Es hat seine Logik, wenn der Hamburger Kunstwissenschaftler Uwe M. Schneede in seiner Monographie „Sighard Gille. Zeitbilder. Werke aus 50 Jahren“ ganz zu Anfang auf die Arbeiterbilder des Künstlers zurückgreift. „Es war eine Gruppe unterschiedlicher Typen, gemeinsam beschäftigt als Schweißer im Eilenburger Baustoffmaschinenwerk. Mir kam sofort das großartige Werk von Francisco de Goya ‚Die Familie Karls des IV.‘ in den Sinn (übrigens auch eine Auftragsarbeit). Wie dort sollte in meinem Bild jede Individualität zu Geltung kommen.“ So beschrieb Gille den ersten Auftrag nach dem Diplom und bat jeden einzelnen von ihnen, porträtiert zu werden. Auf neun Seiten seines Bandes „Zeichnungen“ sind die Arbeiter großformatig abgebildet; ihre Porträts wurden zum individuellen Ausweis des „Brigadebildes“. Gille dazu: „Es reizte mich, hier gegenzuhalten, nicht den Typus ‚Sozialistischer Arbeiter‘ zu bedienen.“
Und Gille ging weiter. Für die nächste DDR-Kunstausstellung in Dresden reichte er das Bild „Brigadefeier“ ein, „Man vergnügt sich ausgelassen, alkoholisiert, hemmungslos. Ein Lampion wird angezündet, ein Kassettenrekorder in Gang gesetzt, eine Blondine schwebt mit Torten herein der Bierkasten ist bereits geleert.“ So beschreibt es Schneede – und Gille bekommt den Widerstand der staatlichen Kunstrichter zu spüren. Eine Kampagne gegen sein Bild wird organisiert. Er soll es zurückziehen. Die Lösung hat der Rektor der Leipziger Kunsthochschule, Bernhard Heisig. Er sieht in Gilles Atelier das Bild „Gerüstbauer“ und schlägt vor, beide als Diptychon einzureichen. Zwar sind die beiden Arbeiter – der eine mit dickem Bauch, der andere mit der Zigarette im Mundwinkel – nicht gerade typisch für die sozialistische Arbeiterfigur, aber so geht es. Das Bild wird zum viel diskutierten Werk der Dresdener Schau. Und es korrespondiert mit jenen Arbeitern, die ich kurz zuvor bei meinem praktischen Jahr in einem Lausitzer Braunkohlenwerk kennengelernt hatte.
Schneede ist es wichtig, diese Aufgangspunkte für das Wirken Sighard Gilles für sein Bestehen in den wechselnden Bilderzeiten zu benennen. Gleich nach seinen Konflikten mit der DDR geht er ausführlich auf dessen Hauptwerk, die Wandmalerei im Leipziger Gewandhaus ein, ein DDR-Projekt, für das es keine besonderen Vorgaben gab. Gille nahm Gustav Mahlers „Lied von der Erde“ zum Vorbild und machte daraus einen „Gesang vom Leben“. Schneede geht auf die „technologischen“ Probleme ein, verbindet die Absichten Gilles mit den vorhandenen Gegebenheiten, den Entfernungen und Perspektiven und ihrer Sichtbarmachung für die Besucher. Ein wenig geht dabei die Grundidee etwas verloren, nämlich Gilles aufsteigender Gedanke von den Kräften der Finsternis über das Lied der Stadt bis zum Lied vom Glück mit der Bacchus-Figur und dem Liebespaar auf einer rotierenden Kugel vorwärts zu schreiten, also durchaus etwas Positives in das Gesamtbild einzulegen. Das entsprach der damaligen Zeit und war in seiner Differenziertheit zugleich Mahnung genug.
Ich kannte Sighard Gille schon seit 1955. Von da an besuchten wir gemeinsam die Erweiterte Oberschule in Eilenburg. Damals fielen mir seine malerischen Versuche nicht sonderlich auf, aber danach, als er nach einem abgebrochenen Landwirtschaftsstudium und der Ausbildung zum Fotografen immer stärker das selbst geschaffene Abbild suchte, wurde ich wohl zu seinem ersten „Sammler“. Ich erinnere mich, dass er mir zehn seiner ersten Arbeiten brachte, von denen ich als Student nur jeweils zwei Mark der DDR bezahlen sollte – und das auch tat. Erst nach zwei Versuchen kam er auf der Kunsthochschule an und machte dann dort seine große Entwicklung.
In der DDR widmete er sich den Paar- und Gruppenbildern und erschloss sich damit eine Welt vielfältiger Ausdeutungen, aber auch mancher Ablehnungen, denn seine Arrangements verschwiegen nichts. „Wie sie sich berühren, wie sie aneinander vorbeiblicken, wie sich ihre Körper anspannen oder lässig geben, wie sie auftrumpfen oder sich unterordnen, wie ihre Gesten die Kommunikation mit dem Betrachter einleiten oder verwehren – das alles gehört zu den neuen, charakteristischen Eigenarten dieser durchaus sarkastischen Porträts“, schreibt Schneede dazu, und Gille bestätigte dies in einem Interview aus dem Jahre 1995: „Wer akzeptiert schon, wenn er in solcher Direktheit, unverstellt dargestellt wird. Ich hatte das gleiche Problem später, als ich eine Gruppe von Leipziger Künstlern gemalt habe. Da gab es ähnliche Schwierigkeiten mit der Akzeptanz …“
Die Umbrüche der 1989er- und 1990er-Jahre waren für Gille zum einen das Verschwinden des Drucks und der Notwendigkeit, ein eigenes Gesicht zu zeigen und zugleich zu erreichen, dass es für ihn selbst steht und trotzdem das Publikum anspricht, also: „Die totale Freiheit, aber keiner braucht sie.“ Er selbst spürte dieses Nicht-Gebraucht-werden im Geflecht der neuen Auftraggeber, also jener, die das nötige Geld hatten, um sich Werke von ihm in die Wohnung zu holen – oder sie gar in ihre Museen aufzunehmen. Aber Sighard Gille blieb sich treu. „Auswildern“ hat er Installationen und Bilder genannt, die das Thema des Übergangs in die andere Gesellschaft zum Inhalt haben. Die Metapher meinte auch: Der behütete, domestizierte DDR-Bürger muss hinaus in die freie Wildbahn und die dort geltenden Gesetze beherrschen lernen.
Für Schneede ist das 1990 entstandene Bild „Autokalypse“ Sinnbild jener Zeit: „Einzelmotive unterschiedlicher Observanz sind regellos eingebracht, oben in der Mitte neben einem Zitat aus der Gewandhaus-Malerei ein bezeugendes Selbstbildnis: Verwirrung angesichts der noch unsicheren Verhältnisse in dem sich auflösenden eignen Staat und mit seinen maßgeblichen Organisationen.“
Noch unsicher und abwartend erlebte ich ihn 1997 auf einer Ausstellung der Löbbecke-Bank in Frankfurt/Main, die 40 seiner Bilder zeigte – „keine keimfreie Konserve, sondern ein hochexplosiver Cocktail“, wie es der Leipziger Kunstwissenschaftler Peter Guth in seinen Einführungsworten sagte. „Nur 30 Prozent kommen wegen der Kunst hierher, 50 Prozent, um gesehen zu werden, der Rest eher zufällig“, meinte in Frankfurt ein Galerist. Das wäre nicht schlecht, aber beim Kaufen wird es schon schwieriger. Der Leipziger Wissenschaftler hatte vorsichtig gewarnt: „Ja, man bemerkt Panik, wenn Emotionalität direkt, unverfälscht und frontal vorgetragen wird.“ Bei Löbbecke wurde von Gille kein Bild gekauft; die Galeristin behielt vielmehr drei der Bilder bei sich, um ihre Unkosten zu decken.
Gille nimmt diese Diskrepanzen wahr – und will sich ihnen nicht ausliefern. Von Anfang an gehörten Naturbilder zu seinen Objekten. „Wenn ich in und vor der Landschaft arbeite, empfinde ich Respekt vor dieser Fülle, dem Reichtum an Formen und Farben, spüre die Energie des Gewachsenen. Bäume sind gut vernetzte Kraftwerke. Es ist aufregend und erregend zugleich, ein Bild draußen zu malen, erfordert starke Konzentration und Erfahrung“, schreibt er in seinen „Zeichnungen“-Band. Und mahnt immer wieder vor der Vernichtung der Natur. In seinem Bild „Korona“ stellte er die ihm vertraute Havellandschaft dar, er selbst ist nur noch versteckt als kleines Männlein mit Partnerin zu sehen, „doch im weiteren Verlauf“, so schreibt Schneede, „verselbständigen sich die pflanzlichen und die tierischen Motive auf verwirrend fantastische Weise, sodass sich ein unheimliches, dissonantes, ja aggressives Naturbild ergab“.
Auch Gilles Aktmalerei, die vor allem in seinen Zeichnungen zum Ausdruck kommt, passt in dieses Bild. Für ihn war der menschliche, der weibliche Körper die Fortsetzung der Natur in all ihren Eigenarten; in seinen „Zeichnungen“ folgen gleich nach den großformatigen Naturbildern von Flügelsamen, Kukuruz, Weißer Taubnessel, Mohnkapsel und Nuss die farbigen Aktzeichnungen aus dem Atelier ebenso wie die Köpfe der Protagonistinnen. Schneede geht darauf nur wenig ein; für Gille aber waren die Akte „eine klassische Sparte seit Jahrhunderten“, und er selbst „kein Purist. Akte in der Kunst dürfen auch mal erotisch anregend sein.“
So gehört beides zusammen. Die Schönheit des Lebens und seine gleichzeitige Bedrohung. Beides bedingt sich – und so werden seine Ereignisbilder zugleich Bilderzeiten des realen Lebens, in dem sich Aufstiege und Abgänge vereinen, in dem das Böse seine Faszination behält und das Gute als ewige Hoffnung nicht verschwindet.
Uwe M. Scbneede: Sighard Gille. Zeitbilder. Werke aus 50 Jahren, E.A.Seemann Verlag, Leipzig 2025, 112 Seiten, 30,00 Euro.
Sighard Gille: Zeichnungen: Eine Auswahl, E.A.Seemann Verlag, Leipzig 2024. 736 Seiten, 58,00 Euro.
Schlagwörter: DDR-Malerei, Peter Richter, Sighard Gille, Uwe M. Schneede, Zeitbilder




