Des Blättchens 9. Jahrgang (IX), Berlin, 6. Februar 2006, Heft 3

Vom Regen in die Traufe?

von Heerke Hummel

Es beginnen sich die Reihen derer zu lichten, die die DDR mitgestalteten. Wer nie in diesem Staat lebte, ihn nur aus Presse, Funk und Fernsehen kannte oder bei Grenzkontrollen bei Ein-, Aus- und Durchreisen erlebte oder gar als Nachgeborener auf Rückblicke anderer angewiesen ist, wenn er sich ein Bild von dem machen will, was sich einst sozialistisch nannte, vermag mit noch weniger Gewißheit als ein »ehemaliger DDR-Bürger«, sich die Wirklichkeit von damals ins Bewußtsein zu rufen.
Ein wichtiges Angebot, dies abzustellen, ist das Buch Vom Kombinat zur Aktiengesellschaft. Zwar beschränkt es sich im Untertitel auf die Ostdeutsche Energiewirtschaft im Umbruch in den 1980er und 1990er Jahren, doch ist es viel mehr als eine Firmengeschichte der Vereinigte Energiewerke AG (VEAG) – auch wenn so der ursprüngliche Arbeitsauftrag lautet. Denn in ihm werden typische Erscheinungen und Probleme der DDR in Wirtschaft und Gesellschaft reflektiert. Dieses Buch liest sich mitunter so spannend wie ein Wirtschaftskrimi und so ergreifend wie ein Roman, denn es verbindet die sachliche Auswertung von Archivalien aller Art und von allen Leitungsebenen des ostdeutschen Energiewesens mit der Wiedergabe heutiger Reflexionen während persönlicher Befragungen – vom Facharbeiter bis zum Direktor.
Deshalb kann es geschehen, daß mancher, der das alles selbst so oder ähnlich erlebte, bei der Lektüre noch einmal dieses Lebensgefühl spürt: ein seltsames Gemisch aus Wut, manchmal auch Verzweiflung, und einem Selbstwertgefühl dank eigener Leistung, aus heißen Wünschen und schwer erfüllbaren Träumen und der großen Befriedigung, wenn sich dieser oder jener, mitunter auch »sehr einfache« Wunsch erfüllte; ganz anders als in der jetzigen »Überflußgesellschaft«.
Wer sich als Außenstehender eine Vorstellung von diesem verschwundenen Staatswesen machen möchte, der kann gewiß sein, daß ihm ein Bild gezeichnet wird, das den tatsächlichen Verhältnissen sehr nahekommt, nicht geschönt, aber auch nicht Schwarz in Schwarz gemalt. Der nachgezeichnete Weg vom Kombinat der späten DDR zum privatwirtschaftlichen Konzern in den 1990er Jahren beleuchtet die Schwierigkeiten, vor die nicht nur die betroffenen Menschen gestellt waren, sondern mit denen sich auch in der spezifisch deutsch-deutschen und internationalen Wettbewerbssituation auseinandergesetzt werden mußte und die es zu bewältigen galt. Was letztlich auf Dauer nicht gelang und was das baden-württembergische PEN-Club-Mitglied Michael Schneider von einer »historischen Mitverantwortung des Westens« für die Gebrechen des realen Sozialismus sprechen ließ.
Zwar kann der Leser den Umbruch im Energiewesen Ostdeutschlands noch einmal nacherleben; aber dessen Bewertung wird ihm nicht leichtfallen. Auch das spricht für die unvoreingenommene Darstellung des Prozesses durch die Autoren. Wer wollte auch leichtfertig zwanzigtausend verschwundene Arbeitsplätze (von ehemals achtundzwanzigtausend) aufrechnen gegen die Freiheit eines jeden, zu reisen, wohin er möchte? Läßt sich der Verlust bestimmter sozialer Ansprüche im Betrieb und weitgehender sozialer Sicherheit in die Waagschale werfen gegen ein für viele Menschen rasch verbessertes Lebensniveau, gegen ein stark verbessertes Warenangebot für die Bevölkerung oder beispielsweise gegen die Möglichkeit eines der Befragten, sich einen jahrzehntelang gehegten Wunsch zu erfüllen und eine eigene Fahrschule zu eröffnen?
Eine Bewertung des Prozesses ist auch insofern schwierig, als sich dieser Umbruch in den Betrieben in scharfen Auseinandersetzungen bei gleichzeitiger bedeutender Einflußnahme aus dem Westen vollzog: um die Sicherung von Macht- und von sozialen Positionen, um den Verbleib und das Schicksal dieses in vier Jahrzehnten erarbeiteten Volkseigentums. Diese Schwierigkeiten betreffen nicht nur den Gesamtprozeß der Privatisierung, sondern auch einzelne damit verbundene individuelle Schicksale. Das drückt sich in den ambivalenten Stellungnahmen der Befragten aus.
Für diese haben sich viele mit der »Wende« verbundene Hoffnungen nicht erfüllt. Soweit sie nicht durch Dauerarbeitslosigkeit an den Rand der Gesellschaft gespült wurden, sehen sie sich selbst zwar in einer erheblich verbesserten, aber nicht prinzipiell anderen Lage. Als Arbeiter und Leiter in der Kombinatshierarchie kämpften sie pflichtbewußt und aus tiefem Verantwortungsbewußtsein gegen Witterungsunbilden, Material- und sonstige Versorgungsprobleme, um die Wirtschaft mit Elektroenergie stabil zu versorgen – sogar in der dramatischen Situation, als nach dem 9. November 1989 ringsum viele Beschäftigte alles stehen und liegen ließen, um im Westen »Begrüßungsgeld« abzuholen. Heute haben sie sich an gleicher Stelle, im selben Betrieb, zwar nicht mehr mit Versorgungsnöten unter dem Kommando einer zentralisierten Planwirtschaftsbürokratie abzumühen. Statt dessen plagen sie sich als »Arbeitnehmer« einer Aktiengesellschaft – nicht weniger verantwortungsbewußt – mit einem viel strafferen Arbeitsregime in einem verschärften Konkurrenzverhältnis zwischen den Kollegen und mit der ständigen Sorge um den Arbeitsplatz und um die eigene soziale Sicherheit.

Jörg Roesler, Dagmar Semmelmann: Vom Kombinat zur Aktiengesellschaft. Ostdeutsche Energiewirtschaft im Umbruch in den 1980er und 1990er Jahren, Verlag J. H. W. Dietz Nachf. Bonn 2005, 58 Euro