29. Jahrgang | Nummer 8 | 27. April 2026

Aus dem Carolabrückenland

von Dieter Kalka

NONSENSIBLE REALITÄT

 

Man braucht Traumvernebler,

um Träume zu verstehen,

man braucht Beelzebubs,

die aussehn wie Feen

und Faktenchecker,

um Fakten zu verdrehen.

 

Die weiße Fahne reicht,

um zu siegen,

eine Schaufel,

um auf den Mond zu fliegen

und Faktenchecker,

um Fakten zu verdrehen.

 

Man braucht eine Kirche,

um auszutreten,

einen Hammer,

um das Vaterunser zu beten

und Faktenchecker,

um Fakten zu verdrehen.

 

Man braucht ein Buch,

um Feuer zu machen.

Man muss sehr traurig sein,

um richtig zu lachen

und Faktenchecker,

um Fakten zu verdrehen.

 

Man braucht den Morgenwecker,

um länger zu schlafen

fürs Fremdgehn

den sicheren Ehehafen

und Faktenchecker,

um Fakten zu verdrehen.

 

Man braucht die Wahrheit,

um besser zu lügen,

Mathematik,

um perfekt zu betrügen

und Faktenchecker,

um Fakten zu verdrehen.

 

CAROLABRÜCKE

 

Auch wir in Leipzig haben ’ne Carolabrücke,

dieselbe List, die gleiche Tücke.

Von oben betrachtet, ist sie fein.

Aber heimlich stürzt sie unten ein.

 

Wir leben im Carolabrückenland.

 

Doch die Leipziger haben, sie sind gescheit,

vierhundert Stützen drunter gerammt,

aus Holz oder Eisen, das verleiht

dem Bauwerk noch paar Tage Bestand.

 

Wir leben im Carolabrückenland.

 

Doch irgendwann machen auch die Stützen flutsch,

über der Elbe war’s so, auch an der Pleiße

geht die Brücke bald baden und ist futsch.

Wer grad drüberfährt, landet in der Schei…

 

Wir leben im Carolabrückenland.

 

Das Brückenbauen haben wir verlernt

und das Beten müssen wir üben,

dass die Hoffnung uns das Herzl wärmt.

Ich fuhr grad’ sehr langsam. Bin jetzt mal drüben.

 

Wir leben im Carolabrückenland.

 

Doch ich hab beim Hexlein ’ne Kerze bestellt

und gab ihr als Trinkgeld reichlich.

Was für ein Land! Was für ’ne Welt!

Auf die Hex’ ist Verlass, unausweichlich.

Wir leben im Carolabrückenland.

 

DIE NATIONALHYMNE VOM BISSCHENLAND

 

Ein bisschen Grundgesetz,

ein bisschen Freiheit schon,

ein bisschen Wohlstand noch,

ein bisschen Arbeitslohn.

 

Ein bisschen Grundgesetz,

Hausdurchsuchung kommt,

ein bisschen Heizumbau,

ein bisschen an die Front.

 

Ein bisschen Grundgesetz,

Rechtsstaatlichkeit, naja,

und Meinung, warum nicht,

aber nur so lala.

 

Ein bisschen Grundgesetz

ein bisschen Auto fahrn,

ein bisschen impfen mehr,

ein bisschen Fehlalarm.

 

Ein bisschen Grundgesetz,

ein bisschen Stromausfall,

ein bisschen Klimaangst,

ein bisschen, ach ja: Wahl?

 

Ein bisschen Grundgesetz,

ein bisschen deutsches Land

ein bisschen Fähnchen und

das Köpfchen in den Sand!

 

Ein bisschen Grundgesetz,

ein bisschen Apartheid auch.

Solang es was zu fressen gibt,

schaukelt man den Bauch.

Dieter Kalka, geboren 1957 in Altenburg, Schriftsteller, Liedermacher, Dramatiker, lebt in Leipzig und Meuselwitz.

Zuletzt: Noteingang. Lieder 1979-2026, AndreBuchVerlag, Edition Beulenspiegel.