29. Jahrgang | Nummer 3 | 9. Februar 2026

Brandmale. Eine Ost-West-Kindheit

von Klaus Trende

Das Unaussprechliche ist, – unaussprechlich –

in dem Ausgesprochenen enthalten.

Ludwig Wittgenstein

 

Er wollte warten, bis das Ungesagte gilt. Was durch die Papiere scheint. Was Bilder und Wunden erzählen, das Blutmeer seiner Jahre in sich und an seinen Orten über den Jahrhundertgrat hinaus. Der alte Mann bedenkt seine Zeit vom Ende her. Er sitzt am blanken Fenster. Er sieht das Gras und die Bäume, und er fragt nach einem einzigen Moment, das ihn zeichnen könne. War es jener Herbsttag des Jahres 1968, als Tommie Smith die schwarze Faust in den Himmel von Mexico streckte, um zu sprechen von den Mühen, die da offen lagen? Und die auch vor all den Tagen des alten Mannes lagen, die noch kommen sollten? Er weiß heute, dass er nichts werden konnte, als das Gefäß dessen, was er (er)lebte und sprach. Material aus Erinnerung. Sprache. Also begrenztes Land.

Da waren der Flieder im Garten der Großmutter, die tiefliegenden Augen im Gesicht des Urgroßvaters Otto Schulz, dessen braune Fotografie von der sibirischen Verbannung und der Passport aus Zarenzeiten. Sie sprachen ihm von seiner Geschichte. Eine andere hatte er nicht. Sie begann in einer Holzbaracke in der Peter-Rosegger-Straße 8, wo er am Stadtrand geboren wurde. Dünne Wände, Winterkälte und Eisblumen am Fenster. Die Tauben über der Waschküche schauten herunter, und Schnee lag auf den Apfelbäumen. Ihm war immer kühl und die Haut zu dünn. Abends wagte er nicht, an den neuen Tag zu denken. Es gab keinen Herd, kein Feuer. Keine Familie. Sie war da, aber es gab sie nicht. Es gab nur Menschen, die aneinander leidend die Zeit umrahmten. Es gab Angst. Vor den Russen, vor der Eisenhand der Leute, vor dem Neuen. Der Lavastrom des 17. Juni trieb die Proleten über die Landschaft. Und hier geriet er rein, im fünften Jahr seiner irdischen Wanderschaft, in der Tuchmacherstadt an der Spree. Lenin sekundierte damals, es sei der Augenblick, da die da oben nicht mehr können und die da unten nicht mehr wollen.

Diese ersten Bewegungen im zerrissenen Land und in der entwurzelten Familie nahm er unbewusst, verloren und in kindlichem Alphabet mit nach Zwickau an der Mulde, Anfang 1955, wohin man auf Trebe ging und wo der fremde Vater bei der Wismut auf eine goldene Zukunft hoffte, aber nur Pechblende in die Lore zu schippen hatte, und dessen Lunge dort unten von den Uranstrahlen verbrannte. Dann die Einschulung. Er hatte den Lehrer nur selten gesehen. Das war nicht sein Ort. Die fremde Menge, die sich Klasse nannte, ertrug er nicht. Die Schule schien ihm krank und bedrängend. Eine Seelenpein. Statt mit Fibel und Schiefertafel auf die harte Holzbank, wanderte er morgens mit dem Roller ans langsame Wasser des ewig modrigen Stroms. Hier trug das Treibholz seine Sehnsucht nach ungebundenem und einfachem Leben fort und verschwand stromabwärts.

Indessen kam der Ernährer auf Abwege, handelte schwarz und versuchte, die Sowjets mit krummen Touren beim Bergen des Spaltmaterials für die Atombombe hereinzulegen. Hernach kamen sie ins Haus, die wortlosen Männer in den Ledermänteln, um zu fassen den Vater, der zuweilen, wenn es an der Tür pochte, im Schrank zwischen den Jacken verschwand. Später fanden sie nur noch Leere. Denn die Nomadenfamilie war schon unterwegs nach dem amerikanischen Sektor der Rosinenbomberstadt. Auf der Flucht, wie Richard Kimble. Letzte Station in der S-Bahn, Friedrichstraße, die Kontrolle der Männer mit den glänzenden Tschakos und gummiknüppelbewehrt. Breitbeinig standen sie in den Türen, während das fiebernde Dreiergespann, mit einem Blechkoffer und zwei Wachstuchbeuteln angetan, das Herz am Hals und die finsteren Blicke der Uniformfiguren spürte. Dann das unvermeidliche Signal, das die Schiebetüren schloss. Jetzt phantasierte er, dass die Furcht ein Ende haben könne. Eine Reise ins Neuland. Abgehauen, sagte man schlicht. Es kam der Atem wieder. Und er wollte in die Stille schreien oder wenigstens eine alte Melodie summen, Winter ade, scheiden tut weh 

Erste Station im Westen, Marienfelde, das Aufnahmelager. Dort auch nachts die Saboteure von drüben aus dem Osten mit den Tränengasgranaten, die in den Fluren landeten. Es roch nach Schweiß, Jagdwurst und Baldrian. Später das Flüchtlingslager am Askanischen Platz. Steinschluchten. Ein Lagerhaus. Endlich in den mehlweißen Raum freigelassen, mit Doppelstockbetten für dreißig Gestrandete. Die intime Zelle durch Bettlaken an Wäscheleinen notdürftig abgetrennt. Und er hörte das Stöhnen der anderen in den abendlichen Liebesstunden. Er hörte es durch die fahlen Leinentücher. Und da ahnte er, welche menschlichen Übungen und Gipfelstürme sich hinter der Vokabel Befruchten verbergen. Es war warm und fast behaglich bei dem Klang der ächzenden Stimmen nebenan, und er aß den duftenden amerikanischen Käse aus goldenen Büchsen, und der Schmerz floh hinunter in die Straßen. Da standen die Nissenhütten, halbrunde Blechiglus für die Asphaltzigeuner und Kriegsverlierer, für Glücksritter aller Couleur und das magre Personal aus der Dunkelkammer jener Jahre. Sie alle schürften damals – zuweilen vergeblich – nach einem anderen Leben in diesem, nach Liebe. Und er sprach leise zu sich: Vielleicht auch Schokolade.

Irgendwann, nachdem die alliierten Sicherheitsleute die Familie, ewige Nichtsnutze und Habenichtse, als echt und frei von ostzonaler Agentenanmutung abgehakt hatten, kam die Anerkennung als politische Flüchtlinge. Buchstabiere: Nu biste ausm Schneider. Aber das war seine Familie nicht. Oder nur in dem von Serotonin verklärten Augenblick der Verkündung derselben Anerkennung. Jetzt war er wieder wer. Jetzt war er angekommen. War er das? Er war es nicht, er war nichts. Und er hatte nichts. Und er blieb nichts auf eine Zeit. Der von allem Feingeist verlassene Schattenvater schleppte nachts die Stechuhren der Wach- und Schließgesellschaft durch Westberlin, die Schreckschusspistole im Halfter und die Zweifel an dem morgigen Tag hinter der Stirn. Denn bei Tage fiel das Licht nur aufs Scheitern von Sein und Arbeit, von Liebe und Traum, von immerwährendem Ungenügen im billigen Dasein, das einst so liebreizend gedacht war in Tausendundeiner Nacht der Odyssee in der Sowjetzone.

Indes die Mutter bei Siemens am Fließband Lampen sortierte, trieb der Junge sich rum. Mit dem Luftroller durch die Charlottenburger Grauzone, zum Funkturm und an die Schwangere Auster im Tiergarten, die viel später als gestürzte Kongresshalle enden sollte. Hier war sein Frieden, hier gingen die Uhren ohne Zeiger, hier war der Ort mit Mond und Sonne zur selben Stunde. Hier war immer Fiesta. In den Trümmern hinter der Krummen Straße war er zu Hause, und bei den schönen halbnackten Frauen in der Fünfgroschenbar am Stuttgarter Platz, die ihn streichelten. Und bei den amerikanischen Soldaten, die ihm an der Currywurstbude einen Penny zuwarfen. Hier war sein Zeitungskiosk, wo er freitags nach den frischen schmalen Heften von Akim, dem Dschungelmenschen, und Nick, dem Weltraumfahrer, griff, um einzutauchen in jenen erregenden Raum, der das Wahre versprach. Und es gab das kleine Kino am Stuttgarter Platz, wo Fuzzy, der tapfere Cowboy, den Räubern und Banditen auf der Spur war und nichts brauchte, außer die weite Prärie, ein Feuer unter dem Sternenhimmel und Gras für die Pferde. Eine Freiheit, die ja die seine sein sollte! Und für anderthalb Stunden blieb. Wie das magische Auge im abendlichen Radio der Mutter, das smaragdgrün und sanft einen fernen Traum in die karge Stube sandte, indes Vico Torriani von etwas sang, das ihm noch fremd war, – schön und kaffebraun sind die Jamaicafrau’n. Und gelb leuchteten die wärmenden Worte auf der Skale der Bakelitbox und nahmen ihn mit auf die Reise nach Mailand, Timisoara, Falun, Paris und Moskwa, während Freddys Song „Einmal in Tampico“ den Ruf von der Landstraße her und den verschneiten Wegen beschwor.

Dann gab es die Eichendorff-Schule …, da war er nur angemeldet. Mittags lief er hin mit dem Aluminium-Essgeschirr. Die Tage verstrichen beim Streunen mit den Kumpels in den Trümmern vom Nachkriegs-Berlin. Zwischen morschen Mauern und Gestrüpp aus Goldrute und spärlicher Waldrebe lagerten Antworten auf die Fragen seiner Kindheit. Das war seine Schule. Dort hat er versucht zu landen, durchzukommen, anzukommen und zu verstehen, warum nichts bleibt wie es ist. Und wie das, was war, den Stoff liefern würde für jenes, woraus er war und was er werden musste. Dort hat er begonnen, aufrecht zu gehen, zu kämpfen, auszuweichen und sich zuweilen anzupassen, um den Arsch ins Trockene zu retten. Um zu überleben ganz unten, und um einst zu sterben mit den Ablagerungen dieser Zeit, unveräußerlich in sich.

Er lernte spät, dass er für alles bezahlen muss. Und dass nichts von heute kommt und nichts dauert. Denn auch die Erinnerungen verlöschen im Staub der Tage. Aber sie waren einmal ein Feuer. Sie waren wie er.