er wollte Meisterschaft ohne Anstrengung, Erfolg ohne Einsatz, Wissen ohne Mühe. Der Zauberlehrling kommt Odin als Gegenentwurf sehr nah. Er steht als Homo lethargos, als Dämon für Bequemlichkeit, Beliebigkeit, passive Konsumtion und Lethargie.
Das epistemische Dilemma wird heute noch durch das technologische und politökonomische Dilemma verschärft. Die technologische Entwicklung der Informationsgesellschaft begünstigt Verzerrungen, Illusionen, Selbstbetrug und vor allem Bluff. Erfahrungsloses Wissen, Wissen aus zweiter Hand und die unglaubliche Verweildauer in den digitalen Medien lassen die Konsumenten sich mehr und mehr von der realen Welt entfernen. Auch die politökonomischen Faktoren einer brutalen Welt der Konkurrenz, der wechselseitigen Verdrängung befördern den Bluff. Wenn Marketing-Ausgaben der meisten Firmen schon heute die Forschungsausgaben überschreiten, dann ist damit belegt, dass der „Schein“ wichtiger ist als das „Sein“.
Damit steht der Homo lethargos für einen neuen Zivilisationstyp der Moderne.
Dieser Dämon steht für ein System, das Rechte vorgaukelt, ohne Pflichten zu fordern, für ein System, das Einkommen ermöglicht, ohne zu arbeiten, wo Status ohne Leistung möglich ist und damit der Wissenserwerb ohne Opfer für möglich gehalten wird. Weisheit zum Nulltarif – das ist der heilige Gral digitaler Träume.
Der Drahtseilakt bestehen darin, dass KI die genannten Dilemmata noch verstärkt. Das größte Dilemma ist die Asymmetrie von Vernunft und Vergnügen.
Das Vergnügen setzt sich spontan, unbewusst, „hinter dem Rücken“ durch. Die Vernunft benötigt eine bewusste Entscheidung. Odin ging nicht einfach ein Auge verloren, sondern vor die Wahl des Opfers gestellt, entschied er sich bewusst, da er „Verstehen“ als nützlicher empfand als „Sehen“.
Auch das Verstehen ist kein automatischer Prozess, sondern eine bewusste, opferreiche Entscheidung, die als Multiplikator Mühe produktiver, Tiefe zugänglicher, Erkenntnis schneller und Denken kollaborativ macht. Nur so verkommt KI nicht zum Konsumspielzeug, sondern entwickelt sich zum Zivilisationsmotor. Was mich zuversichtlich stimmt im Glauben an einen Odin der Neuzeit, ist die Gewissheit, dass Mühen einen evolutionären Vorteil besitzen, dass kulturelle Tiefe eine weitaus größere „Halbwertzeit“ besitzt, dass nur Kreativität Neues hervorbringt, dass immer Minderheiten die Entwicklung angestoßen haben
Fazit: KI ist kein Werkzeug, das uns zur Vernunft führt. KI ist ein Werkzeug, das uns eher verführt. Es sei denn, wir führen. Es liegt an uns, nicht an der Technologie.
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Schlagwörter: KI, Maschinenstürmer, Michael Geiger, Odin, Vernunft, Verstehen

