17. Jahrgang | Nummer 14 | 7. Juli 2014

Fit fĂŒr die Zukunft ohne Vergangenheit?

von Frank Burkhard

So ein GlĂŒck! Endlich habe ich morgens nicht mehr die Qual der Wahl, ob ich zur halben Stunde die neuesten Lokalnachrichten auf Radio Berlin oder Antenne Brandenburg oder lieber die Kulturnachrichten auf Deutschlandradio Kultur (DKultur) höre. DKultur-Intendant Willi Steul und sein Programmdirektor Andreas-Peter Weber haben mir die Entscheidung abgenommen. Ich höre RBB. Die beiden Herren haben sich nĂ€mlich eine Programmreform ausgedacht, deren Ziel es sein soll, DKultur als das wichtige deutsche Kulturprogramm im Radio zu etablieren. Darum wurden die stĂŒndlichen Kulturnachrichten abgeschafft und durch die ĂŒblichen politischen Nachrichten, wie man sie auf fast allen Sendern mehrmals pro Stunde hört, ersetzt. Oder durch Musik. Die ist ja auch pure Kultur!
Mit Kultur hat der deutsche Rundfunk bei vielen Sendern nicht mehr viel zu tun. „KĂŒrzlich sagte meine Frau, sie habe den Eindruck, die Radio-Sender wĂŒrden mehr und mehr von Fast-food-Ketten bewirtschaftet: ĂŒberall Ă€hnlich dĂŒrftige Zutaten, ĂŒberall dieselbe Hast, um nur ja nicht die Geduld des letzten Trottels ĂŒberzustrapazieren. Es stimmt, die Institution Radio verwahrlost“, stellte Jurek Becker schon vor zwanzig Jahren im Interview mit einer Radiozeitschrift fest. Weil DRadio (auch wegen der Werbefreiheit) eine löbliche Ausnahme bildet, hatte ich den Sender mehrmals tĂ€glich eingeschaltet. Doch nun?
Deutschlandradio ging ja vor 20 Jahren aus dem Westberliner RIAS, dem Kölner Deutschlandfunk und dem Deutschlandsender (DS Kultur) hervor. Letzterer stammte nicht nur aus der DDR, sondern war seit 1926 der langlebigste deutsche Rundfunksender ĂŒberhaupt. Nicht selten stehen auch heute noch Hörspiele aus der DDR im Programm. DKultur hatte in den letzten Jahren die Sendereihe „Aus den Archiven“ entwickelt, in der am Sonntagmorgen eine Stunde lang unterhaltende Sendungen – Quiz, Feuilletons, PortrĂ€ts, GesprĂ€che – aus vergangenen Jahrzehnten neu vorgestellt wurden und oft zu ĂŒberraschenden Einsichten fĂŒhrten. Wenngleich auch das RIAS-Archiv die erste Geige spielte, so wurden doch interessante Sendungen aus der DDR vorgestellt. Diese Sendereihe wanderte nun von Sonntag um acht auf Sonnabend um 5 Uhr frĂŒh. Ich werde sie vermutlich nie wieder hören.
Das abgeschaffte „Radiofeuilleton“ wurde werktags durch eine halbwegs gelungene Mischung aus Politik und Kultur und sonntags durch ein „RĂ€tselmagazin“ ersetzt. Warum dieses so heißt, ist das eigentliche RĂ€tsel. Die zweite Sendestunde dominiert der Klassiker „SonntagsrĂ€tsel“ (frĂŒher „Klingendes SonntagsrĂ€tsel“, spĂ€ter geschwĂ€tziges „SonntagsrĂ€tsel“ und seit einem guten Jahr dank neuem Moderator ganz passabel). In der ersten Stunde jedoch gibt es neben viel Musik und ein paar Informationen dazu eine circa dreiminĂŒtige Hörcollage, bei der ein Begriff oder eine Person zu erraten ist. Das Kulturradio des RBB sendet ein Ă€hnliches RĂ€tsel zweimal tĂ€glich, ohne dass die ganze Sendung deshalb umbenannt werden wĂŒrde. Mir scheint das bei DKultur eine Verlegenheitslösung zu sein.
Gefreut hatte ich mich schon auf die erhoffte Abschaffung einer Rubrik, die ich stets beleidigt weggeschaltet habe. So manche Kulturnachricht oder Buchrezension habe ich versĂ€umt, weil ich bei der „Wurfsendung“ schnell zu anderen Sendern wechselte. Die rund 50-sekĂŒndigen HörstĂŒcke waren entweder unverstĂ€ndlich oder albern und hatten selten richtige Pointen. Ich hatte das GefĂŒhl, meine Aufmerksamkeit wĂŒrde fĂŒr sehr ĂŒberflĂŒssige Dinge in Anspruch genommen. Diese TummelplĂ€tze fĂŒr Ausprobierer, zu denen beispielsweise Max Goldt gehört, der hier auch nicht sein Niveau erreichte, sind aber leider nach der Programmreform beibehalten worden und unterbrechen jetzt schon das FrĂŒhprogramm.
Die einstĂŒndigen GesprĂ€che zwischen neun und zehn Uhr, in denen ein Gast ausfĂŒhrlich zu Wort kommt, waren vor der letzten Programmreform ein Markenzeichen von DKultur und sind nun glĂŒcklicherweise wieder aufgenommen worden. Hier nimmt man sich noch Zeit, einen GesprĂ€chspartner, wie den designierten Rostocker Intendanten Sewan Latchinian, ĂŒber Kunst und Kultur ohne Hektik zu Wort kommen zu lassen. Auch gegen die anschließenden Literatur- und Musikmagazine ist nichts zu sagen, wenngleich man in einem Literaturmagazin nicht unbedingt die gehobene Popmusik erwartet, die auch sonst das Programm ĂŒberschwemmt. Die Global Player des Musikmarkts lassen grĂŒĂŸen!
Die DualitĂ€t zweier terrestrisch zu empfangender Programme des Deutschlandradios hĂ€tte man besser nutzen können. Nach wie vor gibt es im FrĂŒhprogramm der Schwesterprogramme politische Berichte, Kommentare und Interviews, oft genug die gleichen, und in der 12 Uhr-Achse ist es werktags genauso. Überhaupt hat der Deutschlandfunk in Köln sein Programm nicht modifiziert. HĂ€tte es da nicht Platz fĂŒr einige „abgeschaffte“ Sendungen gegeben?
Politik und Kultur sollen bei DRadio stĂ€rker verzahnt werden, wird gesagt. Das waren sie allerdings auch im bisherigen Programm von DKultur. Aber schließlich gehört eine demokratische Kultur in die Politik. Auch in die Medien! Viele Zuschauer haben es als undemokratisch empfunden, dass sie nicht gefragt wurden, was sie gern hören wollen. Zu Zeiten des GrĂŒndungsintendanten Ernst Elitz stellten er und seine Programmdirektoren Gerda Hollunder und GĂŒnter MĂŒchler sich mindestens einmal jĂ€hrlich live den Hörerfragen. Zwar war hier besonders Lob gefragt, aber hartnĂ€ckiges Insistieren fĂŒhrte mitunter doch zu Änderungen. Beispielsweise mussten die AnhĂ€nger der Schellack-Zeit jahrelang kĂ€mpfen, bis vor einigen Jahren fĂŒr sie wenigstens sonntags die 25-minĂŒtige Sendung „FundstĂŒcke“ ins Leben gerufen wurde. Gerade die Redakteure Claus Fischer und Uwe Golz stellten die (teilweise aus dem reichen Rundfunkarchiv geholten) historischen Unterhaltungs-Aufnahmen immer in ihre Entstehungszeit, versĂ€umten nicht, darauf hinzuweisen, welche KĂŒnstler von den Nazis verfolgt waren oder aber ihre ParteigĂ€nger wurden. Diese Sendung wurde ersatzlos abgeschafft – ein neues Zeichen fĂŒr mangelndes historisches Bewusstsein, nachdem die einschlĂ€gige Hörerschaft schon 2012 die Einstellung des jahrzehntelang erfolgreichen Programms „Schellack-SchĂ€tzchen“ auf WDR 4 hinnehmen musste.
Programmdirektor Weber begrĂŒndete die Änderungen mit dem Satz „Wir machen uns fit fĂŒr die Zukunft.“ Kann man die Zukunft ohne Kenntnis der Vergangenheit gestalten? DafĂŒr will der Sender nun „mit Musik wuchern“ 
 Die Sendeleiste „Tonart“ wurde auf tĂ€glich fĂŒnfeinhalb Stunden erweitert.
Die Herren Steul und Weber hört man höchstselten auf dem Sender. HĂ€tten sie nicht die Hörer nach der Meinung fragen können? Auf dem Sender oder im Netz, wo der Dialog oft erstaunlich gut funktioniert. Die Programmreform wurde lieber anderthalb Jahre lang von „Gremien“ hinter verschlossenen TĂŒren diskutiert. Ein nun endlich fĂŒr den 21. Juni vorgesehenes HörergesprĂ€ch wurde wegen ominöser „TermingrĂŒnde“ abgesagt. Hat man so viel Angst vor den Hörern? Inzwischen konnte man im Netz erfahren, dass Weber letztlich am 12. Juli Stellung beziehen will.
Besonders empört ist die Hörerschaft der Nachtsendung „2254“. Hier konnte seit rund 20 Jahren in sechs NĂ€chten der Woche eine Stunde lang ein mehr oder minder aktuelles Thema per Telefon unter den Hörern diskutiert werden. In den Leitungsetagen war man der Meinung, dass sich hier nur ein kleiner, eingeschworener Kreis einschalten wĂŒrde. Seit durchsickerte, dass das Format eingestellt werden wĂŒrde, haben sich immer mehr Hörer zu Worte gemeldet, die bisher nicht anriefen: Kraftfahrer und andere Nachtarbeiter, schlaflose Senioren, Studenten, die nach ihren AbendvergnĂŒgungen DRadio einschalteten. Steul und Weber mieden, sich den Hörern zu stellen und schickten Hans Dieter Heimendahl, den Hauptabteilungsleiter Kultur, ins Studio. Er zeigte sich höchst verwundert von der Resonanz – das habe man ja nicht wissen können! Viele Hörer argumentierten, diese Plattform der öffentlichen Diskussion sei ein StĂŒck gelebte Demokratie. Die Sendeleitung warf ins Feld, der Hörer könne ja seine Meinung auch bei Facebook oder Twitter kundtun. Ein Hohn auf die vielen Hörerinnen und Hörer im Seniorenalter, fĂŒr die das Internet wie fĂŒr unsere Kanzlerin „Neuland“ bedeutet! Offenbar wollen Steul und Weber das Radio als solches ĂŒberhaupt ins Netz verlagern. Dort gibt es jetzt eine Online-Petition „Rettet 2254!“, aber wie dem auch sei – seit dem 21. Juni ist die Sendung erst mal weg.
Der Sendeplatz der KonzertĂŒbertragungen in der 20 Uhr-Achse wurde nicht angetastet, obwohl zur gleichen Zeit viele Kulturprogramme in den Landesrundfunkanstalten Ähnliches senden. Noch einmal Jurek Becker im Jahre 1994: „Nichts fördert die allgemeine geistige BedĂŒrfnislosigkeit so grĂŒndlich wie ein Programm, dessen oberster Grundsatz es ist, sich nach den durchschnittlichen geistigen BedĂŒrfnissen zu richten.“ Steul und Weber wollen mehr Erfolg – das heißt bei Ihnen mehr Quote. Dass sie dabei viele Stammhörer auf der Strecke lassen und das Programm beliebiger wird, scheint ihnen nicht aufzugehen. Dennoch ist das Angebot bei DRadio ĂŒberdurchschnittlich. Noch.