20. Jahrgang | Nummer 8 | 10. April 2017

Paternoster

von Bov Bjerg

Erster Arbeitstag
Im Amtsgebäude gibt es einen Paternosteraufzug. Sinnbild des ewigen Auf und Ab. Alles fließt. Steiler Aufstieg, jäher Fall. Himmel und Hölle, Yin und Yang, Lolek und Bolek. Am ersten Arbeitstag schon den Titel für meinen großen Büro-Roman gefunden: „Paternoster“.

Dritter Tag
Kollege Sonnberger bringt sich immer Buletten mit, die er in der Mittagspause heimlich im Büro verzehrt. Sagt, er hätte zu tun. Ich brauche mich nicht zu verstecken. In der Kantine Eisbein gegessen. Hat etwas Ehrliches. Etwas Archaisches. Werde jetzt immer Eisbein essen. Hemingway geht zum Stierkampf, ich esse Eisbein.

Achter Tag
Nach reiflicher Überlegung zum ersten Mal mit dem Paternoster gefahren. Darin eine Tafel: „Weiterfahrt durch Boden oder Keller ist ungefährlich.“ Kenne niemanden, der behauptet, er sei in einem Paternoster schon mal unten oder oben herumgefahren. Das heißt: Es gibt keine Überlebenden!

18. Tag
Noch vor Arbeitsbeginn zur Stärkung der Willenskraft Paternoster gefahren. Im Erdgeschoss ausgestiegen, Aktentasche unauffällig drin stehengelassen. Kabine kam aus dem Keller, Aktentasche stand unversehrt, so wie ich sie zum letzten Mal gesehen hatte. Aktentasche müsste man sein. Neuer Romantitel: „Versuch über den Paternoster.“ Am Eisbeinknochen einen Zahn ausgebissen.

20. Tag
Vormittags Fingerspitze in Schreibtischschublade geklemmt. Vor Schmerz zum Paternoster gehumpelt. Dann doch Treppen gestiegen. Treppensteigen hat etwas Ehrliches. Etwas Archaisches. Mittags Spinat mit Ei.

34. Tag
Habe Sonnberger versprochen, dass er in meinem Roman vorkommt, wenn er mir hilft, den großen Gummibaum aus dem Büro zum Paternoster zu tragen. Gummibaum durch den Keller fahren lassen. Er zitterte etwas, als er wieder hochkam, und ein welkes Blatt war abgefallen!

37. Tag
Habe Sonnberger versprochen, ihm ein ganzes Kapitel zu widmen, wenn er das Meerschweinchen seines Sohnes mitbringt.

38. Tag
Sonnberger hat Meerschweinchen mitgebracht. Meerschweinchen in den Paternoster gesetzt und durch den Keller fahren lassen. Kabine kam wieder hoch, leer. Sonnberger zwei Euro gegeben. Neuer Romantitel: „Paternoster oder: Wem die Stunde schlägt.“

39. Tag
Am Vormittag kleiner Streit mit dem Kollegen Sonnberger. Er nimmt mir die Sache mit dem Meerschweinchen immer noch übel. Am Nachmittag wieder Versöhnung. Habe Sonnberger versprochen, meinen Büro-Roman »Sonnberger« zu nennen, wenn er einmal mit dem Paternoster durch den Keller fährt. Hat sich Bedenkzeit ausgebeten.

42. Tag
Ohne Sonnberger ist das Büroleben nicht mehr zu ertragen. Ich spüre, dass meine Studien an einem Wendepunkt angelangt sind. Mittags Hühnerbrühe. Ob ich es selbst wage?

– Bricht hier ab.

Aus: Bov Bjerg. Die Modernisierung meiner Mutter. Geschichten, © Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin 2016, 150 Seiten, 16,00 Euro. Übernahme mit freundlicher Genehmigung des Autors und des Verlages.
Nächste Lesungen:
25.04. Düsseldorf (Schauspielhaus), 26.04. Mainz (Lomo-Buchbar), 27.04. Herbrechtingen (Büchereizentrum Kloster), 28.04. Karlsruhe (Jubez), 04.05. Berlin-Friedrichshagen (Bobrowskis Mühle). Weitere Termine und Informationen auf der Homepage des Künstlers.