23. Jahrgang | Nummer 1 | 6. Januar 2020

Lütten Klein

von Wolfgang Zellner

Lütten Klein (wendisch: „kleiner Ahorn“) ist eines der Neubauviertel von Rostock, die Mitte der 1960er bis Mitte der 1970er entstanden sind. Steffen Mau ist dort aufgewachsen, war bei der „Wende“ Wehrpflichtiger in der NVA und ist heute Professor für Makrosoziologie an der Humboldt-Universität zu Berlin. Sein Buch kombiniert den Einblick des Insiders mit einer wissenschaftlichen Untersuchung, ist dennoch notwendigerweise subjektiv, erbringt jedoch weitreichende und gut begründete Einsichten und ist obendrein spannend zu lesen.
Maus zentrale Analysekategorie ist „der Begriff der gesellschaftlichen Fraktur“. „Ostdeutschland“ betrachtet der Autor „als eine Gesellschaft mit zahlreichen Frakturen, die sich aus den Besonderheiten von Sozialstruktur und mentaler Lagerung ergeben. Diese sind weder allein der untergegangenen DDR noch den Tücken des Einigungsprozesses zuzuschreiben, sondern ergeben sich aus beidem gemeinsam.“ Solche Frakturen beeinträchtigen „Robustheit“, „Flexibilität“ und „Anpassungsfähigkeit“ von Gesellschaften, machen sie anfällig für Radikalisierung und beeinträchtigen das Funktionieren gesellschaftlicher und politischer Institutionen. Teil I des Buches behandelt das „Leben in der DDR“, Teil II die „Transformation“.
Der zentrale Befund über die DDR, so Mau, „ist der einer stark nivellierten, um die Arbeit herumstrukturierten, geschlossenen und ethnisch homogenen Gesellschaft, die sich vom westdeutschen Pendant – mittelschichtdominiert, migrantisch geprägt, zunehmend individualisiert – grundlegend unterschied“. Maus Analyse der DDR erstreckt sich auf die Unterkapitel Wohnen, soziale Mobilität, „Lebensführung und kulturelle Praktiken“, Familie und Erziehung, das Nationsverständnis und wird unter dem Begriff der „formierten Gesellschaft“ zusammengefasst.
Die Einkommensverteilung in der DDR zeigt das Bild eines „sozialstrukturelle[n] Egalitarismus“. Dem entsprachen weitgehend gleiche Wohnverhältnisse für die verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen. Ihre Wohnsituation qualifizierten die Lütten Kleiner 1982 ganz überwiegend als „sauber“, „übersichtlich“, „schön“ und „einladend“. Interessant sind die Befunde zur sozialen Mobilität: Waren 1958 noch 53 Prozent der Studierenden in der DDR Arbeiterkinder, sank deren Anteil bis 1988 auf sieben Prozent, während der Anteil der „Intelligenzkinder“ auf 78 Prozent hochschoss. – „Die Wahrscheinlichkeit der Positionsvererbung nahm also zu.“ Und: „Aus der einst hochmobilen war eine immobile Gesellschaft geworden.“
Dabei ist wichtig, dass diese Entwicklung vor dem Hintergrund insgesamt sinkender Anteile der Studienanfänger an der entsprechenden Altersgruppe verlief: Begannen 1965 noch 15,7 Prozent der DDR-Jugendlichen ein Studium (BRD: 13,3%), so waren es 1980 nur noch 11,1 Prozent (BRD: 19,4%). Diese Verringerung des Studierendenanteils – vermutlich eine falsch verstandene „Hofierung der Arbeiterklasse“ – verengte nicht nur substantiell die wissenschaftlich-technische Basis der DDR-Wirtschaft, sondern verstopfte zusammen mit dem oben genannten Befund auch die Kanäle sozialen Aufstiegs.
Das Unterkapitel „Einschluss nach innen, Abschottung nach außen“ thematisiert den Zusammenhang zwischen der doppelten „Isolation von Freund und Feind“ und dem für die DDR typischen Selbstverständnis einer Kulturnation. Gerade weil man sich nicht nur scharf vom feindlichen Westen abgrenzte, sondern unter dem Schleier eines formalen Internationalismus de facto auch von der Sowjetunion und den anderen „Bruderstaaten“, war es um so wichtiger, eine eigene DDR-Identität zu erfinden. „Dabei setzte man nicht auf das republikanische Konzept der Staatsnation, sondern rückte die Kulturnation in den Mittelpunkt“, also die historisch dominante und rückständigere Variante in der Geschichte deutscher Nationsbildungsansätze. Damit entstand, so Mau, „ein DDR-Nationalismus, der sich in schroffer Selbstbehauptung, sozialer Abschließung und einem hohen Grad an innerer Homogenität ausdrückte“. Dies führte bereits „in den siebziger und achtziger Jahren […] zu einer Vielzahl rassistischer Übergriffe […]. Nicht nur einzelne Personen vertraten ausländerfeindliches Gedankengut, zwischen Rostock und Karl-Marx-Stadt hatte sich ein regelrechtes Nazi-Netzwerk herausgebildet.“
Insgesamt beschreibt Mau die DDR als „formierte Gesellschaft“, eine Mischung aus „übergriffige[m] Staat“ und privaten Freiheitsräumen, basierend auf einem impliziten Sozialpakt, der umfassende Versorgung gegen politisches Stillhalten bot. Doch als „sich die Aufstiegskanäle schlossen, der Konsumabstand zum Westen uneinholbar groß wurde und sich endgültig gesellschaftliche Lähmung breitmachte, stieg der Druck auf die Oberen, die formierte Gesellschaft aus ihrem Korsett zu entlassen.“ Vor diesem Hintergrund kam die „Wende“ – die „Implosion eines Systems als kollektiver Schock, der allen Beteiligten die Endlichkeit eines Gesellschaftsbildes vor Augen führt und kollektive Gewissheiten als Illusionen demaskiert“. Dem kurzen Sommer demokratischer Mobilisierung folgte eine Wiedervereinigung, von der man, so Mau, mit „fahrlässiger Übertreibung“ sagen könne, dass „der vormundschaftliche Staat“ durch „den mindestens paternalistischen, wenn nicht gar seinerseits vormundschaftlichen Westen abgelöst worden [sei], so dass der Umbruch in gewisser Weise an jene Verhältnisse anschloss, die er überwinden wollte.“ Das neue Staatsgebilde wurde eben nicht durch eine „gemeinsam ausgehandelte[n] Verfassung konstituiert“, sondern durch einen Modernisierungsschub und Institutionentransfer nach dem Modell der alten BRD. Die Details sind bekannt: Zeitweise steckten „[u]nglaubliche drei Viertel der ostdeutschen Erwerbsbevölkerung“ in ABM-Maßnahmen, entstand eine neue Unterschicht und wurde insgesamt eine „politische Ökonomie der Unsicherheit“ eingeleitet. Zu verzeichnen war eine „Gleichzeitigkeit von Wohlstandszugewinnen und Unterschichtung“, die sich „wider Erwarten“ in „weniger Aufstiegschancen für die mittlere und jüngere Generation“ und einer bis heute nicht behobenen erdrückenden Dominanz westdeutschen Führungspersonals niederschlug. Zusammengefasst: „Nach 1989 wurden die Mobilitätsblockaden der ostdeutschen Gesellschaft also nicht aufgelöst, sondern vertieft. Statt auszuheilen, ist die Erstarrung mit einem weiteren Bruch überlagert worden.“
Verschärft wurde dies durch eine starke Binnenmigration – „Von 1991 bis 2013 verließen insgesamt fast 1,8 Millionen Menschen Ostdeutschland, mehr als zehn Prozent der Bevölkerung.“ –, was zu einer „Schrumpfgesellschaft“ mit „Männerüberschuss“, aber geringeren Ressourcen für gesellschaftliches und politisches Engagement führte.
Dies begünstigt, so Mau, einen „“ökonomischen Abwehrnationalismus“, [bei dem es] um Verlustängste [geht], auf welche die sogenannten „Modernisierungsverlierer“ […] mit Forderungen nach „harten“ Grenzen, einer Zurücksetzung von Migranten und wirtschaftlichem Protektionismus reagierten“. Dazu kommen Abwehrhaltungen, „die ethnonationalen Gemeinschaftsvorstellungen anhängen, kulturelle Diversität skeptisch betrachten und eine eher autoritäre Gesinnung aufweisen“. Interessant auch die Rückbindung des ethno-nationalen Fokus auf das Procedere der Vereinigung: „Heimat und Herkunft werden zur Ressource. Gerade für die Ostdeutschen war schließlich das nationale Wir die Eintrittskarte zum Wohlstandsland Bundesrepublik; nun wird es gegen Neuankömmlinge gewendet.“ In der Konsequenz „ist [es] eine bittere Erkenntnis, dass die rechten Bewegungen zu den wichtigsten Profiteuren der skizzierten Frakturen geworden sind. Die Kanalisierung und Übersetzung von Unzufriedenheit – eigentlich eine vordringliche Aufgabe der etablierten Parteien – wurde ihnen überlassen.“
Im Schlussabschnitt fasst Mau den Kern des Vereinigungsprozesses als Gleichzeitigkeit von „Wohlstandsgewinnen“ und „sozialer Deklassifizierung“ mit der Folge, dass „gesellschaftliche[r] Frakturen, von denen viele in der DDR-Gesellschaft schon angelegt waren [,…] im Zuge der gesellschaftlichen Transformation nicht geheilt, sondern häufig noch vertieft wurden“. Dies sei weder durch den „einseitigen Blick“ auf die Ökonomie zu erfassen, noch „durch eine innerdeutsche Gesprächstherapie umstandslos [zu] heilen“. Vor diesem Hintergrund verzichtet Mau auf „konkrete[n] Reparaturempfehlungen“ und versteht seine Analyse als „Einladung zur Reflexion“. Es wäre schön, wenn sein Buch einen solchen Denkprozess (mit) anstoßen könnte, die dafür notwendige Substanz hat es allemal.

Steffen Mau: Lütten Klein. Leben in der ostdeutschen Transformationsgesellschaft, Suhrkamp Verlag, Berlin 2019, 284 Seiten, 22,00 Euro.