28. Jahrgang | Nummer 12 | 7. Juli 2025

Kurt Hiller und die Künste

von Hermann-Peter Eberlein

Das ist ein spannendes Thema! Denn der produktive Weltbühne-Autor – Schriftsteller und Jurist, Pazifist, bekennender Homosexueller und Sozialist – unterhielt im Verlaufe seines langen Lebens vielfältige Kontakte zu Künstlern: vor allem zu Literaten, aber auch zu Malern, weniger allerdings zu Musikern und Komponisten. Und er hatte einen zentralen Maßstab zur Beurteilung eines Kunstwerks, nämlich seinen ethischen Gehalt: In „Wahrheit sind alle wirklich großen Kunstwerke, will sagen alle, welche Geister umrichteten, Herzen umrissen, groß gewesen nicht durch die Vollkommenheit ihres spezifisch Kunsthaften, sondern durch die Mächtigkeit des Bildes ihrer gewollten Welt; durch die Wucht ihres Bejahens und Verneinens, Verherrlichens und Verfluchens; durch die postulative Flamme, die aus ihnen schlug; durch die Erhabenheit ihres Was, ihrer Idee, ihres Ziels, ihres Ethos.“ Oder, negativ gewendet: „Mit dem Lockpfiff ‚L’art pour l’art‘ entzog der Teufel die Geister dem Geiste.“

Die Zitate stammen aus Hillers Aphorismensammlung „Aufbruch zum Paradies“, die er 1952 herausgegeben hat; entstanden sind sie zwischen 1914 und 1922. Die Entstehungszeit belegt, wie prägend die Erfahrung der Hölle des Ersten Weltkrieges für den ehemaligen Schöngeist und Theoretiker des literarischen Expressionismus geworden ist: „Alle Schöngeisterei, alles Ästhetisieren und Spekulieren, alles Rüchwärtsgewandte, aller Kausalismus, alles Nur-Psychologische nahm für mich mählich den Charakter des Überflüssigen, Krankhaften, Verkehrten an, während als geistige Aufgabe sich herausschälte: die Idiokratie in der Menschengesellschaft, die ungeheure glückhindernde Macht der Inferioren zu brechen.“

Der Band, aus dem ich diese Zitate habe, vereint die Beiträge einer Tagung der Kurt Hiller Gesellschaft, die Ende Oktober 2023 in Berlin stattgefunden hat; mit Recht haben die Herausgeber Reinhold Lütgemeier-Davin und Rolf von Bockel den Aufsätzen „Kunst-Programmatisches aus Aphorismen“ Hillers aus der genannten Sammlung von 1952 vorangestellt – mitnichten beliebig, sondern tatsächlich eine Zusammenfassung von Hillers Kunstverständnis. Im Grunde müsste ich sämtliche dieser Aphorismen hier wiedergeben – man hätte dann Kurt Hillers Sicht auf künstlerisches Schaffen in seinen Positionen wie in seinen Abgrenzungen in nuce vor sich.

Auch von den auf die Aphorismensammlung folgenden Beiträgen stammen vier aus der Feder Hillers selbst: zu Begegnungen mit Expressionisten (1960), die Gedichte Philologen, Logophile von 1954 und Lyrologen von 1966 und ein Briefauszug aus dem Jahre 1955. Daneben beschäftigen sich Reinhold Lütgemeier-Davin mit dem Aufbruch aktivistischer Künstler zur Zeitenwende 1917-1921, Erich Unglaub mit der schwierigen Rilke-Rezeption Hillers und Harald Lützenkirchen mit der Sprachkunst des Autors; Rolf von Bockel nimmt den Maler Rudolf Führmann in den Blick und entdeckt Musikmuffelige Bekenntnisse Kurt Hillers im Briefwechsel mit dem Musikwissenschaftler Hans-Günter Klein.

Am tiefsten berührt haben mich zwei Beiträge zu vergessenen Randgestalten. Lütgemeier-Davin hat mir das Schicksal des vergessenen Lyrikers Carl Maria Weber (1890-1953) nahegebracht, den er als Wiedergänger von Michael Kohlhaas empfindet, weil er sich in seinem Kampf gegen die Einstufung als Mitläufer – der er war – durch die Entnazifizierungskommission aufgerieben hat: „Ein Frühvollendeter, vergessen seine Werke, elend zugrunde gerichtet durch die Zeitläufte, aber auch durch eigenes schuldhaftes Versagen. Sein queres Rechtsgefühl machte ihn zum endgültig Gescheiterten.“

Ganz anders gelagert ist der Fall des jüdischen Komponisten Rudolf Walther Hirschberg (1889-1960), der ein breites Œevre an Klavier-, Violin- und Orchesterwerken, vor allem aber an Liedern hinterlassen hat. Er überlebte den Krieg in Lyon, wo er von dem pazifistischen Bildhauer Georges Salendre versteckt wurde, einem Mitglied der Résistance und Vertreter des Sozialistischen Realismus; erst zwei Jahre vor seinem Tode kehrte Hirschberg nach Berlin zurück. Aber auch das Werk Hirschbergs – einheitlich im Festhalten an der späten Romantik – ist vergessen; Musik-Lexika geben nur wenige Daten, selbst in der Wikipedia steht er nicht; ein Teil seiner Werke ist verschollen. Die Autorin Christine Rosenlöcher, die 1993 mit einer Arbeit über Hirschberg an der Technischen Universität Berlin promoviert wurde und ihn eigentlich erst wiederentdeckt hat, resümiert: „Seine Tragik war es, dass für einen großen Teil seiner Werke eine öffentliche Aufführung in Deutschland vor dem Zweiten Weltkrieg politisch unterbunden wurde und nach dem Kriege der starke Avantgarde-Nachholbedarf lange Zeit eine differenzierte Aufarbeitung des zuvor Verdrängten verhinderte.“ Zwei Gedichte von Hiller hat Hirschberg vertont; ihre Uraufführung fand im Rahmen der Tagung am 29. Oktober 2023 in Berlin statt – ein kleines Puzzlestück zu einer verspäteten Rezeption dieses Komponisten, dessen Musik in ihrer Symbiose von Altem und Neuem wiederentdeckt zu werden lohnt.

Künstlerisch oder wissenschaftlich produktive Menschen, die durch eigene Schuld oder durch politische wie ökonomische Verhältnisse um ihre Wirkung gebracht worden sind, mit ihrer Geschichte und ihrem Werk dem Vergessen zu entreißen und ihnen ihren Platz in der Geschichte des Geistes zukommen zu lassen, ist nicht allein ein wissenschaftliches Desiderat, sondern eine zutiefst humanistische Tat. Dieser Aufgabe unterzieht sich der von Bockel Verlag nicht nur mit dem vorliegenden Band in vorbildlicher Weise.

Kurt Hiller und die Künste. Beiträge einer Tagung der Kurt Hiller Gesellschaft, 28./29. Oktober 2023 in Berlin – nebst ergänzender Studien und Materialien. Hrsg. v. Reinhold Lütgemeier-Davin u. Rolf von Bockel, von Bockel Verlag, Neumünster 2024, 294 Seiten, 29,80 Euro.