29. Jahrgang | Nummer 5 | 9. März 2026

Tucholsky, Adorno und der Vorentscheid zum ESC

von Thomas Heyn

Es ist möglicherweise ein bisschen ungehörig, ausgerechnet im Blättchen über den deutschen Vorentscheid zum European Song Contest (ESC) 2026 in Wien schreiben zu wollen. Aber da das Blättchen eine Zweiwochenschrift nicht nur für Kunst, sondern auch und vielleicht sogar vor allem für Politik und Wirtschaft ist und beides bei Veranstaltungen dieser Art eine erhebliche Rolle spielt, will ich es dennoch versuchen. Eine Ermutigung der Redaktion liegt vor.

Seit mir Professor Sachsenweger, mein Augenarzt an der Uni zu Leipzig, im ersten Studienjahr Musik 1974 sagte, es sei sinnlos, Streichquartette und Sinfonien zu komponieren, ich möge mich um den Schlager kümmern, pflege ich eine intensive Liebe-Hass-Beziehung (und zwar in der genannten Reihenfolge) zu diesem Genre. Verstärkt wird diese masochistische Neigung durch eine langjährige Prägung als Lektor in einem großen Berliner Musikverlag, in welchem mein damaliger Chef und Verlagseigentümer die Regel ausgeben hatte: Was Heyn gefällt, veröffentlichen wir nicht. Natürlich hatte er damit recht. Denn was Heyn nicht gefiel, konnte er palettenweise verkaufen und damit auch mein bescheidenes Salär bestreiten.

In den letzten Jahren hinzugekommen ist ein kleines Spiel mit dem Enkelkind: Wir wetten per Mail-Chat, was die Leute wohl wählen werden. Der Enkel entscheidet nach seinem Geschmack und liegt erstaunlich oft richtig; ich entscheide nach selbstgebastelten massenpsychologischen Mutmaßungen, was den Leuten gefallen könnte, und liege beinahe immer falsch.

Volle drei Stunden setzte die ARD dieses Mal für die neun Songs an. Der SWR, der innerhalb der ARD die ESC-Verantwortung vom NDR übernommen hat, konnte offenbar gar nicht anders, als eine kaugummiartig-endlose Show im Stil von „Deutschland sucht den Superstar“ zu präsentieren, die zwischen den Liedern nichts als ermüdendes Talk-Geplapper und etliche unnötige Einspieler bereithielt.

Moderiert wurde das deutsche Finale 2026 einmal mehr von Barbara Schöneberger, die diesmal allerdings Hazel Brugger, eine in ihrem übrigen Künstlerleben keineswegs unbegabte Comedian, an die Seite bekam.

Frau Schöneberger, gewanded in schwarzes Leder, die innerhalb der Sendung auch mal ein Solo auf der Rockgitarre performte und dabei alle Attribute und Macken ehemals berühmter „richtiger“ Musiker imitierte, wirkte gleichwohl wie Brünnhilde, die walkürenhafte Zentralfigur aus Wagners Operntetralogie „Der Ring des Nibelungen“. Siegende wie sterbende Helden (beim ESC: die Interpreten) werden da rasch zu Beiwerk.

Als wir Barbara Schöneberger in ihrer bekannt dominanten, überdrehten Nervensäge- Dauermoderation fünf Minuten erduldet hatten, schalteten wir auf Klassik um und hörten Beethovens Violinkonzert. Nach zwanzig Minuten war Schönberger immer noch am Reden, und ich erinnerte mich an folgende Zeile eines ihrer Songs: „Gibt‘s das auch in groß, gibt‘s das auch in laut?“ Knopfdruck: Beethoven, Sinfonie. 50 Minuten später wurden die zahlreichen Jurymitglieder einzeln befragt, das reichte für zwei weitere Sätze der Beethoven-Sinfonie.

Schönbergers Kollegin Brugger, gekleidet in einen schwarzen Herrenanzug, sollte wohl das „männliche“ Gegengewicht verkörpern. Wir sahen sie kurz bei dem Versuch, Bela, den ersten Ausscheid-Teilnehmer zu interviewen. Sie stellte ihm eine Frage, um ihm dann das Mikro vor der Nase wegzunehmen und ihn anzuweisen, er solle sich jetzt setzen und chillen.

Als die beiden Moderatorinnen später eng aneinandergerückt in ein Mikro sprachen, sagte Schöneberger: „Zwei Frauen, die sich näherkommen: Das möchten die Zuschauer im Hauptprogramm sehen.“ Brugger: „Sonst gibt es ja auch keinen Grund, warum zwei Frauen im Fernsehen moderieren sollten.“ Schöneberger zwinkert: „Nächstes Jahr moderieren wieder zwei Männer.“ Zum Glück lief die Beethoven-Sinfonie noch, und wir hörten den schwungvollen vierten Satz.

Nach über einer Stunde erklang das erste Lied! Bela eröffnete. Der Rhythmus war der aller modernen Pop-Songs: ein bisschen Diskobeat, ein bisschen Salsa, ein bisschen Polka und ein bisschen Milonga. Man erinnere sich an „Macarena“ oder „Weil ich ein Mädchen bin“ und weiß, was gemeint ist. Wir Musiker nennen diesen leicht zu spielenden Rhythmus „Hoppel-Fox“, weil er immer funktioniert und auf jeden Song passt. Die Nummer von Bela hieß übrigens „Herz“, aber Herz kam kaum vor. Auf YouTube hatte der junge Mann verkündet, er wolle Leichtigkeit, Mut und Hoffnung verbreiten. Das war gewiss gut gemeint, aber wir befanden uns in einem nationalen Gesangswettbewerb. Dafür reichte es vorn und hinten nicht.

Wie ging es weiter?

  • Dreamboys The Band, das sind – wie könnte es anders sein – vier junge Frauen, die aber gut singen können. Und ihr Lied „Jeanie“ klingt nett nach den Soul-CDs der siebziger bis neunziger Jahre. Das Lied ist entspannt, aber ereignislos. Auf einer kleinen Bühne im Indie-Club funktioniert das sicherlich gut. Die Künstlerinnen lassen uns dazu auf YouTube Folgendes wissen: „Unsere Messages sind, dass man seine eigenen Stärken nicht unterschätzen sollte.“
  • Myle setzt mit „A OK“ auf große Gefühle, die aber klein und ziellos rüberkommen. Es fehlt (wie, um vozugreifen, in jedem Song dieser Veranstaltung) eine Skalierung, was man früher Steigerung nannte. Der Sänger: „Mit A OK habe ich einen Song geschrieben, dass irgendwie alles A OK ist. Ein riesiger Chorus [??? – T.H.] und einfach Mut machend.“ Immerhin ließ sich die Schöneberger den müden Witz nicht entgehen, dass es nun endlich einen Song über die AOK gebe und dass dies doch überfällig gewesen wäre.
  • „Spaß aus Deutschland“ wollen Ragazzki mit ihrem Gute Laune-Mix aus Italo-Disco und Polska-Polka verbreiten, ein „bisschen dancen und einfach eine schöne Zeit haben“. Sie tanzen durch das Neonlicht und rufen dutzende Male Ciao, Ciao, Ciao. Weiter passiert nichts. (Doch der Saal tobt. Was rauchen die denn alle?)
  • „Wonderland“ von Laura Nahr aus Magdeburg klingt genau so modern und poppig wie alles an diesem Abend. Richtig hängen bleibt von all dem Gezappel nichts außer nervöser Unruhe. Ihre Botschaft lautet, dass sie noch nicht das Gefühl hat, erwachsen zu sein. Das stimmt.
  • Malou Lovis erzählt in ihrem Song eine Liebesgeschichte zwischen zwei Frauen. Sie selbst spricht auf YouTube davon, dass es „schön ist, wenn man eine Person findet, die einen zu einer noch cooleren Version von sich selber macht.“ (Gibt es eigentlich keine Redakteure mehr, die Statements dieser Art vorher mal durchlesen? Oder ist das gar ein Autorentext, den die Sängerin da aufsagen musste wie ein Schulgedicht?)
  • Wavvyboi mit Frauenperücke aus Liechtenstein ist natürlich anders. Wir hatten schon darauf gewartet. Irgendwer muss schließlich anders sein. Die Windmaschine wirbelt und die Gitarre wimmert und rödelt. Der Sänger verlautbarte vorab: „Ich mache Musik, die viel Gitarren hat, und möchte mit dem Song zeigen, dass es ok ist, dass wir anders sind.“ Ja, es ist natürlich ok, liebe Anders-Seienden. Der Song ist übrigens auch ganz ok.
  • Sarah Engels schließlich, die Siegerin des desaströsen Abends, ist ein Vollprofi und kann singen. Sie kündigte an, sie wolle „um ihr Leben performen“, und präsentierte ihren Song „Fire“ vor lodernden Flammen. Allerdings erinnern die Harmonien ihres Liedes doch sehr an „Englishman in New York“ von Sting oder „Rolling in the Deep“ von Adele.

Bei Engels, aber auch bei allen anderen Beiträgen besonders deutlich wird, dass musikalische Fachleute nicht mehr einbezogen werden. Es gibt keine wirklichen Komponisten mehr, die Abwechslung erzeugen oder Steigerungen bauen können, denen Melodien einfallen – nachsingbare, merkfähige Melodien. Und die vielleicht eine kleine Gegenstimme, ein Echo, eine Reminiszenz einzufügen vermögen. Es gibt auch keine Arrangeure mehr, die ein Vorspiel zustandebringen oder ein paar Saxophontöne, einen Streicherteppich, ein Keyboard-Solo einfügen können, irgendwas, das die Monotonie des Immergleichen durchbricht.
Natürlich gibt es diese Profis, aber sie dürfen nicht mitmachen. So klingen alle Songs wie aus dem Computer: per automatisierter Voreinstellung kreiert von Programmen wie Garage Band, das auf vorgefertigte Pattern zugreift und bei dem kein lebendiger Musiker mehr mitwirkt. Jeder 14-Jährige kann das zu Hause genauso gut bewerkstelligen und man würde keinen Unterschied hören.

Nachzutragen bleibt Molly Sue, die mit „Optimist (Ha Ha Ha)“ an den Start ging. Im Einspieler erzählt sie von chronischen Leiden, von Schmerzen, von ihrer eigenen andauernden Krankheit. Molly singt zwar gut, doch auch ihrem Lied fehlt ein ordentlicher Refrain.

Tontechnisch aber ist dieser ESC-Vorentscheid insgesamt eine Katastrophe: Bei fast alle Solisten war die Intonation wacklig. Vermutlich (wie auch immer bei Silbereisen oder den Shows von Helene Fischer) haben sich die Akteure auf der Bühne nicht richtig gehört. Vielleicht gab es zu viele offene Funkstrecken, zu lange Übertragungswege oder zu viele freigestellte Fachleute, die früher nach Gehör nachjustiert haben; man weiß es nicht.

Inhaltlich kann ich die Songs nicht beurteilen, denn ich habe die Texte akustisch nicht verstanden: Aller Inhalt ging in breiigem Hall unter. Aber eine Zeile von bleibendem Nachklang wie: „Häng den Mond in die Bäume, sag der Nachtigall Bescheid“ (DDR-Schlagerwettbewerb 1969) oder „Du hast gelacht, eine ganze Nacht“ oder „Regen, Regen stört uns nicht“ war bestimmt nicht dabei. Gegen diesen ESC war Heinz der Quermann ein begnadeter Produzent und Talentefinder. Und was haben wir über dessen Lieder und dessen Sänger und den Dicken gemeckert …

Der Schlager hat einen sehr schlechten Ruf, obwohl (oder vermutlich gerade weil) er immer noch das drittbeliebteste Genre in Deutschland ist. Knapp 50 Prozent aller hierzulande Befragten geben an, dass sie gerne Schlager hören.

Theodor W. Adorno sah Schlager (auch Jazz) als eine Form der Musik, die sich zwar als revolutionär und freiheitlich gebe, aber tatsächlich kommerzialisiert und standardisiert sei. In seiner „Einleitung in die Musiksoziologie“ heißt es: „Nicht nur appellieren die Schlager an eine lonely crowd, an Atomisierte. Sie rechnen mit Unmündigen; solchen, die des Ausdrucks ihrer Emotionen und Erfahrungen nicht mächtig sind; sei es, dass Ausdrucksfähigkeit ihnen überhaupt abgeht, sei es, dass sie unter zivilisatorischen Tabus verkrüppelte. Sie beliefern die zwischen Betrieb und Reproduktion der Arbeitskraft Eingespannten mit Ersatz für Gefühle überhaupt, von denen ihr zeitgemäß revidiertes Ich-Ideal ihnen sagt, sie müssten sie haben.“

Kurt Tucholsky hat das Irrationale des Schlagers ganz besondere treffend zusammengefasst: „Alles am Schlager ist echt, weil es so wunderschön falsch ist.“

Das Wort „wunderschön“ würde ich gern streichen. Denn der diesjährige deutsche ESC-Vorentscheid  war weder wunder- noch überhaupt irgendwie schön. Die Veranstaltung war überladen mit den üblichen Feuerschalen, der Lichtshow und den allgegenwärtigen Tänzern. Und alle Interpreten wirkten, als wären sie ferngesteuerte Handpuppen, die gerade überlegten, in welchen Lichtkegel sie jetzt laufen müssten und was der nächste Tanzschritt wäre. Keine und keiner der neun wirkte souverän oder innerlich frei.

Dieser Vorentscheid wird der offenbar unaufhaltsamen Selbstverzwergung des früheren Musiklandes Deutschland einen weiteren kräftigen Schub verleihen. Offenkundig gibt es in diesem ganzen Bereich des öffentlichen Fernsehens immer mehr viel zu viele Häuptlinge, die zwar keine Ahnung vom Genre haben, aber ihre Meinung durchsetzen können. Und es gibt viel zu wenig Indianer, pardon: Indigene, die handwerklich einfach sauber arbeiten.

Der ganze ESC-Vorentscheid war ein Lehrstück der Selbsttäuschung aller daran offiziell Beteiligten und der sicher vorhandenen zahlreichen Fans nicht minder. Es ist wie früher im Osten: Oben die Ideologen und Bürokraten, samt der damals schon verachteten Intelligenzia, die wusste, wie es geht, aber nichts zu sagen hatte. Das Modell funktioniert nicht nur immer noch nicht, sondern immer weniger.

Also, geschätzter Blättchen-Altmeister, lieber Tucho, dein Nachfolger schreibt heute: „Alles am Schlager ist falsch, weil nichts daran mehr echt ist.“